Tausche Fellpflege gegen Sex

13. Oktober 2009, 18:54
14 Postings

Vorteile durch Monopolstellung, Tauschgeschäfte und Preisgestaltung: Auch auf dem "biologischen Markt" in Tier- und Pflanzengesellschaften wird gefeilscht

Das können Biologen besonders gut anhand des Verhaltens von Meerkatzen beobachten.

* * *

Menschliche Märkte werden bekanntlich von Angebot und Nachfrage gesteuert: Dinge oder Leistungen, die im Überfluss vorhanden sind, haben einen geringeren Wert als solche, die knapp sind. Ändern sich die Umstände, ändert sich auch der Preis verschiedener Waren. Mitte der 1990er-Jahre entwickelten die Biologen Ronald Noë und Peter Hammerstein das Konzept des "biologischen Marktes", das davon ausgeht, dass in Tiergesellschaften (und sogar bei Pflanzen und Pilzen) ganz ähnliche Verhältnisse herrschen.

Wer mit Gütern handelt, sieht sich im Wesentlichen drei Fragen gegenüber: Mit wem soll ich ei- ne Geschäftsbeziehung eingehen? Wie viel muss ich diesem Partner bezahlen, damit er das gewünschte Gut herausrückt? Und wie verhindere ich, dass er mich betrügt? Auch wenn uns Menschen solche Entscheidungen viel Kopfzerbrechen bereiten: Geistige Fähigkeiten sind dafür keine Voraussetzung.

Ein klassisches Beispiel für biologische Märkte ist der Nährstoffaustausch zwischen Pflanzen und Pilzen bzw. Bakterien, mit denen sie vergesellschaftet sind. Auch hier verzichtet jeder nur auf so viele Nährstoffe, wie er eben muss, damit der andere mitspielt - und bringt einer der Partner deutlich weniger ein als seine Mitbewerber, kann die Verbindung zu ihm durchaus auch gekappt werden.

Dass Monopolstellung auch bei Tieren ausgenutzt wird, zeigt das Beispiel Putzerfische: Diese befreien andere Fische von Hautparasiten, die ihnen selbst als Nahrung dienen. In einem Experiment wurden den Putzern gleichzeitig "Kunden" zugeführt, die auch Zugang zu anderen Putzerfisch-Stationen hatten, und solche, die keine andere Wahl hatten. Das Ergebnis sollte eigentlich nicht überraschen: Die Klienten mit der Alternative wurden rascher und besser gesäubert als die anderen.

Für Leistungen "bezahlen"

Besonders häufig untersucht wurde die Idee der biologischen Märkte an verschiedenen Affenarten. So weiß man mittlerweile, dass Grüne Meerkatzen andere Gruppenmitglieder mittels Fellpflege - sogenanntem Grooming - für bestimmte Leistungen "bezahlen". Die Gegenleistung kann alles Mögliche sein: Die Palette reicht von unterbleibender Aggression an der Futterstelle über Unterstützung bei Konflikten bis hin zu Sex. Doch wenn es sich tatsächlich um eine Form von Markt handelt, sollte der jeweilige Preis von Angebot und Nachfrage abhängen.

Mit dieser Preisgestaltung beschäftigt sich Bernhard Völkl von der Universität Wien, der im Rahmen eines vom Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Erwin-Schrödinger-Stipendiums derzeit an der Universität Straßburg zusammen mit Cécile Fruteau und Ronald Noë forscht. Als Untersuchungsobjekte dienten ihm dabei wilde Meerkatzen in einem Reservat in Südafrika.

Aus früheren Untersuchungen weiß man, dass Fellpflege als angenehm erlebt wird und längere Grooming-Sessions höher im Kurs stehen als kurze. Für das Tier, das die Fellpflege erteilt, bedeutet es allerdings Arbeit. "Deshalb eignet sich Grooming als eine Art Währung", erklärt Völkl. "Es kann im Austausch für verschiedene Leistungen erbracht werden und - je nach deren Wert - länger oder kürzer ausfallen."

Um diese Hypothese zu überprüfen, unterzogen die Wissenschafter die Meerkatzen einem Experiment: In ihrer Nähe wurde ein Behälter mit Apfelspalten aufgestellt, die die Tiere sowohl sehen als auch riechen konnten. Die Box öffnete sich jedoch nur, wenn ein bestimmtes Weibchen sie berührte. Das lag daran, dass die Forscher die Gruppe beobachteten und die Leckerbissen nur dann mittels Fernbedienung frei gaben, wenn das ausgewählte Weibchen bei der Box war. Bei diesem Weibchen handelte es sich um ein rangniedriges Tier, weil diese gewöhnlich wenig zu bieten haben und daher auch kaum gegroomt werden.

Nach der Öffnung des Containers, in dem genug Apfelspalten für alle waren, zeichneten die Wissenschaftler jeweils eine Stunde lang auf, wer die Spenderin für wie lange groomte. Tatsächlich kam das Weibchen deutlich öfter in den Genuss von Fellpflege als vor der Errichtung des Apfel-Monopols. Doch wie die Forscher gegeben hatten, so nahmen sie auch wieder: Sie stellten eine zweite Kiste auf, die nur von einem anderen, ebenfalls rangniedrigen Weibchen geöffnet werden konnte, und protokollierten die nachfolgende Grooming-Häufigkeit. Und siehe da: Das erste Weibchen wurde nur noch halb so viel gelaust wie beim ersten Experiment, der Rest entfiel auf das zweite Tier mit den neuen Versorger-Fähigkeiten.

Vorläufig unklar ist, warum die anderen Gruppenmitglieder die Kisten-Öffnerinnen überhaupt belohnen, obwohl diese die Behälter schon aus Eigennutz früher oder später von selbst öffnen würden. Möglicherweise spielen soziale Bindungen dabei eine Rolle: Die Weibchen könnten die Kiste öffnen, wenn erwünschte Individuen gerade in der Nähe sind.

In einem nächsten Schritt will Berhard Völkl das Verhalten der verschiedenen Meerkatzengruppen am Computer simulieren - und so mehr Rückschlüsse über die gar nicht so einfachen Regeln des biologischen Marktes zu ziehen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Auch bei Meerkatzen gilt: Am längeren Ast sitzt, wer es versteht zu handeln. Die Währung ist Grooming, die Fellpflege durch andere Mitglieder der Clique.

Share if you care.