Autorenduelle und andere Irritationen

15. Oktober 2009, 17:48
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Von philippinischen Kinoerneuerern über subversive US-Komödien bis zu schwedischen Eigenbrötlern - Tipps der STANDARD-Filmredaktion

Die Standard-Filmredaktion bietet drei kleine Rundgänge duch das vielfältige Angebot an

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Dem philippinischen Regisseur Brillante Mendoza gelang dieses Jahr das Kunststück, gleich auf zwei Großfestivals mit einem neuen Film vertreten zu sein. In Cannes lief sein äußerst kontrovers diskutiertes Vergewaltigungsdrama Kinatay (den die Viennale leider nicht zeigt), in Venedig Lola - ein aufwühlender Film über zwei Großmütter, die sich trotz ihres hohen Alters für ihre Nachkommen einsetzen. Eine ist mit dem Opfer eines Raubmords verwandt, die andere mit dem Täter. Beide eint jedoch die Armut, die sie zu einem selbstlosen Tun zum Wohle ihrer Familien antreibt.

Das philippinische Kino ist auf der Viennale durch weitere aktuelle Arbeiten dieses Jahr prominent vertreten; mit dem Tribute an den 1991 verstorbenen Lino Brocka wird es vor allem aber auch die Möglichkeit geben, ein wesentliches Vorbild für diese jüngere Generation an Filmemachern zu entdecken. Es sind Kontexte wie dieser, die ein Festival lebendig, ja essenziell machen, weil sie Filmkulturen ergänzen und vervollständigen helfen, die im regulären Kinobetrieb kaum mehr aufscheinen.

Manchmal genügt es aber auch schon, zwei Filme zusammenzustellen, die (fast) den selben Titel tragen, sonst aber ziemlich verschieden sind: Die Rede ist von Werner Herzogs freigeistiger Neuadaption von Bad Lieutenant, in dem Nicolas Cage seit längerer Zeit wieder einmal richtig Freude am Spielen zeigt. Er lässt sich nun direkt mit Abel Ferraras Original vergleichen: Letzterer soll Herzog ja gedroht haben, worauf dieser ihn zum Duell gefordert hat.

Und wenn man schon bei filmimmanenten Bezügen ist: Einen äußerst komischen Festivalfilm im eigentlichen Sinne des Wortes hat der koreanische Regisseur Hong Sang-soo mit Like You Know It All (Jal Aljido Moothamyeonseo) gedreht. Ein Filmemacher wird in die Jury eines Provinzfestivals bestellt und verliert sich dort in einer Serie von Saufgelagen und Missgeschicken. Dann wiederholt sich das Geschehen in leicht veränderter Konstellation noch einmal von vorn. (kam)

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Vor vielen Jahren gab es bei der Viennale einmal einen Tribute für Albert Brooks, dessen Komödien irgendwo im Niemandsland zwischen Jerry Lewis und Judd Apatow verlorengegangen zu sein scheinen. Lost in America, der Easy Rider der Wohnmobilisten, taucht nun heuer wieder in der Retrospektive The Unquiet American auf, die für mich auf jeden Fall ein struktureller Höhepunkt des diesjährigen Festivals ist. Denn im alltäglichen Betrieb erscheinen amerikanische Komödien heute manchmal exotischer und esoterischer als chinesische Independentfilme, und es fällt dem Publikum manchmal offensichtlich leichter, zu einem argentinischen Drama in Beziehung zu treten als zu einer Oddball-Comedy.

Immerhin taucht im Hauptprogramm der Viennale Adventureland von Greg Mottola auf, während der deutlich radikalere Observe & Report (Shopping-Center King) von Jody Hill genau zwischen die Kompetenzbereiche Verleih und Festival fällt, und damit fast so verlorengeht wie inzwischen fast alles von Albert Brooks.

