Rundschau: Die Macht des Narrativiums

    21. November 2009, 13:18
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    "Vilm", "Terror", "Winterwende", "Roter Zwerg", "Die Saat", "Der Effekt" und Bücher von Mike Ashley, Jack McDevitt, Patrick Ness und Terry Pratchett

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    coverfoto: heyne

    Guillermo del Toro & Chuck Hogan: "Die Saat"

    Gebundene Ausgabe, 523 Seiten, € 20,60, Heyne 2009.

    ... mal eben auf die veröffentlichten Rezensionen geschielt: Yep, überall prangt fett und feist das Wort "Vampirroman", die Angst vor etwaigen Spoilern hat sich damit erledigt. Im Klappentext wird die Zuordnung nämlich absichtlich nicht erwähnt, und auch im laufenden Text taucht das V-Wort zum ersten Mal sage und schreibe auf Seite 282 auf. Was übrigens bemerkenswert ist, immerhin stapeln sich zu diesem Zeitpunkt bereits blutentleerte Leichen, die nicht verwesen wollen und Wunden am Hals aufweisen: Zwar nicht das ikonische Doppellöchlein, sondern einen winzigen Schnitt ... aber trotzdem: läge der Gedanke an Vampire da nicht irgendwie nahe? Ein mit Erde gefüllter Holzsarg steht schließlich auch gut sichtbar in der Gegend herum. Horror-Autoren wie Brian Keene oder David Moody hätten ihre ProtagonistInnen zu diesem Zeitpunkt bereits sämtliche Möglichkeiten ventilieren lassen und mit Genre-Assoziationen nur so um sich geworfen. Schließlich sind 100 Jahre Populärkultur nicht so leicht aus den Köpfen zu bringen, auch nicht aus denen von Romanfiguren. Paradoxerweise lässt ausgerechnet Guillermo del Toro, der doch als Regisseur von Filmen wie "Mimic" oder "Hellboy" fest in ebendieser Pop-Kultur verankert ist, die Hauptfiguren seines Roman-Debüts nicht so weit denken. Die erste Unglaubwürdigkeit, auf die allerdings noch so manche andere folgen wird.

    "Denk lieber an jemanden mit einem schwarzen Cape. Mit langen Zähnen. Und einem komischen Akzent. (...) Und dann ziehst du das Cape und die langen Zähne wieder ab. Und den komischen Akzent. Alles, was irgendwie komisch wirkt." Hinter "Die Saat" ("The Strain"), das del Toro gemeinsam mit Hammett Award-Gewinner Chuck Hogan geschrieben hat, steckt explizit der Wunsch, das Vampir-Genre in eine interessantere Richtung als den Erotik-Scheintod, in dem es in den vergangenen Jahren zusehends versumpfte, zu manövrieren. Von den (heterosexuellen) Liebesschnulzen einer Stephenie Meyer bis zum (schwulen) Vampir-Sexclub der TV-Serie "The Lair" ist für jedeN was dabei; selten ist es gut. Und wenn die ersten Flattermann-Romane in der Buchhandlung erst mal im Regal "Freche Frauen" (das gibt's tatsächlich!) aufgetaucht sind, sollten die Alarmglocken im Genre wirklich schrillen. "Thanks, but no fangs" titelte die "Guardian"-Bloggerin zur Zeit der heurigen "Hugo"-Verleihung und rundete es mit dem Bildkommentar It sucks: A vampire treffend ab. Denn was ist das noch anderes als die alten Liebesromane/Heimchen-am-Herd-Softpornos vom Supermarktständer - bloß adaptiert für ein Zeitalter, in dem einige Jahrzehnte Bekenner-Talkshows ein bisserle SM auch noch im biedersten Haushalt salonfähig gemacht haben? (Um Missverständnissen vorzubeugen: Gegen den Trend zur Offenheit ist rein gar nichts zu sagen - nur gegen die allzu vielen ätzenden Bücher, die daraus kitschige Geschichten häkeln.)

