Auch Michael Jackson schwitzte

8. Oktober 2009, 17:47
86 Postings

95 Migrantenkids wurden zu Tanzprofis getrimmt - und lernten dabei, dass auch Stars ein hartes Leben führen

Mancher Popstar rieb sich hier schon Fingerkuppen wund, um dem brav-zahmen Wiener Konzertpublikum ein wenig Schweiß aus den Poren zu kitzeln. Heute geht es ungefähr ums Gegenteil. Wund sind nur die Nerven des Choreografen, und zu kitzeln gibt es nichts: Die Teenagerwolke auf der Bühne wuselt so schon genug.

"Jetzt konzentriert euch doch endlich! Macht euren Job!" herrscht Royston Maldoom. Der Choreograf spielt Oberstleutnant, und das müsse er auch, erklärt eine Teilnehmerin: "Die Buben würden ihn sonst nicht hören." Dann kichert sie weiter mit Freundinnen.

Erfahren mit Jugendlichen

Royston Maldoom weiß, worauf er sich einlässt. Seit Jahren arbeitet der Tanzpädagoge mit Jugendlichen. Hier magersüchtige Mädchen, die Flamenco lernen sollen. Dort Kids mit körperlichen Beeinträchtigungen, die ein Experimentaltanz studieren. Zurzeit sind es Jugendliche aus Migrantenfamilien, die für das Tanzstück "Exil" proben. 95 TänzerInnen machen mit. Wer sich hier alle Namen merkt, braucht ein Superhirn - oder einen Assistenten.

Freitag abend ist Premiere. Von Nervosität ist bei den TänzerInnen drei Tage davor trotzdem wenig zu merken. Dafür umso mehr bei Maldoom und seinem Assistenten. "Strengt euch an, sonst wirkt es wie eine Schüleraufführung!", ruft Maldoom. Dutzende Teenageraugen schauen ihn verwundert an. Ob er vergessen hat, dass er mit Schülern zu tun hat? "Das ist keine Laienvorführung", erklärt Maldoom, "sondern eine Profi-Vorführung, gemacht von Laien."

Es ist heiß

Und damit sich die Kids gleich dran gewöhnen, dass auch Profis nicht für Reichtum tanzen, leiden sie gratis. "Uns ist heiß und wir sind müde", stöhnt ein Mädchen. Maldoom tut köstlich amüsiert: "Heiß ist euch? Ha ha! Was glaubst du, wie Michael Jackson geschwitzt hat, als er 'Thriller' einstudierte!"

Das klingt nach Erwartungsdruck der brutalen Sorte. Doch paradoxerweise ist es genau das, wodurch Maldooms Arbeit besticht: Der Choreograph hat es mit Jugendlichen zu tun, die genau wissen, welcher Platz in der Gesellschaft für sie reserviert ist: Pflichtschulabschluss, Jugendarbeitslosigkeit, Bandenbildung, Kleinkriminalität, maximal Hilfsarbeiterkarriere, und basta. Zumindest posaunt es so die politische Rechte, und ihre Hundertschaft an Echos in Medien, Stammtisch und öffentlichem Nahverkehr hallt gerne und lange nach.

Gefühle leben

Royston Maldoom fordert seine Schützlinge, ohne autokratisch zu sein. Wenn er die besseren TänzerInnen in die erste Reihe holt, dann erklärt er nicht: "Sie können es am besten." Sondern: "Sie fühlen sich am sichersten." Anstatt Bewegungsschritte einzudrillen, fordert er Empathie: "Versuch, das Gefühl dieser Szene zu leben - dann schaffst du sie mit links", rät er einer Tänzerin.

Die "Gefühle der Szene" sind auch das, was Jules bewegt, mitzumachen. Der 29-Jährige lebt erst seit eineinhalb Jahren in Wien. "Wenn Royston sagt, wir sollen uns ein Gefühl vorstellen, dann weiß ich genau, was er meint", sagt Jules. Das Tanzstück "Exil" erzählt von Flucht, Krieg und Verfolgung." -Er ist zwar selbst als Student gekommen, doch kennt er die Geschichten vieler afrikanischer Flüchtlinge in Wien. Er kennt sie, "weil es leichter ist, Afrikaner kennenzulernen, als Österreicher". Um mit letzteren in Kontakt zu kommen, meint er, "musst du irgendwo dabei sein." Er gibt sich große Mühe - geht zum Basketballverein, engagiert sich bei einer Studentenvereinigung, und geht eben Tanzen.