Ein Festival betreibt immer eine Archäologie der Gegenwart, es legt Schichtungen des aktuellen Kinos frei (wie den Tribute an Lino Brocka, der für ein Verständnis der jungen Pinoy-Regisseure wie Raya Martin unumgänglich ist) und zieht Verbindungslinien zwischen Zeiten und Orten. Wenn eine ganze deutschsprachige intellektuelle Öffentlichkeit nach dem Nobelpreis für Herta Müller entdeckt, dass Rumänien noch existiert, können die Cinephilen sagen: Wussten wir schon. Politist, Adjectiv von Corneliu Porumboiu weist den Weg, wohin es mit diesem Land geht, das dann eben zwei Vorstellungen lang kein Niemandsland mehr ist. (reb)

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Ein junger Mann, der keine richtige Bleibe hat, aber ein kleines Kind, für das er sorgt: Einmal kommt es auf dem leeren Riesenparkplatz vor einem Supermarkt zu einer Szene, als der Mann das Kind auf dem Asphalt wickelt und eine besorgte ältere Mitbürgerin mit dem Jugendamt droht. Ihre Aufregung steht in seltsamem Kontrast zu jenem Eindruck, den der Mann in seinem vorsichtigen Umgang bis dahin mit dem Kind erweckte. Und das ist nicht die einzige Irritation in diesem Film, der eine paar eigenbrötlerische männliche Figuren in einer aufgeräumten schwedischen Siedlung beobachtet.

Man tänker sitt (Burrowing) heißt der Langfilm der jungen Schweden Henrik Hellström und Fredrik Wenzel - ein höchst eigenwilliges Debüt, das zwar aus relativ unverstellten, geradezu dokumentarischen Bildern besteht, aber aufgrund seiner elliptischen Erzählform trotzdem rätselhaft (und unheimlich) bleibt. Eine Premiere im internationalen Forum des jungen Films der Berlinale, das solche Entdeckungen immer noch ermöglicht und wo der Film in den Gesprächen bald heftig kursierte.

Bernadette hingegen, ein dekonstruktivistisches Biopic über die irische Aktivistin Bernadette Devlin, mit großartigem Archivmaterial, wurde 2008 im Festivalprogramm von Locarno ein bisschen übersehen, machte dann allerdings nicht zuletzt im Kunstfeld beachtlich Furore - zuletzt wurde er im Wiener Mumok projiziert, das dem Filmemacher und Künstler Duncan Campbell jüngst eine kleine Schau ausrichtete. Schön, diesen Film jetzt noch einmal - in Kombination mit Stephen Dwoskins Mom - auf einer Kinoleinwand zu sehen. 

Das Kino wiederum spielt in Form einer geradezu an Hollywood Babylon erinnernden familiären Verstrickung eine wichtige Rolle in Kimberley Reeds Dokumentarfilm Prodigal Sons: eine Art Home Movie - die Familie voller verlorener Söhne ist jene der US-Filmemacherin selbst - und zugleich eine mehrfach komplizierte Identitätssuche.

Die die Filmgeschichte und zwei ihrer toten Ikonen betreffende, traurige Pointe sei hier noch nicht verraten - am besten einfach am ersten Festivaltag nachsehen gehen. (irr)
(Der STANDARD/Printausgabe, 16.10.2009)

  • Ein Polizist, der sich dem Befehl seiner Vorgesetzten verweigert: Corneliu Porumboius "Politist, Adjectiv".
    foto: viennale

    Ein Polizist, der sich dem Befehl seiner Vorgesetzten verweigert: Corneliu Porumboius "Politist, Adjectiv".

  • Vagabundierende Helden aus der schwedischen Vorstadt: "Man tänker sitt / Burrowing".
    foto: viennale

    Vagabundierende Helden aus der schwedischen Vorstadt: "Man tänker sitt / Burrowing".

  • Eine Großmutter, die Gerechtigkeit für ihren Enkel will: Brillante Mendozas "Lola".
    foto: viennale

    Eine Großmutter, die Gerechtigkeit für ihren Enkel will: Brillante Mendozas "Lola".

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