Rundschau: Die Macht des Narrativiums

    21. November 2009, 13:18
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    "Vilm", "Terror", "Winterwende", "Roter Zwerg", "Die Saat", "Der Effekt" und Bücher von Mike Ashley, Jack McDevitt, Patrick Ness und Terry Pratchett

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    coverfoto: running press

    Mike Ashley (Hrsg.): "The Mammoth Book of Extreme Fantasy"

    Broschiert, 562 Seiten, Robinson 2008.

    Alle, die argwöhnen, "Fantasy" wäre das englische Wort für "Klischee", finden hier einen hervorragenden Grund zum Umdenken. Überhaupt ist das Anthologien-Konzept des britischen Phantastik-Publizisten Mike Ashley der Tipp in Sachen Special Interest - da gibt es etwa das "Mammoth Book of Mountain Disasters", "... of War Comics" oder "... of Egyptian Whodunnits". Das "Mammoth Book of Extreme Fantasy" mit dem verheißungsvollen Zusatz "To the Ultimate Limit" ist - weit, weit jenseits von Elfen und Zwergen - der most liberated form of fiction gewidmet und kostet diese Freiheit in vollem Umfang aus. Ashley wählte Geschichten ausschließlich nach dem Gesichtspunkt aus, dass sie eine fantastische Grundidee aufweisen und diese bis zur letzten Konsequenz weiterentwickeln.

    In exemplarischer Weise demonstriert dies "The Old House Under the Snow" von Rhys Hughes: Es beginnt als recht konventionelle Abenteuergeschichte zweier Männer, die das vor langer Zeit von einer Lawine verschüttete Haus eines reichen Exzentrikers ausgraben wollen. Sie finden es - doch als sie die Heizung anwerfen, beginnt das Haus zu sinken. Unter ihnen taut das Eis auf, über ihnen friert es wieder zu. Wie im Fahrstuhl geht es unaufhaltsam nach unten ... bis sie auf dem Dach eines weiteren, wesentlich größeren Hauses landen. Dort wiederholt sich der Prozess, bis die in weiterer Folge vorgefundenen Häuser so groß wie Kontinente und irgendwann vielleicht größer als der ganze Planet sind. Die Abenteurer erinnern sich an eine regionale Legende, dass jener Exzentriker das Haus als Falle für Satan gebaut haben könnte ... allmählich drängt sich daher die bange Frage auf, ob etwa einer von ihnen beiden der Leibhaftige sei. Und das ist noch nicht einmal der endgültige Überraschungseffekt, den Hughes servieren wird ...

    Im Sinne einer Beerenlese enthält die Anthologie insgesamt 24 Wiederveröffentlichungen aus den Jahren 1964 bis 2006, der Großteil davon stammt aus den 90er und 00er Jahren. Ein einsamer Ausreißer ist das 1912 geschriebene  "Eloi Eloi Lama Sabachthani" von William Hope Hodgson, in dem ein religiös motivierter Wissenschafter eine chemische Substanz entwickelt, die die Auswirkungen der Passion Christi auf den "Äther" rekonstruierbar macht - mit verheerendem Potenzial. Das Alter von fast einem vollen Jahrhundert ist der Geschichte in keinster Weise anzumerken! Da weht, aufgrund der literarischen Selbstbezüge, der Atem der Zeitgeschichte schon eher in Michael Moorcocks "Elric at the End of Time": Hier lässt der Altmeister seinen Fantasy-Helden und späteren Eternal Champion Elric von Melniboné in einer Alles-ist-möglich-Fernzukunft à la "An Alien Heat" ("Die Zeitmenagerie") auf eine Gruppe Zeitreisender treffen. - Die Anthologie ist übrigens nach Zugänglichkeit gegliedert, mit leichter Verdaulichem zu Beginn und fortgesetzter Steigerung ins Fantastische, Extreme und Irrsinnige im weiteren Verlauf. Natürlich ist diese Reihung eine subjektive, die jeder für sich anders treffen könnte  ... so kommt etwa das kaum noch lesbare "Jack Neck and the Worry Bird" von Paul di Filippo erstaunlicherweise nicht als allerletzte Geschichte. Wenig anzuzweifeln hingegen das andere Ende der Skala: Gut geerdet und daher leicht nachvollziehbar die Auftakt-Geschichte, "Senator Bilbo" von Andy Duncan. Darin verschmilzt der US-Autor den Tolkien-Helden mit einem (real existiert habenden) Senator aus Mississippi namens Theodore Bilbo, der für Rassentrennung eintrat. In der - durchaus melancholischen - Geschichte wird daraus ein Baggins-Nachfahre in politischer Position. Noch ganz nach dem Gut-Böse-Schema des Roten Buchs der Westmark erzogen, muss Senator Bilbo erleben, wie das Auenland durch Immigration von Orks & Co zu einer multikulturellen Gesellschaft geworden ist ... und er zu einer bemitleidenswerten Figur, an der die Zeit vorbeigezogen ist.

