Emotionen hinken dem Intellekt hinterher

9. Oktober 2009, 09:54
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Kognitive Fähigkeiten entwickeln sich schneller als emotionale

Philadelphia/Wien - Die emotionale Entwicklung von Jugendlichen verläuft nicht zeitgleich mit der intellektuellen. Zu diesem Schluss kommen Psychologen der Temple University in der Zeitschrift American Psychologist. In Tests überprüften sie bei 1.000 Versuchspersonen im Alter zwischen zehn und 30 Jahren die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten. Dabei zeigte sich, dass die Entwicklung der Intelligenz mit 16 Jahren meist bereits abgeschlossen war, während die emotionale Reifung sowohl bei Frauen als auch bei Männern wesentlich länger dauerte.

"Jugendliche haben intellektuell alle Voraussetzungen, um überlegte Entscheidungen zu treffen. Es fehlt ihnen jedoch oft an sozialer und emotionaler Reife, um impulsives Verhalten zu kontrollieren, dem Gruppendruck zu widerstehen oder die Gefährlichkeit mancher Entscheidungen einzusehen", fasst Studienleiter Laurence Steinberg zusammen.

"16-jährige schneiden in IQ-Tests etwa gleich gut ab wie junge Erwachsene, wobei diese Tests allein formale Denkaspekte abprüfen. Die emotionale und soziale Intelligenz ist jedoch weitaus vielfältiger und schwieriger zu messen", betont Ursula Kastner-Koller vom Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik der Universität Wien. Es sei kaum möglich, ähnlich der biologischen auch eine emotionale Reife festzustellen, da der dabei verlaufende Prozess ein komplexer Lernvorgang sei, der je nach Umgebung anders verlaufe.

Frühzeitige Förderung

Die Regulation der Emotionen beginne bereits in der frühen Kindheit, so Kastner-Koller. "Besonders in der Trotzphase lernen Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren, die eigene Stimmung zu kontrollieren statt sich von Gefühlen völlig beherrschen zu lassen." Eltern könnten diese Entwicklung fördern, indem sie freundliche Zuwendung und kindgemäße Anforderungen gleichzeitig bieten und damit Über- wie auch Unterforderung verhindern.

"Im Jugendalter wird das Entwicklungsthema Selbstregulation wieder aufgegriffen, da die Heranwachsenden verschiedene Bereiche neu integrieren und steigenden Herausforderungen ihrer Umwelt gerecht werden müssen. Die Privilegien der Kindheit sind vorbei und es gilt, sich die Fähigkeiten von Erwachsenen wie etwa die Berufstätigkeit anzueignen oder für sich selbst sorgen, was von Jugendlichen als bedrohlich wahrgenommen werden kann", so die Psychologin.

Die Desorientierung, die bei Pubertierenden oft zu erkennen sei, gehe auf neue Vernetzungen im frontalen Teil des Gehirns zurück, der für die Handlungssteuerung verantwortlich ist. "Auch in dieser Phase, in der die Beziehung zum Kind oft schwierig wird, sollten Eltern auf freundliche Zuwendung und altersgemäße Anforderungen achten. Lernt ein Jugendlicher, seine Emotionen zu regulieren, trägt das zu einer positiven Identitätsfindung in der Gesellschaft bei", betont Kastner-Koller. (pte)

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