Bombenanschlag auf Kaserne in Mailand

12. Oktober 2009, 15:42
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Angreifer verlor Hand und teilweise Augenlicht bei Explosion - Ermittler vermuten Terroranschlag - "Gab im Vorfeld Anzeichen"

Bei einem Anschlag vor einer Kaserne in Mailand sind heute früh zwei Menschen verletzt worden. Laut den Ermittlern handelt es sich um einen Terroranschlag.

Der Sprengkörper wurde von einem Libyer geworfen, der bei der Explosion lebensgefährlich verletzt wurde. Nach Angaben der Tageszeitung La Repubblica handelt es sich dabei um den 35-jährigen Mohamed Game. Er soll einen Sprengsatz in den Eingang der Santa Barbara-Kaserne im Mailänder Stadtteil San Siro (Via Perrucchetti) geworfen und dabei "Raus aus Afghanistan" gebrüllt haben. Das wollen Augenzeugen gehört haben; die Ermittler bestreiten das. Der Generaloberst der Kaserne, Valentino De Simone, lehnte eine solche Aussage "kategorisch ab".

Der Attentäter selbst wurde schwer verletzt und hat laut Angaben der Polizei seine Hand verloren. Der Sprengsatz war in seiner Hand explodiert, außerdem soll er schwere Verletzungen im Gesicht davongetragen haben. Er wurde von der Rettung ins naheliegende Fatebenefratelli-Spital gebracht. "Sein Hand ist komplett zerstört", teilte der Direktor der plastischen Chirurgie des Krankenhauses, Dario Boccanera, mit. In der Zwischenzeit ist Game aufgrund der Verletzungen im Gesicht auf einem Auge erblindet. Er werde gerade operiert, befinde sich aber außer Lebensgefahr.

Der zweite Verletzte, ein 23-jähriger Militärangehöriger, wurde nur von einem Splitter getroffen. Die Kaserne sei nur geringfügig beschädigt worden. Polizei und Carabinieri sind mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort. Der Mailänder Polizeichef Tullio Mastrangelo teilte laut Repubblica mit, dass man die Dokumente in seiner Jackentasche gefunden habe: Der Libyer sei 35 Jahre alt, verfügt über eine Aufenthaltsgenehmigung, ist mit einer Italienerin verheiratet und hat drei Kinder. Seine Frau werde gerade vernommen. Es gäbe bisher keinerlei Hinweise auf Verbindungen zu einer terroristischen Organisation. Der Attentäter sei am Sonntag von Neapel aus nach Mailand gekommen. Die Ermittler hätten ein Zugticket in seiner Tasche gefunden.

"Gab Anzeichen im Vorfeld"

Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat eine Untersuchung eingeleitet. Arbeitsminister Maurizio Sacconi rief laut La Stampa dazu auf, "die Umstände zu klären" und mahte zu "erhöhter Wachsamkeit" vonseiten des Staates.

Armando Spataro, Staatsanwalt und Leiter der Anti-Terror-Abteilung des Mailänder Gerichts, befindet sich laut Repubblicaebenfalls vor Ort. Francesco Rutelli, Präsident des parlamentarischen Ausschusses für Sicherheit, bezeichnete den Anschlag als "Einzelfall", räumte aber ein, dass es im Vorfeld Anzeichen gegeben habe: "In unseren Ermittlungen haben wir bereits vor einigen Wochen Gespräche über die Perrucchetti-Kaserne verfolgt", so Rutelli laut Repubblica.

Der Mann hatte den Sprengkörper in einer Werkzeugschachtel versteckt. Laut Repubbilca soll es sich um etwa zwei Kilo Sprengstoff gehandelt haben - davon sei nur ein Teil explodiert. Er habe sich dem Wachposten der Kaserne genähert und versucht, sich Eintritt zu verschaffen, als Militärangehörige gerade die Einfahrt betreten hätten. Er sei jedoch aufgehalten worden und habe dann um 7.45 den Sprengkörper gezündet, berichten Augenzeugen laut Corriere della Sera.

