Rundschau: Die Macht des Narrativiums

    21. November 2009, 13:18
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    "Vilm", "Terror", "Winterwende", "Roter Zwerg", "Die Saat", "Der Effekt" und Bücher von Mike Ashley, Jack McDevitt, Patrick Ness und Terry Pratchett

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    coverfoto: edition phantasia

    Brian W. Aldiss: "Terror"

    Broschiert, 214 Seiten, € 15,40, Edition Phantasia 2009.

    Kann es sein, dass Brian Aldiss - einer der größten Namen in der Science Fiction des 20. Jahrhunderts - heute nicht mehr zugkräftig genug ist, dass sich die Großverlage um die Übersetzung eines neuen Romans reißen würden? Kurz rekapituliert: Da gab es etwa das monumentale Epos "Helliconia", das im Rahmen eines SF-Kontextes eine Fantasy-Handlung entspann, die maßgeblich von den Umweltbedingungen auf einer Welt mit jahrhundertelangen Jahreszeiten geprägt war. Oder den aberwitzigen Endzeit-Roman "Hothouse" ("Der lange Nachmittag der Erde"), in dem die letzten Menschen in einer fernen Zukunft ein primitives Leben als Jäger, Sammler und vor allem Flüchter fristen - auf einer Welt, in der die Tiere ausgestorben und mobile Pflanzen bis zum Mond hinauf gewachsen sind. Oder am anderen Ende der Realismus-Skala dystopische Romane wie "Earthworks" ("Tod im Staub"), eine frühe Warnung vor den gesellschaftlichen Folgen der Umweltzerstörung. Und nicht zuletzt den psychedelischen Trip "Barefoot in the Head" ("Barfuß im Kopf"), mit dem Aldiss Ende der 60er die Grenzen des Möglichen noch stärker auslotete als zur gleichen Zeit Michael Moorcock. "Terror" wirkt wie ein Substrat aus all den divergierenden Stilrichtungen, die der große Brite im Lauf seiner über 50-jährigen Schriftstellerlaufbahn eingeschlagen hat. Dank der kleinen aber feinen Edition Phantasia ist der Roman nun auch auf Deutsch erhältlich.

    Es gab einmal eine sorglose Zeit, als man noch Dummheiten machen durfte, aber diese Zeit war vorbei. Dies war die Zeit der Ernsthaftigkeit, des Kriegs gegen den Terror. Eine solche "Dummheit" hat Paul Fadhil Abbas Ali begangen, ein junger britischer Autor, der in einem humoristisch gemeinten Roman zwei Figuren über die Ermordung des britischen Premierministers scherzen ließ. Eine kleine, nebenrangige Szene - aber dem Hostile Activity Research Ministry (kurz: "Harm", so auch der Titel der 2007 erschienenen Originalausgabe von "Terror") ist sie aufgefallen. Dass Paul, Atheist hin oder her, "verdächtiger" Abstammung ist, bessert seine Lage auch nicht gerade. Schon zu Beginn findet er sich zum Gefangenen B reduziert in einer Art Zelle wieder. Wie bei Orwell gilt Aldiss' Folterern die Verhaftung bereits als Schuldbeweis: Paul wird mehrfach verhört, misshandelt und psychisch gequält ("Wie alt werden Sie nächstes Jahr um diese Zeit sein?" - "Zweiundzwanzig." - "Zweiundzwanzig oder tot. Sagen Sie es."). Wo er sich befindet, weiß Paul nicht; man nennt ihm Usbekistan, doch ist das Gebäude offensichtlich - gleichsam ein Symbol für die zivilisatorische Selbstaufgabe des Westens - eine abgenutzte, recht britisch wirkende ehemalige Villa, die durch Trennwände in "Befragungszimmer" parzelliert wurde, aus denen die Schreie anderer Gefangener zu hören sind.

    ... soweit die erste Ebene. Doch Paul lebt unter dem Namen Fremant auch in einer zweiten Welt, einem Planeten namens Stygia. Der Krieg gegen den Terror ist für die wenigen, die sich noch daran erinnern können, die ferne Vergangenheit: Sie sind die Nachkommen derer, die ins All flohen, nachdem das mythische Land derwesten in immigrationsbedingten Konflikten zerbrach. Als DNS-Matrizen mit willkürlich zusammengestellten Erinnerungen kamen die Flüchtlinge auf Stygia an; ein Neubeginn von Null an. Und dennoch wiederholt sich auch hier die Geschichte der Menschheit, beginnend mit der Ausrottung der indigenen Bevölkerung als "Ursünde" und fortgesetzt in Manipulation, Tyrannei und religiösen Konflikten. Diese duale Handlung lässt unwillkürlich an Kurt Vonneguts "Slaughterhouse-Five" denken. Zwar betreibt Aldiss in "Terror" nicht wie Vonnegut die Auflösung der linearen Zeit, doch reichen sich die beiden Handlungsebenen mehrfach die Hand: So gerät Fremant wiederholt in Konflikt mit den Obrigkeiten und erlebt Gefangenschaft und Folter parallel zu Pauls Verhören - oder er lernt die mannigfaltige Insektenfauna Stygias kennen, während Paul eine neue Zelle voller Kakerlaken, Flöhen und Moskitos vorfindet. Überdies wird die Aufsplitterung auch im kleineren Rahmen weitergeführt: Ein "Yargo" genannter Aspekt Pauls wird kurzfristig in die Welt gesetzt, um sogleich wieder zu verschwinden - und selbst die Charaktere in dem Buch, das Paul in die Scheiße geritten hat, lebten auf zwei Ebenen der Wirklichkeit. Eine einfache Erklärung für alle diejenigen, die das Spiel mit dem Persönlichkeitssplitting nicht schätzen, wird dadurch angeboten, dass in einer medizinischen Akte auf Pauls Neigung zur Entwicklung einer Multiplen Persönlichkeitsstörung hingewiesen wird. Was man akzeptieren kann, aber nicht muss.

    Von Anfang an trägt Stygia deutliche Züge eines Abstraktums - alleine schon in Hinblick auf den Namen. Und der Tyrann, der in Stygia City unter dem Verbot von Technik und Kunst ein asketisches Regime errichtet hat, heißt unter Verweis auf eine andere Mythologie: Astaroth. Aldiss baut einige glänzend bösartige Wortspiele ein - etwa wenn die Vertreter der Western Allied Alliance abgekürzt WAAbiten heißen, was nicht von ungefähr genauso klingt wie die Angehörigen der erzkonservativen muslimischen Strömung der Wahhabiten. Eine gelungene Gleichsetzung unter dem Vorzeichen weltanschaulicher Engstirnigkeit - dem stehen einige eher krude Gedankengänge gegenüber. "Terror" ist nicht so leicht zu fassen. Es trägt viele typische Ich-gebe-mein-Statement-zur-Lage-der-Welt-ab-Züge, wie sie AutorInnen gerne entweder am Anfang oder am Ende ihrer Laufbahn in ihre Romane einfließen lassen. Und nicht alles an dem kurzen aber labyrinthischen Alterswerk geht auf - dennoch bleibt es ein ausgesprochen interessantes Buch.

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