Zwei Gruppen

Jules ist einer der wenigen Erwachsenen beim Tanzprojekt. Die Hälfte der 95 TänzerInnen besteht aus ViertklässlerInnen einer Wiener Hauptschule, die andere aus Freiwilligen, die sich über den STANDARD beim Projekt angemeldet haben. "Tanz die Toleranz" heißt das Projekt, das von der Wiener Caritas zum ersten Mal mit Erfolg bei den Wiener Festwochen 2007 verwirklicht wurde.

Schon damals stellte Royston Maldoom klar: Für eine elitäre Festwochen-Show werde er sicher nicht anreisen. Wenn, dann müsse das Tanzprojekt auch in die Bezirke gehen - und zwar über die Dauer der Festwochen hinaus. So entstanden Projekte wie "Saturdance", "Mondance" und fast 40 andere Tanzprojekte, die für alle offen und gratis sind.

Bei der zweiten Wiederholung von "Tanz die Toleranz" wurde die Hauptschule Pazmanitengasse in Wien-Leopoldstadt ausgesucht. Kein einziger der Vierklässler hat Deutsch als Muttersprache. Aber da haben sie mit Maldoom immerhin etwas gemeinsam. Seine Anweisungen erteilt er auf Englisch, ein Assistent übersetzt.

Nicht mit Buben tanzen

"Man berührt sich und sucht Kontakt - dadurch wirkt Tanz an sich schon integrierend und toleranzfördernd", erklärt Leiterin Ulrike Levri den Sinn des Projekts. Doch was tun, wenn wieder nur dieselben Cliquen aneinander kleben? "Dann versuchen wir, sie zu trennen", sagt Projektassistentin Claudia Salcher. Jedoch ohne Zwang: "Ich war erst mit einem Buben zusammen", sagt Kürba. "Aber das wollte ich nicht, ich bin das nicht gewöhnt", sagt die Tochter türkeistämmiger Eltern. Kürba habe geweint und hatte Atemnot - "da wussten wir, dass es besser ist, ihr nachzugeben", sagt Salcher. Bei anderen, weniger drastischen Abwehrreflexen hat es mit Gut-Zureden geklappt: Das Argument "Die Nicole Kidman kann sich auch nicht aussuchen, wen sie im Film küsst", überzeugte dann doch.

Früher habe es schon gekriselt in der Klasse, erzählt Fatma, eine Teilnehmerin der Schulgruppe. "Da haben sie immer 'Kopftuchmafia, Kopftuchmafia!' nachgeschrien." Aber jetzt herrsche Harmonie: "Die Türken verstehen sich voll gut mit den Serben. Meine beste Freundin ist eine Jugo", sagt Fatma. Nach dem Tanzen geht sie trotzdem mit türkischen Mädels heim. Ob sie an den Integrationseffekt des Tanzens glaubt? Fatma nickt. "Ja schon", sagt sie: "Die aus der Parallelklasse sind eh voll okay." (Maria Sterkl, derStandard.at, 8.10.2009)

Infos

Premiere von "Exil" ist am Freitag, 9. Oktober, im Wiener Gasometer. Eine weitere Aufführung findet am 10. Oktober statt. Karten sind in allen Filialen der Erste Bank und auf der Erste Bank-Homepage erhältlich. Vorverkauf: 8,50 bzw. 5,50 Euro; Abendkasse: 9,50 bzw. 6,50 Euro.

Links

Tanz die Toleranz


Royston Maldoom

 

 

  • Laien werden zu Profis

    Laien werden zu Profis

  • Die Geschichte einer Flucht

    Die Geschichte einer Flucht

  • Um mit ÖsterreicherInnen in Kontakt zu kommen, "musst du irgendwo dabei sein": Jules

    Um mit ÖsterreicherInnen in Kontakt zu kommen, "musst du irgendwo dabei sein": Jules

  • Sieht in ihrer Klasse kein Integrationsproblem: Fatma (2.v.li.) plus Freundinnen

    Sieht in ihrer Klasse kein Integrationsproblem: Fatma (2.v.li.) plus Freundinnen

Share if you care.