Brüssels "Lieblingskind" heißt Montenegro

14. Oktober 2009, 17:49
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Trotz Fortschritten im Kampf gegen die Korruption muss das Land noch auf EU-Beitrittsgespräche warten

Podgorica - Die Revolutionäre von Cetinje haben die Kapuzen tief in die Stirn gezogen. Der Regen prasselt auf die kleine montenegrinische Stadt, die in den vergangenen 42 Tagen zum Ort des Widerstands wurde. Andrej, Nina und Vuko sind 17 und kommen jeden Tag ins Gymnasium - aber nicht, um zu lernen, sondern um für die Rückkehr ihres Direktors Miomir Djurisić zu kämpfen.

Herr Djurisić hat nach vier Jahren im Amt um eine Verlängerung angesucht, doch das Ministerium hat abgelehnt und einen anderen zum Direktor gemacht. Einen, der, anders als Djurisić, der DPS, der Partei des Premiers Milo Djukanović, angehört.Die Schüler vernetzten sie sich daraufhin über Facebook. Zu Schulbeginn traten sie alle in Streik, die Eltern und die meisten Lehrer schlossen sich an und schrieben Petitionen für Djurisić. "Was wir wollen? Wir wollen ihn zurück!" , sagt Andrej.

Soviel Kampfbereitschaft ist man im Bildungsministerium in Podgorica nicht gewohnt. Zumal der Klientelismus in Montenegro so tief verwurzelt ist, wie die kräftigen Palmen in den Gärten.

"Die Regierung will jetzt nicht zugeben, einen Fehler gemacht zu haben" , sagt Daliborka Uljarević vom Zentrum für Zivile Bildung in Podgorica. Uljarević macht Filmspots über die Auswirkungen von Freunderlwirtschaft und Korruption. Sie will zeigen, dass aus Studenten, die sich Prüfungsnoten kaufen können, keine guten Ärzte oder Anwälte werden. In ihren Erhebungen sagen 44 Prozent der Studenten, dass sie einen Professor kennen, der Schmiergelder nimmt.

Dörfliche Strukturen

Montenegro hat 650.000 Einwohner, hier kennt fast jeder jeden. Uljarević möchte deshalb auch lieber Daliborka genannt werden, weil der Nachnamen hier sofort verrät, aus welchem Clan sie kommt und wer ihr oder wem sie daher einen Gefallen schuldet.

Montenegro funktioniert wie ein Dorf, eine Prügelei wird schnell zur Causa Prima. Dass der Sohn des Bürgermeister von Podgorica Anfang August einen Journalisten und einen Fotografen attackierte, weil diese dokumentiert hatten, dass der Bürgermeister im Halteverbot parkte, ist noch immer Hauptstadtgespräch Nummer Eins im ehemaligen Titograd. Zumal nun die Zeitungsleute gerichtlich belangt werden.

In der EU-Delegation in Podgorica weiß man um die etwas rauere Streitkultur. Die EU-Kommission anerkennt aber in ihrem Fortschrittsbericht, dass in einigen Korruptionsfällen hart durchgegriffen wurde. Der Hafendirektor von Bar wurde rausgeschmissen, so wie einige bestechliche Richter und Beamte. Doch die Kommission fordert noch weitere Urteile in höhergradigen Korruptionsfällen.

Montenegro, das erst 2006 unabhängig wurde, hat zudem noch Probleme, die staatliche Infrastruktur aufzubauen, auch um EU-Strukturfonds überhaupt aufnehmen zu können. Auch Staatsdiener werden noch gebraucht.

Zur Zeit arbeitet die Regierung einen Fragenkatalog der Kommission aus, eine Voraussetzung, um den Kandidatenstatus zu bekommen. Kommendes Jahr irgendwann will die Kommission einen umfassenden Bericht über den Zustand des Landes verfassen. Auch die EU-Ministerin Gordana Djurović sagt: "Wir haben es nicht eilig" . Und in der Kommission wird Montenegro einmal mehr "als Kind, das in der Region am wenigsten Probleme macht" , geschätzt.

Hinter der schönen Fassade

Für Vanja Calović von der NGO Mans liegt hier das größte Problem. Weil Montenegro keine Probleme mache, wolle niemand hinter die schöne Fassade blicken. Die Verflechtung von Politik und Wirtschaft, die Dominanz der sogenannten "Ersten Familie" (der Bruder von Milo Djukanović, Aco, beherrscht die größte Bank, über Schwester Ana laufen laut eigenen Angaben 80 Prozent der Auslandsinvestitionen) sind aber offensichtlich. "Man darf sich nicht zu viel von der EU-Kommission erwarten" , sagt Calović.

Ähnlich wie die revolutionsbereiten Schüler von Cetinje, die bereits begriffen haben, dass die Gesellschaft nicht primär von Außen oder Oben zu reformieren ist. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 15.10.2009)

  • Die Schüler eines Gymnasiums in Cetinje kämpfen für die Rückkehr ihres Direktors. Er wurde gegen einen Parteigenossen des Premiers getauscht.
    foto: der standard/wölfl

    Die Schüler eines Gymnasiums in Cetinje kämpfen für die Rückkehr ihres Direktors. Er wurde gegen einen Parteigenossen des Premiers getauscht.

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