"Viele Kinder existieren offiziell gar nicht"

16. Oktober 2009, 19:02
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Die "Drehscheibe" in Wien kümmert sich als einzige Einrichtung in Österreich nur um Opfer von Kinderhandel

Ihr Leiter Norbert Ceipek wünscht sich dringend ein nationales Opferschutzzentrum. Nur so könne den Kindern wirksam geholfen werden.

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Wien - "Zehn Jahre Gefängnis für bulgarisches Ehepaar, das Kinder zum Betteln gezwungen und mehrfach vergewaltigt hat." Agenturmeldungen wie diese sind es, die die Welt für Norbert Ceipek wieder ein bisschen in Ordnung bringen.

Zwei Mädchen, ein zwölf- und ein 20-jähriges, das geistig behindert ist, hat das bewusste Paar unter Vorspiegelung falscher Tatsachen (Jobs als Putzfrauen) nach Wien gelockt. Sie wurden in einer Wohnung im 15. Bezirk untergebracht. Die Bulgaren sagten den Kindern, die Miete für die Wohnung betrage 1000 Euro monatlich. Um die aufzubringen, mussten sie betteln. Immer mehr verlangte das Ehepaar, immer brutaler wurden die Prügel, wenn die Kinder nicht "spurten" - plus Vergewaltigungen. Schließlich gelang den Mädchen die Flucht, erst in die Botschaft, dann zu Norbert Ceipek in die "Drehscheibe". Dort erst kamen sie zur Ruhe und "packten aus" - die Grundlage für Festnahme und (erstinstanzliche) Verurteilung des bulgarischen Ehepaars.

Seit 2003 gibt es die "Drehscheibe", sie ist eine Einrichtung der Stadt Wien, gehört zur MA 11, dem Jugendamt. Ceipek baute die Drehscheibe quasi im Alleingang auf. Die Stadt stellte ihm Räumlichkeiten und (wenig) Personal zur Verfügung und ließ ihn machen. Ziel der Drehscheibe ist, ausländische Kinder, die von der Polizei aufgegriffen werden, zu schützen, aufzupäppeln - und in ihre Heimatländer zurückzubringen.

Ceipek unterscheidet verschiedene Opfergruppen: Vor allem ältere Burschen (ab 16) würden von den Banden für Wohnungseinbrüche eingesetzt, jüngere zum Betteln, die Mädchen seien zumeist "ausgebildete Taschendiebinnen" oder illegale Prostituierte. Seine Arbeitsweise erklärt Ceipek so: "Wir sind sehr gut vernetzt mit der Polizei und den Jugendschutzbehörden in den Herkunftsländern."

Daten über Kinder fehlen

Ceipek, der auch beim Symposium an der Diplomatischen Akademie (siehe Artikel links) sprach, vermisst Initiativen wie die Drehscheibe in anderen Städten: "In Graz verbieten sie das Kinderbetteln, dann schieben sie die Kinder ab - und ein paar Wochen später sind sie wieder da." Tatsächlich gibt es in Graz, aber auch in anderen Landeshauptstädten, kein vergleichbares Opferschutzzentrum für "gehandelte" Kinder. Ceipek fordert, unterstützt vom Wiener Jugendstadtrat Christian Oxonitsch (SP), ein Opferschutzzentrum für ganz Österreich: "Wenn alle Bundesländer etwas dazuzahlen, könnte man auf nationaler Ebene viel wirksamer agieren."

Vor allem aus Bulgarien, Rumänien, Serbien, Montenegro, Bosnien, aber immer häufiger auch aus Moldau, Georgien und der Ukraine kommen die Kinder und Jugendlichen. Sehr oft gehören sie der Gruppe der Roma an, und das bedeutet häufig: keine Papiere, nicht einmal eine behördliche Registrierung bei der Geburt. Ceipek: "Viele Kinder existieren offiziell gar nicht." Die logische Folge: keine Papiere, keine Rechte - die Kinder sind leichte Beute für die Menschenhandel-Mafia und werden zur begehrten "Ware".

Zurückgeschickt würden die Kinder freilich nur, wenn gesichert sei, dass sie dort nicht wieder Schleppern in die Hände fallen. Sechs Monate lang kontrollieren Polizei, Botschaften und Mitarbeiter der Drehscheibe, dass die Kinder in Rumänien oder Bulgarien sicher untergebracht werden und eine Schulausbildung bekommen.

Er sei 2007 nach Sofia gefahren, sagt Ceipek, habe dort stundenlang im Büro des damaligen Bürgermeisters und heutigen Premiers Bojko Borissow gewartet und ihn schließlich "überzeugt". Mittlerweile gibt es acht staatliche Hilfsstellen für Kinder in Bulgarien, in Rumänien bereits 48 "emergency-centers". Belgrad plant, eine "Drehscheibe" einzurichten, auch Sarajevo hat Interesse. "Das Wiener Modell gilt dort überall als Vorbild", sagt Ceipek.

Im Oxonitsch-Büro erzählt man gern, dass kürzlich "sogar eine Delegation aus London" angereist sei, die sehen wollte, "wie wir das machen." "Das" bedeutet: Die aufgegriffenen Kinder bekommen Essen und frische Kleidung, werden ärztlich untersucht und auch gleich behandelt. Die Befunde zeugen von ihrem Elend: blaue Flecken am ganzen Körper, Verletzungen im Genital- und Analbereich, Narben durch ausgedrückte Zigaretten, schwere psychische Traumata - und die Kinder "sagen nicht, wer ihnen das angetan hat, weil sie Angst um ihr Leben haben". Erst nach und nach fassen sie Vertrauen und geben Informationen preis, "was in Polizeigewahrsam nie gelingen würde" (Ceipek).

Mithilfe von Hinweisen aus Wien sind seit 2004 allein in Rumänien rund 50 Schlepperringe ausgehoben worden. (Petra Stuiber, DER STANDARD Printausgabe, 17./18.10.2009)

 

  • 7.000 Opfer von Menschenhandel gibt es, laut Schätzungen, allein in
Wien - der Großteil sind Kinder und Frauen, die betteln, stehlen, sich
prostituieren.
    foto: matthias cremer/der standard

    7.000 Opfer von Menschenhandel gibt es, laut Schätzungen, allein in Wien - der Großteil sind Kinder und Frauen, die betteln, stehlen, sich prostituieren.

  • Norbert Ceipek, Drehscheibe-Leiter: "Die Kinder sagen nicht, wer ihnen das angetan hat."
 
    foto: regina hendrich/der standard

    Norbert Ceipek, Drehscheibe-Leiter: "Die Kinder sagen nicht, wer ihnen das angetan hat."

     

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