Die Sprachen für Distanz und Nähe

19. Oktober 2009, 19:08
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Die 29-jährige Stephanie Mold wird ausgezeichnet

"Ich bin in einem kleinen Dorf in der Mitte von Nirgendwo aufgewachsen", vertraut Stephanie Mold Emir, einem türkischen Bekannten, an. "Außer mir und meinem Bruder gab es dort keine Kinder. Die einzige Unterhaltung war die Kirche am Sonntag. Wenn du mich also fragst, ob ich religiös bin: Ja, das bin ich".

Emir ist Teil von Molds Projekt "My beds in Istanbul", das sie während eines zweijährigen Istanbul-Aufenthaltes realisierte. Über Blicke in fremde Schlafzimmer zeichnete sie das Bild einer Stadt aus einer neuen, für eine Fremde in der Türkei mutigen Perspektive. Mut und Überwindung gehöre zu ihrer Kunst dazu, verrät Mold (29), die an der Linzer Kunstuniversität Malerei studiert. Ihre stets sehr narrativen und persönlichen Arbeiten präsentiert Mold entsprechend unmittelbar und nahsichtig - ob nun als Blick in kleine Kartonboxen oder zu Kaleidoskopen arrangiert. Oder ihre Arbeiten zeichnen sich direkt auf ihrer Haut ab: Als Tattoo wie in Rebell without a clue, einer Reise auf der Donau bis zur Mündung.

Die Erfahrungen der Istanbuler Zeit jedoch flossen auch in Molds aufwändig bestickte und dadurch Materialität und kostbares Flair hinzugewinnende Blätter der Serie Meet me there. Intimer erzählt davon ihr heuer erschienener erster Roman Ich bin wie Zucker. Sie hatte mehr sagen wollen als mit ihren Zeichnungen, die magisch und geheim bleiben sollten, erklärt sie den Griff zum Material Sprache. Nun genieße sie es allerdings wieder, mehr Distanz zu haben.

Am Montag erhielt die Künstlerin das mit 10.000 Euro dotierte Ö1-Talentestipendium. Christoph Meier, der an der Akademie der bildenden Künste in Wien studiert, erhielt den Förderpreis der Karl-Anton-Wolf-Stiftung. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD; Printausgabe, 20.10.2009)

  • Zeichnung als geheimere Erzählform: Besticktes Blatt aus Stephanie Molds Serie "Meet me there" (2008).
    foto: mold

    Zeichnung als geheimere Erzählform: Besticktes Blatt aus Stephanie Molds Serie "Meet me there" (2008).

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