Abdel Hamid Shaari, Präsident des Islamischen Zentrum in Mailands, verurteilt laut Corriere della Sera den Anschlag "aufs Schärfste". Shaari kenne Game "vom Sehen her", wisse aber nichts über dessen Privatleben. "Er kam zum Beten und ging dann wieder." Seit zwanzig Tagen hätte Shaari Game nicht mehr gesehen.

"Sehr, sehr beunruhigend"

Stadtrat Giovanni De Nicola sprach gegenüber Journalisten von einem "sehr, sehr beunruhigenden Vorfall". Er befürchte, dass es sich "um einen organisierten Plan" gehandelt haben könnte. Es bestehen außerdem Gründe zur Sorge, dass es "eine Basis in Mailand" rund um den Attentäter geben könnte, zitiert der Corriere den Politiker.

Die Bürgermeisterin von Mailand, Letizia Moratti, betonte laut Corriere della Sera, dass es sich bei dem Anschlag um einen "Einzeltäter handelt, der nicht verbunden ist mit einer Organisation" und dass man auch nicht ausschließe, dass es sich "um eine Person mit Problemen" handle. Moratti interpretierte den glimpflichen Ausgang des Attentats folgendermaßen: Dass man "ihm zuvorgekommen" sei, "hängt natürlich mit dem verstärkten Kampf gegen Terrorismus vonseiten der Politik" zusammen. Es handle sich um "einen Sieg", ermöglicht durch die "Fähigkeit unserer Regierung", die "rechtzeitig reagiert hat". Auf die Frage, ob eine Verstärkung der Polizeipräsenz in Mailand notwendig sei, antwortete die Bürgermeisterin: "Die Präsenz des Militärs ist vorhanden und gewährleistet." Die Tatsache, dass das Attentat so "außergewöhnlich effizient" verhindert werden konnte, sei ein Beweis für die schnell Reaktionsfähigkeit von Militär und Polizei.

Die Perrucchetti-Kaserne ist bereits Anfang Dezember 2008 im Visier von Terroristen gewesen. Am 2. Dezember vergangenen Jahres wurden zwei Marokkaner, Ilhamid Rachid und Gafir Abdelkader, fesgenommen. Sie hätten zusammen mit einer Gruppe von zehn Männern geplant gehabt, Anschläge auf Kasernen, Polizeiposten, Kasernen, Bars und Einkaufscenter in Mailand zu verüben.

Italiener in Afghanistan

Bei einem schweren Bombenanschlag in Kabul waren Mitte September sechs italienische Soldaten und zehn Afghanen getötet worden. Nach dem bisher schwersten Anschlag auf die italienischen Truppen in Afghanistan war in Rom ein heftiger politischer Streit über die Zukunft der italienischen Mission in Afghanistan ausgebrochen. Premier Silvio Berlusconi verkündete daraufhin, dass die Afghanen sich selbst mehr um die Sicherheit kümmern sollten. Der Monat wurde zum nationalen Trauertag erklärt. Außenminister Franco Frattini teilte mit, dass die 500 Soldaten, die in den letzten Monaten für die Wahlen in Afghanistan zusätzlich entsendet worden seien, bis Weihnachten wieder nach Hause zurückkehren würden. Am 1. Oktober waren 2795 Italiener im Zuge der unter NATO-Kommando stehenden ISAF-Mission (International Security Assistance Force) in Afghanistan stationiert. (fin)


Links:

Corriere della Sera: Augenzeugen (Video)

Corriere della Sera: Polizeichef Tullio Mastrangelo im Video-Interview

La Repubblica: Aufnahmen vom Tatort


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    Ein Militär wurde leicht verletzt, die Kaserne sei nur geringfügig beschädigt worden.

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    Polizei und Carabinieri sind mit zahlreichen Einsatzkräften vor Ort.

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    Ein 35-jähriger Libyer soll einen Sprengsatz in den Eingang der Santa Barbara-Kaserne im Mailänder Stadtteil San Siro geworfen und dabei "Raus aus Afghanistan" gebrüllt haben.

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