"Wie in einem trivialisierten Kafka-Roman"

9. Oktober 2009, 11:01
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Konrad Paul Liessmann und Ilse Schrittesser über Bologna und Irritationen an den Unis

UniStandard: Wie sieht Ihre persönliche Bilanz nach zehn Jahren an der Uni im Bologna-Prozess aus?

Liessmann: Gefragt, was Bologna für mich persönlich bedeutet, kann ich kurz und bündig antworten: Es hat mich als Studienprogrammleiter vier Jahre meines Lebens gekostet. Und das ist nicht wenig, Lebenszeiten sind begrenzt. Ich hatte zudem das absonderliche Vergnügen, ein Jahr lang Studienprogrammleiter eines Fachs zu sein, für das es drei gleichzeitig geltende Studienpläne gab. Diese sich selbst überbietenden Reformen haben nicht nur die zwei bekannten Seiten der offiziösen Reformrhetorik und der universitären Wirklichkeit, sondern auch viele urkomischen Aspekte: Manchmal ist man sich vorgekommen wie in einem trivialisierten Kafka-Roman. Andererseits bin ich Bologna dankbar: Es war der Anlass für mein Buch Theorie der Unbildung, das zu meinem bisher größten Erfolg wurde.

UniStandard: Wie nahmen Sie damals die Vision zur Schaffung eines einheitlichen Hochschulsystems auf?

Schrittesser: Der gemeinsame europäische Bildungsraum ist eine Idee, die vor allem aus wirtschaftlichen Überlegungen entstanden ist. Zum Beispiel ist man Anfang der 90er-Jahre auf einer Konferenz in Asien draufgekommen, dass gerade asiatische Studierende das gute alte Europa nicht mehr so attraktiv finden. Ich halte dieses spannende Bildungsprojekt für eine gute Idee.

Liessmann: Die Bologna-Reform ist tatsächlich eine, die von ganz oben kam; nicht von den Unis, nicht von der lokalen Politik, auch nicht von der Wirtschaft - die österreichischen Unternehmer haben vor fünf Jahren nicht gewusst, was ein Bachelor ist. Man hat mit großem Getöse etwas neu erfunden, was zum Wesen der europäischen Wissenschaften im Mittelalter gehört: Universitäten als einheitlicher Wissensraum.

Es war ja nicht so, dass vor dem Bologna-Prozess jeder für sich dagesessen wäre und nicht nach rechts und links geschaut hätte. Weiters: Wir wollen, dass europäische Unis attraktiver werden, tatsächlich haben wir uns selbst ein verstümmeltes angloamerikanisches Hochschulsystem oktroyiert. Wir haben nicht auf die europäischen Wurzeln geschaut, um diese sinnvoll weiterzuentwickeln, sondern wir haben das Bachelor/Master-Modell allem übergestülpt, ohne es wahrscheinlich richtig verstanden zu haben. Was auch zu der paradoxen Situation führt, dass der europäische Bachelor in Amerika nicht wirklich anerkannt wird.

Schrittesser: Man hat sich überlegt, welche Studienstrukturen weltweit am meisten vertreten sind, und das sind der Bachelor und Master, und unter dem Leitmotiv der Globalisierung hat man sie übernommen. Historisch ist die europäische Universität nicht unkritisch zu verherrlichen. Es besteht Reformbedarf.

Es ist auch ein Topos, dass die Studierenden in der Bologna-Struktur angeblich nichts Gescheites mehr lernen. Der Reformbedarf ist nicht mit Bologna gekommen, sondern im Zuge der Bologna-Reform wieder thematisch geworden - etwa dass die Universität fast chronisch an Unterfinanzierung leidet.

UniStandard: Was halten Sie von den gestuften Studien selbst?