    Del Toros anderer Zugang ist daher prinzipiell begrüßenswert - und dass der Innovationswille mit einer astreinen Hommage an die Anfänge des Genres Hand in Hand geht, verleiht dem Ganzen eine schöne Extra-Note: In Bram Stokers 1897 erschienenem "Dracula" trifft ein menschenleeres Schiff am Hafen von Whitby ein. In "Die Saat" landet eine Boeing 777 am JFK-Airport von New York, der Funkverkehr reißt unmittelbar nach dem Aufsetzen ab, die Lichter gehen aus - und als die Flughafensicherheit in die Geistermaschine vordringt, finden sie alle Passagiere und Crewmitglieder tot vor. Mit ein paar wenigen Ausnahmen, wie sich später herausstellen wird, aber auch die sind außer Gefecht. Der Landung des Flugzeugs und seines blinden Passagiers sieht nur eine Nebenfigur mit Freude entgegen: der alternde Milliardär Eldritch Palmer, der in abgeschotteten Räumen an der Hämodialyse hängt (ahaaa, denkt man ... liegt damit aber vermutlich falsch). Alle anderen schaudert es schon beim bloßen Anblick des Flugzeugs: Ephraim Goodweather, einen leitenden Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde CDC, ebenso wie Abraham Setrakian, einen Überlebenden der Shoa, der nach dem Krieg lange Zeit Literaturprofessor in Wien war und nun eine Pfandleihe im Big Apple betreibt. In großem Stil wird die Spannung hier in erster Linie behauptet - denn von den Haupt- bis zu den diversen Nebenfiguren am Flughafen werden alle von irrationalen Anwandlungen gepackt, die nicht immer nachvollziehbar erscheinen. Selbst eine Astronautin auf der ISS hat beim Anblick der nahenden Sonnenfinsternis böse Vorahnungen, und zumindest ihr sollte doch eine nüchternere Perspektive auf das Himmelsphänomen zu eigen sein.

    Apropos totale Sonnenfinsternis in New York: Entweder befinden wir uns also im Jahr 1925 (was aufgrund der beschriebenen Alltagstechnik und der Wiederaufbau-Arbeiten am "Ground Zero" unmöglich ist) oder 2079 (was aus denselben Gründen äußerst unwahrscheinlich erscheint; außer die Welt hat sich 70 Jahre lang so richtig gar nicht verändert). Den Einwand mögen jetzt manche für kleinkariert halten, aber derlei Schlampigkeiten (wie kommen römische Ruinen neben ein in Polen gelegenes KZ??) sind nicht nur für sich erstaunlich, sondern lassen auch Rückschlüsse darauf zu, wie genau es der Roman mit seiner inneren Logik nimmt. Worauf ein strengerer Blick erlaubt sein muss, immerhin machen sich del Toro und Hogan aus dem Munde ihrer Hauptfiguren mehrfach über die Knoblauch&Kruzifix-Klischees des Genres lustig, um den Vampirismus auf eine "wissenschaftlichere" Ebene zu hieven. Soll heißen: den Ausbruch einer Art Epidemie, wie es der Zombie-Roman schon länger tut. Aber auch hier gibt es viele kleine Unstimmigkeiten, etwa was die übertragenden Organismen anbelangt, das Tempo des Infektionsvorgangs, das mal ja, mal eher nicht vorhandene Kollektivbewusstsein der Befallenen - oder die (wiederum recht unterschiedlich geschilderte) Wirkung von Sonnenlicht. Letzteres ist dann doch wieder ein Rückgriff auf das magische Vampirbild - zumindest solange die Sonne nicht mit Laserstrahlen vom Himmel ballert.

    Insgesamt bietet der Roman einiges an Spannung - man darf bloß nicht allzu sehr nachdenken dabei. An vielen Stellen merkt man del Toros filmische Herangehensweise - etwa wenn beschrieben wird, welchen optischen Eindruck eine Figur vor ihrem Hintergrund abgibt: Das liest sich ein bisschen wie die Beschreibung einer Einstellung in dem Drehbuch, zu dem die Geschichte vielleicht eines Tages umgemünzt wird. Und auch die hastigen Schlusskapitel, die in Verfolgungsjagd und Showdown münden, haben eher mit del Toros Sequel "Blade 2" zu tun als mit der angepeilten literarischen Rahmenhandlung von Meistern, die sich die Erde untereinander aufteilen. Kurz gesagt: Guillermo del Toro ist eindeutig ein besserer Regisseur als Autor. Da "Die Saat" aber eh nur der furiose Auftakt zu einer atemberaubenden Trilogie ist (noch so eine Infektion, Patient Zero war in dem Fall die Fantasy), bleibt ja in den folgenden Teilen noch Platz für Steigerungen.

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