    Elric und Bilbo bleiben aber fast die einzigen "klassischen" Fantasy-Figuren, denn eine enge Genre-Definition ist Ashleys Sache glücklicherweise nicht. Manches könnte auch unter Mystery, Science Fiction oder gar Horror laufen. Doch dass viele Geschichten eine unheimliche Komponente enthalten, liegt vor allem daran, dass sie sich um die Auflösung der Realität in ihrer gewohnten Form drehen, und das auf ganz unterschiedliche Weise: Jonathan Lethem etwa, ein Meister des Surrealen, beschreibt in "Using It and Losing It", wie sich sein Protagonist gezielt daran macht, seine Muttersprache Wort für Wort zu vergessen - und sich so aus der menschlichen Gesellschaft zu lösen beginnt. Nicht minder existenzialistisch kann es aber in Comics zugehen: Der Titelheld von David D Levines "Charlie the Purple Giraffe was Acting Strangely" hat sein ureigenstes "Matrix"-Erlebnis, als ihm der Gedanke keine Ruhe mehr lässt, dass es zwischen den Segmenten seiner Cartoon-Welt eine weitere geben könnte, aus der er beobachtet wird. Und das ist dann letztendlich gar nicht so komisch, denn ohne diese Beobachtung durch die geheimnisvollen readers würde seine Welt womöglich aufhören zu existieren ... vermutet Charlie ganz richtig. Leider werden seine eher tiefgründigen als unterhaltsamen Grübeleien letztlich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. - Und wer glaubt, dass dem Leben nach dem Tod keine neuen Aspekte mehr abzugewinnen sind, der möge "Radio Waves" von Michael Swanwick lesen: In berührender Weise schildert der Autor den "Überlebenskampf" kürzlich Verstorbener, die in einer buchstäblich auf den Kopf gestellten Welt verzweifelt versuchen die Fragmente ihrer Erinnerungen zusammenzuhalten. Und so ganz nebenbei werden hier die Fragen beantwortet, warum man bei Nahtod-Erfahrungen seinen Körper von oben sieht und ob im Weißen Rauschen von Rundfunkwellen wirklich Botschaften aus dem Jenseits enthalten sind.

    Zwei reichlich bizarre Missionen gehen in Howard Waldrops "Save a Place in the Lifeboat for Me" und Tim Pratts "Cup and Table" auf die Reise: In ersterem hetzen Komiker-Paare der 40er Jahre wie Stan & Ollie oder Abbott & Costello in lebensrettendem Geheimauftrag zum Schauplatz einer Rock'n'Roll-Show (die absurde Geschichte könnte in der Anthologie deutlich weiter hinten gereiht werden). In letzterem macht sich eine Gruppe von übernatürlich begabten Menschen und personifizierten Abstrakta auf den Weg zu Gott - die einen, um ihm DIE FRAGE zu stellen, die anderen, um ihn zu töten. - Berührend und verstörend zugleich "I Am Bonaro" von John Niendorff: Die leise Geschichte eines verwirrten alten Mannes, der seine Gestalt ändern kann und verlorene Teile seines Selbst sucht. Zusammenhanglose Erinnerungsfetzen lassen ahnen, dass er ein mehrfacher Mörder ist - dennoch wird er einem letztlich unendlich leid tun. - Abschließend noch zwei echte Highlights: "Tower of Babylon" vom König der Kurzgeschichte, Ted Chiang (hier der Rückblick auf die vorjährige Rezension; den Mann kann man gar nicht oft genug empfehlen). Und "I, Haruspex" von Christopher Priest, heavy stuff indeed. Der spätestens mit der Verfilmung seines Romans "The Prestige" weltberühmt gewordene Autor siedelt die Geschichte um seinen Protagonisten James Owsley in England kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs an. Owsley erlangt mentale Kräfte, indem er - urrrx - die Tumore anderer Menschen verzehrt; schön von der Köchin zubereitet. Mit seinen Kräften hält er nicht nur Lovecraftsche Monstrositäten vom Aufstieg in unsere Welt ab, sondern auch ein deutsches Bomberflugzeug wie am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs in zeitloser Gefangenschaft fest. Alle drei Motive werden schließlich in einem grandiosen realitätsverschiebenden Finale zusammenlaufen.

    Exzellenter Lesestoff!

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