Schrittesser: Diese Struktur heißt nicht, dass der Bachelor verschult sein muss. Warum sollte im Bachelor nicht forschungsgeleitet gelehrt werden? Auch wenn Studierende nach sechs Semestern in einen Beruf gehen, ist es sinnvoll, dort mit einem wissenschaftlich geschulten Blick an die Gegenstände heranzugehen. Bestimmte Facetten von Bologna werden nicht so genutzt, wie sie genutzt werden könnten. Das Paradebeispiel ist die Modularisierung: Eine anspruchsvolle Modulgestaltung verlangt die Kooperation der Lehrenden und diese kostet Zeit.

Ein weiterer Aspekt: Die Kritik, dass die Bologna-Struktur zu einem Rückgang der Anerkennungen geführt hat, häuft sich. Das heißt, die neuen Studienprogramme sind so kompakt, dass man weniger Spielräume für Mobilität hat. Es scheint sogar schon innerhalb von Österreich schwierig geworden zu sein, von einer Uni an eine andere zu wechseln. Fazit: Es braucht ein Nachjustieren der Baustellen, die Bologna abschaffen wollte, aber zum Teil neu geschaffen hat.

Liessmann: Die Bachelors sollen so ausgebildet werden, dass sie sofort nach Abschluss des Studiums beschäftigungsfähig sind. Man kann auch sagen: Warum eigentlich drei Jahre, das geht in zwei Jahren sicher auch. Es geht vielleicht sogar in einem Jahr. Warum nicht in einem halben Jahr? Wünschen kann man sich alles. Gehen wird's nicht. Zur Ergänzung: Wir sprechen zwar jetzt von zehn Jahren Bologna, tatsächlich ist es etwa in Wien so, dass wir jetzt in vielen Fächern einmal den ersten Durchgang schaffen werden. Das heißt, wir wissen zwei Dinge noch nicht, die für die Beurteilung des Prozesses wichtig wären: Wie viele von diesen Bachelors am Arbeitsmarkt Aufnahme finden und ob sie als Akademiker gewertet werden.

UniStandard: Besteht nun ein Bologna-Frust oder oder eine Bologna-Freude unter den Studierenden?

Liessmann: Es gibt sehr viele, die das durchaus zu schätzen wissen, dass sie von einer reglementierten Struktur in die andere kommen. Es gibt aber - und das ist es auch, was ich Bologna vorwerfe - unterschiedliche Wissenschaftskulturen, und Bologna versucht alles gleich zu machen. Für die Geisteswissenschaften etwa ist es tödlich, wenn die Neugier zu früh reglementiert wird, wenn junge Menschen keine Chance haben, herumzuschnuppern. Das normale Neugierverhalten ist ja nicht zielorientiert. Der ganze Fortschritt der Wissenschaften beruht auf diesem ungerichteten Streben nach Erkenntnis. Trotz der großen Strukturreformen und der damit verbundenen europäischen Idee ist kaum etwas von einer geistigen Aufbruchstimmung zu spüren. Das sollte zu denken geben.

Schrittesser: Ein Grund für Irritationen an den Unis könnte sein, dass das Bologna-Projekt mit vielen anderen Maßnahmen gemeinsam gekommen ist: Mit der Umstellung der Unis auf autonome, zum Teil auch nach unternehmerischen Prinzipien organisierte Institutionen. Wenn man eine qualitative hochwertige Struktur aufsetzen will, dann kostet das immer auch Geld. Es ist aber naiv zu glauben, dass man mit einem Schlag beides erreichen kann: Kostenreduktion und Qualitätssteigerung.(Sara Mansour Fallah und Tanja Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2009)

  • "Es ist ein Topos, dass die Studierenden in der Bologna-Struktur angeblich nichts Gescheites mehr lernen", meint Ilse Schrittesser. Konrad Paul Liessmann wirft dem Prozess vor, "alles gleich zu machen".
    foto: standard/urban

    "Es ist ein Topos, dass die Studierenden in der Bologna-Struktur angeblich nichts Gescheites mehr lernen", meint Ilse Schrittesser. Konrad Paul Liessmann wirft dem Prozess vor, "alles gleich zu machen".

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