Der Vergleich macht nicht immer sicher

2. Oktober 2009, 18:08
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Was hat sich verändert? Vor 50 oder 500 Jahren hat ein Maler ein Haus oder ein Stück Natur abgebildet - wie sieht's dort jetzt aus?

Gerne vergleicht man, will wissen, was wir heute sehen. Vergleichen kann so streng und mimetisch sein wie Douglas Leveres Projekt, Fotos vom New York der Dreißigerjahre zu "refotografieren" : gleiche Perspektive, gleiches Licht, teils völlig andere Ergebnisse - was die Zeit aus der Stadt gemacht hat. Oder es kann so allgemein illustrativ sein wie das Buch von Stewart Brand How Buildings Change, in dem es vor allem um die Nutzung geht, die in der Architektur ihre Spuren hinterlässt. Der Kunsthistoriker und Fotograf Florian Heine wählte 22 Darstellungen aus 700 Jahren Kunst aus. Von einem Giotto (Ein einfacher Mann huldigt dem hl. Franziskus, um 1300) bis zu einem Gursky (Mayday V, 2006) reichen die Beispiele, anhand deren Heine die jeweiligen Abbildungscodes mit den - für unsere Begriffe - "realistischen" Fotos derselben Orte heute vergleicht.

Assisi im Mittelalter: Hier war der Vergleich eher schwierig, weil es das dargestellte Kirchentor gar nicht mehr gibt. El Grecos Toledo lässt sich kaum mit der heutigen Perspektive in Einklang bringen, Velásquez' römische Villa Medici hingegen sehr wohl, und das bekannte Ufer von Seurats Sonntagnachmittag auf der Île de la Grande Jatte ist erstaunlich gut wiederzuerkennen - wobei die pointillistische Darstellung in ihrer Pixelhaftigkeit noch eine Spur Fotorealismus nachlegt. Mit den Augen der Maler jedenfalls lässt Heine deren Art, die Wirklichkeit zu sehen, Revue passieren. Schön wäre es gewesen, die ursprüngliche und die jetzige Sicht gleichberechtigt und ruhig nebeneinander zu platzieren. Stattdessen gibt es eine unruhige Gestaltung, grafische Mätzchen und überflüssige Zusatzfotos. Was bleibt, ist eine lesenswerte Einführung in verschiedene Wirklichkeiten. Wobei Gursky, der Fotograf, eine überraschende Schlusspointe hergibt. Gerade bei ihm und seinen digitalen Nachbearbeitungen zeigt sich, wie verschieden Bild und Bild sein können. (Michael Freund, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

Florian Heine (Hg.), "Mit den Augen der Maler. Schauplätze der Kunst neu entdeckt" . € 35,90 / 164 Seiten. Bucher-Verlag, München 2009

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    foto: der standard
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