Ein Niemand, der etwas aus sich macht

15. Oktober 2009, 18:45
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Mit "Un prophète" erweitert der Franzose Jacques Audiard das Gefängnisdrama zum Gesellschaftsstück

Ein junger Araber steigt hinter Gittern zum Gangster eines neuen Zeitalters auf.

Der französische Regisseur Jacques Audiard besetzt innerhalb der reichhaltigen Kinematografie seines Landes eine ziemlich singuläre Position. Seine Filme bewegen sich entlang von Genres, nutzen ihr normiertes Regelwerk, zielen aber über dieses stets hinaus. Anders ausgedrückt: Audiard, ein gelernter Drehbuchautor, begreift Genres wie ein Gerüst, das er in einer neuen Umgebung aufstellen und mit Gewichten bestücken kann. Er unterzieht es einem Belastungstest, aus dem ungewohnte Sichtweisen hervorgehen.

In Un prophète, der in Cannes uraufgeführt wurde (und mit dem Großen Preis der Jury prämiert wurde), geht Audiard noch ein Stück weiter als etwa zuletzt in Der wilde Schlag meines Herzens. Dem allerersten Anschein nach ein Gefängnisdrama, mit einer ganzen Reihe der handelsüblichen dramatischen Etappen, erweitert sich der Film zunehmend zum zweieinhalb Stunden langen Gesellschaftsstück, in dem ein offenes Problem westlicher Länder in nuce ausgetragen wird - jenes der Integration eines Neuankömmlings in ein bestehendes System. Der arabischstämmige Malik El Djebena (mit hoher physischer Intensität vom Newcomer Tahar Rahim verkörpert) kommt ins Gefängnis. Er ist ein wildes Tier, verwahrlost, aggressiv, in jungem Alter aus der Schule gerissen und entsprechend ungebildet. Alles, was er hat, ist sein Instinkt, hinter dem sich ein wacher Geist versteckt. Die Kamera von Stéphane Fontaine, die den Schauplatz in metallenen Farbtönen einfängt, heftet sich an seinen Körper, sein einziges Gut.

Mann für alle Fälle

Un prophète erzählt jedoch von einem einsetzenden Lernprozess, einer Subjektwerdung, die sich provokanterweise innerhalb der Institution vollzieht. Malik erhält als Araber ungewöhnlicherweise Anschluss an die Gang des Korsen César Luciano (Niels Arestrup), die hier alles beherrscht. Als so gewissenhafter wie verschwiegener Mann für alle Fälle steigt er kontinuierlich in dessen Gunst. Er muss dafür als Initiation jedoch einen Mord an einem anderen Araber begehen - eine kulturelle Schuld, die er auf seine Art tilgen wird. Der Tote wird ihm als phantomhafte Mahnung immer wieder in seiner Zelle erscheinen.

Die Konsequenz, die Malik daraus zieht, ist, seinen eigenen Status sukzessive zu erhöhen. Als Araber unter den Korsen und Korse unter den Arabern bewegt er sich fortan zwischen allen Stühlen. Der Analphabet durchläuft einen Bildungsweg - er lernt sogar Korsisch vom bloßen Zuhören -, was ihm immer mehr Privilegien verschafft, die er auch für eigennützige Zwecke zu nutzen weiß. Parallel zu seinen Diensten für Luciano baut sich der Untergebene bei Freigängen so sein eigenes Imperium auf, was seinem Gefängnisdasein allmählich die Komplexität einer Firmenführung verleiht.

Audiards Regie versteht sich großartig darauf, die unterschiedlichen Linien des Films nebeneinander her laufen zu lassen. Auf der einen Seite ist Un prophète ein sozialrealistisches Gangsterdrama innerhalb geschlossener Mauern. Im Hintergrund erzählt der Film aber auch von der allmählichen Ablöse der Vorherrschaft in der organisierten Kriminalität und damit von einem gesamtgesellschaftlichen Wandel. Der umtriebige Malik, der sich erst spät zu seinen Wurzeln bekennt, wird zum Propheten eines neuen Zeitalters, er ist der Vorbote einer arabischen Dominanz, die die korsische ersetzen wird.

Un prophète scheut nicht davor zurück, diesem Prozess eine metaphysische Note zu verleihen: Einen Unfall, der ihn töten könnte, sieht Malik wundersamerweise voraus. Aus dem nackten Menschen wird auf unaufhaltsame Weise ein gemachter Mann. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 16.10.2009)

Termine: 25. 10., Gartenbau, 20.00 Uhr

Wh.: 26. 10., Urania, 23.30

  • Ein scharfer Beobachter, der sein Wissen ständig vergrößert: Der ehrgeizige Araber Malik El Djebena (Tahar Rahim) in Jacques Audiards Gefängnisdrama "Un prophète".
    foto: viennale

    Ein scharfer Beobachter, der sein Wissen ständig vergrößert: Der ehrgeizige Araber Malik El Djebena (Tahar Rahim) in Jacques Audiards Gefängnisdrama "Un prophète".

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