Wächst bereits die nächste Bubble?

9. Oktober 2009, 18:34
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Es wird wieder kräftig spekuliert, auch auf agrarische Rohstoffe wie Weizen und Mais. Die Zeit der Zurückhaltung ist offenbar vorbei

Es wird wieder kräftig spekuliert, auch auf agrarische Rohstoffe wie Weizen und Mais. Die Zeit der Zurückhaltung nach dem Beinahe-Crash der Börsen ist offenbar vorbei. Wen wundert's. Gibt es doch ein Jahr nach dem Platzen der Finanz-Blase und eineinhalb Jahre nach der globalen Nahrungsmittelkrise noch immer keine strengeren Regeln für hochspekulative Finanzgeschäfte. Geredet worden ist darüber schon viel, die notwendigen politischen Entscheidungen stehen aber immer noch aus. Die negativen Folgen einer neuerlichen Blase mit anschließender Krise wären fatal. - Gerade auf die Entwicklung der Lebensmittelpreise, die untrennbar mit den internationalen Rohstoffpreisen verbunden sind.

Schon jetzt wird die Landwirtschaft durch die Berg- und Talfahrten bei den Agrarpreisen massiv belastet. Spekulationen auf Agrarrohstoffe verstärken diese extremen Ausschläge nach unten und nach oben und schaffen ein unkalkulierbares Risiko für die Landwirtschaft. Wenn nun weiter, ohne neue Regeln, mit Weizen oder Mais spekuliert wird, trifft das zudem die ärmsten Länder der Welt besonders hart. Kurz vor dem UN-Welternährungstag am 16. Oktober spitzt sich die Lage weiter zu. Über eine Milliarde Menschen leidet Hunger.

Die Einführung einer Abgabe auf jede Finanztransaktion zumindest EU-weit, besser weltweit, ist eine Pflicht, an der man längerfristig nicht vorbeikommen wird. Schon bei einem geringen Steuersatz sprechen Ökonomen dieser Maßnahme eine Finanzmarkt-stabilisierende Wirkung zu. Außerdem erhöht sie die Transparenz und schafft vielleicht den nötigen besseren Einblick in die Finanzindustrie und ihre unzähligen globalen Verflechtungen. Dass die Staaten derzeit dringend neue Einnahmequellen brauchen, nachdem Konjunkturpakete und sinkende Steuereinnahmen große Löcher in die Budgets reißen, und demnächst die Debatte über die künftige Finanzierung der EU anlaufen wird, sind zusätzliche Gründe, eine solche Finanztransaktionssteuer einzuführen.

Die extreme Volatilität bei den Agrarpreisen verlangt aber nach zusätzlichen Lösungsansätzen. Als mittel- und langfristige Maßnahme sollte Europa eine gemeinsame europäische Warenbörse auf die Beine stellen. Obwohl Europa mit seinem gemäßigten Klima einer der großen internationalen Agrarproduzenten ist, gibt es derzeit nur kleinere dezentrale Warenbörsen, die praktisch keinen Einfluss auf die internationalen Preise haben. Eine europäische Warenbörse könnte die Warenterminmärkte transparenter und stabiler machen und auch ein Gegengewicht zu den amerikanischen bilden. Gleichzeitig wäre die öffentliche Hand in der Lage, durch gezielte Nachfrage Agrarpreise zu beeinflussen und damit ausgleichend zu wirken. (DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.10.2009)

Zur Person

Franz Fischler, promovierter Agronom, war Landwirtschaftsminister und EU-Agrarkommissar. Derzeit ist er Präsident des Ökosozialen Forums.

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