Blaue Westen für die rote Wahlkampfzone

8. Oktober 2009, 18:38
87 Postings

Die Wiener Stadtregierung setzt die dritte Kontrolltruppe im Gemeindebau ein - Sie ahndet Verstöße gegen die Hausordnung

Wien - Wer das friedliche Zusammenleben im Gemeindebau am meisten gefährdet, ist für Herta Kleedorfer völlig klar: "Die Radlfahrer! Die rasen da einfach durch! Dabei dürfens hier gar nicht fahren!"

Seit 1946 wohnt die Pensionistin im Rabenhof, einem der ältesten Gemeindebauten der Stadt. Künftig will sie sich nicht mehr mit rücksichtslosen Bewohnern und Durchradlern herumärgern - die von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig eingesetzten Ordnungsberater sollen dies für sie erledigen. "Reden tu ich aber schon weiter mit den Leuten", sagt die 87-Jährige, "weil manche merken es gar nicht, wenn sie andere stören, und sind froh, wenn es ihnen jemand sagt." Die anderen, nämlich jene, die sofort ausfällig werden, wenn man sie auf einen Verstoß gegen die Hausordnung hinweise, überlässt Kleedorfer künftig gern den Frauen und Männern in den blauen Jacken, die ab sofort regelmäßig im Rabenhof im 3. Bezirk - dort, wo derzeit das Polit-Puppentheater bei Faymann aufgeführt wird - vorbeischauen.

Schließlich haben diese eine mehrwöchige Spezialausbildung in Sachen Wickel-Vermeidung im Gemeindebau hinter sich. Zwölf neue Ordnungshüter sind von 6 bis 21.30 Uhr täglich in städtischen Wohnanlagen unterwegs. Sie sind befugt, bei Verstößen gegen die Hausordnung Verwaltungsstrafen zu verhängen.

36 Euro kostet künftig der Zigarettenstummel in der Sandkiste oder der Sperrmüll im Hof. Der Chef der Truppe, Oskar Schön, war 30 Jahre lang Exekutor. "Ich bin also schwierige Situationen gewohnt", sagt er.

Ein Gutteil der neuen Ordnungsberater war auch bisher bei der Stadt beschäftigt - etwa bei der Service-Hotline von Wiener Wohnen. "Wir haben sehr darauf geachtet, dass wir gleich viele Frauen aufnehmen wie Männer", sagt Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Neben den sechs Night Watchern, die an Sommerabenden Draußensitzer davon abhalten sollen, zu viel Lärm zu machen, und den 100 Wohnpartnern, die sich um gröbere Nachbarschaftsstreitereien kümmern, sind die Ordnungsberater die dritte von der Stadt eingerichtete Truppe, die mehr Frieden und Sauberkeit in den Gemeindebau bringen soll.

Reaktion auf Mieterbefragung 

Laut Wohnbaustadtrat Michael Ludwig ist die Installierung der drei Kontrollorgane mit den verschiedenfärbigen Westen eine Reaktion auf die vor einem halben Jahr durchgeführten Mieterbefragung. "Der Großteil der Mieter war sehr zufrieden", sagt Ludwig, "allerdings wünschte sich der Großteil jener, die Kritik übten, dass es mehr Kontrolle bei der Einhaltung der Hausordnung gibt." Mit der Wien-Wahl 2010, bei der die FPÖ der SPÖ gezielt die Stimmen der Gemeindebaubewohner abluchsen will, habe dies nichts zu tun.

Die Ordnungsberater sollen vorerst in den größeren Anlagen, bei denen es besonders viele Beschwerden gibt, Dienst schieben. (Martina Stemmer, DER STANDARD - Printausgabe, 9. Oktober 2009)

  • Mehr Friede und Sauberkeit für den Gemeindebau: Zwischen 6 und 21.30
Uhr sind künftig täglich Ordnungsberater unterwegs. Vorerst vor allem
in größeren Anlagen wie dem Rabenhof.
    foto: standard/christian fischer

    Mehr Friede und Sauberkeit für den Gemeindebau: Zwischen 6 und 21.30 Uhr sind künftig täglich Ordnungsberater unterwegs. Vorerst vor allem in größeren Anlagen wie dem Rabenhof.

Share if you care.