Ein Kabelsalat im Dschungel der Katastrophen

16. Oktober 2009, 21:39
posten

Kathrin Rögglas "worst case" am Schauspielhaus Wien

Wien - Wann ist es wirklich Zeit für Panikeinkäufe? Wenn die Atomkraftwerke der Nachbarschaft leck werden? Und solle man wegen allfälliger Pandemien nur mehr mit Mundschutz nach London fliegen? Und wann fahren alle endlich nur mehr mit Biosprit zwecks weniger Treibhausgasen? Fragen, auf die wir alle keine genauen Antworten haben und die in den Nachrichtenblöcken höchstens noch als kleine Muntermacher dienen.

Themen, die vorwiegend dem dokumentarischen Genre überlassen werden, greift die österreichische Dramatikerin Kathrin Röggla in Theaterstücken auf. In dem 2008 uraufgeführten worst case setzt sie sich mit der Wahrnehmbarkeit von Katastrophen auseinander. Es geht um die Beobachtung von schlimmen Ereignissen, die Reaktionen darauf sowie in Betracht gezogene Maßnahmen.

Am Wiener Schauspielhaus, das nun in Koproduktion mit dem Theater am Kirchplatz in Liechtenstein worst case als österreichische Erstaufführung herausbrachte, setzt Regisseur Lukas Bangerter ganz auf Slapstick. Aus den grauen Kabinenfenstern einer an B-Movie-Ausstattung erinnernden Kommandobrücke (Bühne: Aurel Lenfert) blicken fünf enthusiasmierte Leitstellenarbeiter hinaus auf einen nicht näher definierten Katastrophenraum.

Knöpfe werden hastig gedrückt, Zeit für einen Automatenkaffee bleibt aber immer noch, irgendwann fällt ein fertig angemachter Kabelsalat auf den Kopf einer lediglich als "Piepsstimme" bezeichneten Dame (Nicola Kirsch).

Keine gesicherten Aussagen

Röggla bildet Sprechweisen ab. Die Stücke entwickelt sie aus genauen Recherchen, die sich am jeweiligen "Sprachgegenüber" entzünden. Es fallen Begriffe wie "Gefahrenbericht" oder "Manöververwirklichung" . Die Figuren (in weiteren Rollen gespielt von Vincent Glander, Katja Jung, Steffen Höld und Max Mayer sowie der als stummes "Ich" auftretenden Bettina Kerl) sind einerseits handelnde, zugleich aber auch über sich selbst reflektierende Personen, die das von ihnen Gesehene, Gedachte, Gehörte in indirekter Rede kommentieren. Zudem implementiert die Konjunktivform eine Ebene der Unsicherheit, d.h. die durchgängigen Möglichkeitsformen lassen keine gesicherten Aussagen zu.

Die Inszenierung findet allzu sehr Gefallen an ihren Slapstick-Nummern, die sich wie eine dicke, lustige Schleife um das Stück legen, es dadurch aber auch zu sehr ins Allgemeine ziehen. Man wird ganz gut unterhalten, bleibt aber ungerührt. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2009)

 

Share if you care.