Ziemlich Abartiges, recht Liebes, echt Visionäres

10. Oktober 2009, 11:52
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Österreich empfängt im vorletzten Spiel der WM-Qualifikation Litauen und ist eher Favorit. Dietmar Constantini kehrt heim und lehnt perverse Gedanken ab

Innsbruck - Es ist nicht unbedingt Usus, dass sich ein Fußballteamchef vor einem Länderspiel gegen Litauen mit Perversionen befasst. Aber der österreichische, also der 54-jährige Dietmar Constantini, tat es dann doch. Allein der Gedanke an einen zeitgleichen Punktgewinn der Färöer in Guingamp gegen Frankreich sei pervers, über ein mögliches Finale für Österreich am 14. Oktober in Paris um den zweiten Gruppenplatz zu spekulieren wäre demnach noch perverser, quasi eine Zumutung für jedes halbwegs funktionierende Hirn. Österreichs Kicker haben sich ausschließlich um Litauen zu kümmern. Es gilt, den dritten Platz zu behalten, gelingt das, könnte man fast stolz sein.

Es ist maximal "eine liebe Randgeschichte", dass der Tiroler Constantini nun auch daheim in Innsbruck Teamchef sein darf. Das Stadion ist ausverkauft, was wiederum kaum mit der Abstammung des Trainers zusammenhängt. Constantini ("Ich bin oft ein sturer Tiroler") könnte auch gebürtiger und sturer Mistelbacher sein. Das nach der Europameisterschaft halbierte Tivoli neu (14.500 Plätze) wäre trotzdem voll. Der Österreicher, die Österreicherin gehen eben wieder zum Fußball. Und das ist die liebe Hauptgeschichte.

Glaubwürdigkeit

Ob das Jugendorchester gegen Litauen klarer Favorit ist? Constantini: "Diesen Satz bringe ich nicht über die Lippen. Jeder nimmt gerne die Außenseiterrolle an. Aber das sage ich auch nicht, es geht schon um Glaubwürdigkeit." Litauen hält er für "eine gefährliche Mannschaft". Dass dem portugiesischen Trainer José Couceiro, der hauptberuflich den türkischen Verein Gaziantepspor samt Roland Linz betreut, sechs verletzte und drei gesperrte Spieler fehlen, ist seinem österreichischen Kollegen nicht unrecht. "Das passt."

Die Litauer haben vor ein paar Wochen bei den Färingern nur 1:2 verloren (Schadenfreude verboten!), das wurde während des Trainingslagers in Seefeld aber negiert. "Es wäre pervers, meiner Mannschaft das Video vorzuspielen. Es könnte nach hinten losgehen."

Ja, die Stimmung ist toll. Der Einsatz auch. Im Training wurden sämtliche Vorgaben schier übertroffen. Constantini könnte reinen Gewissens 18 Spieler aufstellen, er kann es nicht, eine Strafverifizierung wäre die geringste Folge. Natürlich wird auch nicht gewürfelt oder gelost, der Teamchef hat die Startelf im Kopf, wo sie bis kurz vor Anpfiff bleibt. Christian Fuchs ist jedenfalls gesperrt, Jakob Jantscher angeschlagen. Constantini: "Man soll durch Trainingsleistung nicht abheben, gute Stimmung ist schön, garantiert aber keine Siege. Stelle ich falsch auf, übernehme ich die volle Verantwortung. Auch das ist das Geile an dem Job."

Überbleibsel 

Absolut ungeil war das Hinspiel am 10. September 2008 in Marijampole, Litauen gewann 2:0, Karel Brückner hatte Stefan Maierhofer als Solospitze aufgeboten. Vier Tage davor hatte Brückner wider jede Logik die Franzosen in Wien 3:1 geschlagen, Andreas Ivanschitz verwandelte damals einen Elfer. Paul Scharner, nun zum Kapitän aufgestiegen, war in Litauen dabei, das Überbleibsel erinnert sich nur vage daran. "Das sind jetzt ganz andere Voraussetzungen, wir haben ein neues Team, einen neuen Geist. Es geht darum, dass sich die Jungen und auch die Alten weiterentwickeln, Erfahrung sammeln, den positiven Lauf fortsetzen. Damit wir die Visionen auch umsetzen." Ziel (Vision) sei, so Scharner, die relativ regelmäßige Teilnahme an Großereignissen.

Tormann Helge Payer drückt es so aus: "Wir müssen den Sprung in die Top 20 in Europa schaffen. Dort gehören wir hin, das ist keine Illusion." Eine liebe Geschichte wäre es allemal. Und keine perverse. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 09.10. 2009)

 

Fußball-WM-Qualifikation - Gruppe 7:

Österreich - Litauen (Innsbruck, Tivoli Neu, Samstag, 20.30 Uhr/live ORF1, SR Serge Gumienny/BEL). 

Österreich: Payer (Rapid/18 Länderspiele/21 Gegentore) - Schiemer (Salzburg/10/1 Tor), Scharner (Wigan Athletic/26/0), Dragovic (Austria/4/0), Ulmer (Salzburg/1/0) - Beichler (Sturm Graz/3/0), Prager (LASK/13/1), Pehlivan (Rapid/5/0), Drazan (Rapid/0) - Janko (Salzburg/11/5), Wallner (LASK/25/5)

Ersatz (nur 18 Spieler dürfen auf den Spielbericht): Gratzei (Sturm Graz/0) oder Schranz (Austria Kärnten/6/4 Gegentore) - Patocka (Rapid/3/0), Ortlechner (Austria/5/0), Baumgartlinger (Austria/1/0), Dag (Besiktas Istanbul/0), Kavlak (Rapid/4/0), Hoffer (Napoli/14/2), Maierhofer (Wolverhampton/8/1)

Es fehlen: Fuchs (gesperrt), Jantscher (Bauchmuskelprobleme), Hölzl, Stranzl, Pogatetz, Prödl, Okotie, Arnautovic (alle verletzt bzw. rekonvaleszent), Ivanschitz, Garics (nicht im Kader)

Litauen: Karcemarskas (Dynamo Moskau/RUS/45) - Stankevicius (Sampdoria/ITA/47/2), Dedura (Spartak Moskau/RUS/43/1), Kijanskas (FK Vetra Vilnius/1/0), Alunderis (LASK/AUT/19/0) - Sernas (Widzew Lodz/POL/11/1), Kalonas (Metalurg Saporoschje/UKR/31/1), Pilibaitis (ETO Györ/HUN/14/0), Semberas (ZSKA Moskau/RUS/66/0), E. Cesnauskis (FK Moskau/RUS/25/1) - Danilevicius (Livorno/ITA/58/9)

Ersatz: Klevinskas (Sudova/1) oder Grybauskas (Neftschi Baku/AZB)- Jankauskas (FK Vetra Vilnius), Paulauskas (FK Vetra Vilnius/22/0), Slavickas (Sudova/2/0), Panka (Widzew Lodz/POL/4/0), Razanauskas (FK Vetra Vilnius), Trakys (FK Ekranas/9/2), Miceika (Metalurg Saporoschje/UKR), Luksa (MTZ-Ripo Minsk/BLR)

Es fehlen: Klimavicius, Mikoliunas, Ivaskevicius (alle gesperrt), Arlauskis, Skerla, D. Cesnauskis, Zaliukas, Savenas, Velicka (alle verletzt)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Tore wollen sie schießen und Berge versetzen. Begonnen allerdings haben die Österreicher damit, Tore zu versetzen.

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