Sex im Opel Vectra

13. Oktober 2009, 16:58
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Die texanischen Boogie- und Bluesrocker ZZ Top gastierten nach längerer Pause wieder einmal in der Wiener Stadthalle

Viele Frauen durften deshalb mit dem Auto nach Hause fahren. Am Steuer. 

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Wien - Gott erfand den Boogie aus zwei Gründen. Zum einen sollen Männer außerhalb des fürwitzigen Sex-mit-Fremden-Bereichs damit als Soundtrack im Autoradio seit Jahr und Tag gemütlich heim zum Frautschi kommen. Und so die Alte einmal mitkommt, darf sie nach dem Konzert auch sehr gern selbst fahren. Damit sie es nicht verlernt. Zum anderen ergibt sich aus dem gemütlich rollenden und in den Bartfransen etwas ausleiernden Rhythmus des Boogie anschließend eine ideale Versöhnungsmusik. Vor und zurück. Rein und raus. Einparken. Spinnst du, die Stoßstange ist hin!

ZZ Top klingen genau so. Von wegen: Liebe ist die größte Kraft. Man darf es mit den Instinkten nicht übertreiben. Morgen kocht übrigens der Papa den Kaffee in der Früh. Die Mutti darf liegenbleiben. Das ist Glück mit Opel Vectra. Bitte, danke. Sehr, sehr gern.

Wer in der Wiener Stadthalle beim Konzert der drei Alten von ZZ Top aus Texas Böses denkt, denkt in die richtige Richtung: "Jesus just left Chicago - and he is bound for New Orleans!" Man schaue nur auf die Landkarte. Stichwort: Nord-Süd-Gefälle. Wo unten ist, dort will man nach oben.
40 Jahre nach ihrer Gründung halten die drei Überväter des "Southern Rock" nach der Meisterprüfung Degüello von 1979 und nachfolgenden Gräulichkeiten im Zeichen von Busen-Bunnys, Föhnfrisuren und auffrisierten Oldtimern wie den auch live vertretenen Welthits Legs und Gimme All Your Lovin' sowie einem anschließenden Karrieretief wieder einmal Hof in Wien. Das ergibt außerhalb des Konzertsaals an der Bar: Umsatzrekord! Drei für Texas. Das Frautschi ist mit seinem Führerschein schließlich mit dabei. Und drinnen im Saal vor tausenden unbelehrbaren, aber durstigen Rockern wie ich und du und, bist du deppert, der Franzi ist aber auch alt geworden!, ist die verstockteste Musik des Planeten zu hören.

Frank Beard, Billy Gibbons und Dusty Hill arbeiten sich seit mittlerweile 40 Jahren an beiläufigen Texten und zwingendem Bluesrock ab. Mit ihrer hinter luftigen Winterbärten hausenden Musik und gebotenen Klassikern wie Jesus Just Left Chicago, Just Got Paid, Sharp Dressed Men oder der John Lee Hooker'schen Blues-Ursuppe La Grange müssen sie sich längst nicht mehr in die Auslage stellen. Das geht auch auf Autopilot.

Vorne mögen sich die stursten Besucher nach Kräften abmühen, um dem Eintrittspreis euphorisch halbwegs beizukommen. Ähnlich wie die Freunde von den Rolling Stones aber arbeiten ZZ Top nicht an der Zukunft, sondern an der Verwaltung ihres Erbes. Rentensicherung mit dummen Hüten.
Foxy Lady, die Coverversion von Jimi Hendrix, beleuchtet gegen Ende kurzfristig einen Dienst in der Großraumhalle, in der schon längst von 100 auf 30 Watt runtergedimmt wurde. Gib Fleisch, Punk.
(Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 14. 10. 2009)

  • ZZ Top aus Texas erzählen in Wien das alte Märchen vom
Niemals-gescheit-Werden mit zwei Gitarren, einem Schlagzeug und
beiderseitigem Gesang.
    foto: fischer

    ZZ Top aus Texas erzählen in Wien das alte Märchen vom Niemals-gescheit-Werden mit zwei Gitarren, einem Schlagzeug und beiderseitigem Gesang.

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