Wider den Trend

2. Oktober 2009, 18:07
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Das Auktionsangebot scheint international zu schrumpfen - aber das Dorotheum bietet kommende Woche Fülle

Nach Jahren der Fülle, genährt von permanenten Rekordergebnissen, laboriert die Auktionsbranche derzeit an Materialarmut. Mit Ausnahme Zeitgenössischer Kunst sind nahezu alle Sparten davon betroffen, vor allem im qualitativ hochwertigen Segment. Fatalisten wollen bereits eine Trockenlegung des einst so florierenden Kunstmarktes erahnen. Das Problem lauert an der Verkäufer-Front, denn wer sich von einem Kunstwerk nicht unbedingt trennen muss, der sträubt sich. Manchen ist das Risiko zu realistisch, nur mit einem Bruchteil jenes Wertes abgespeist zu werden, den man womöglich beim Verkauf in prosperierenden Zeiten bewilligt hatte.

Andere sind von der Entwertungs-Lähmung befallen und weigern sich ihre Sach- in unsichere Geldwerte zu verwandeln. Die Angst vor einer Inflation scheint hinter den Kulissen tatsächlich stärker, als man das offiziell bestätigen möchte und faktisch belegen könnte. Jene Fraktion, die davon abgeleitet wiederum in Sachwerte flüchtet, darunter eine nennenswerte Anzahl an Überläufern aus dem Finanzmarkt, bedient sich gemeinsam mit nimmersatten Kunstsammlern am derzeit etwas knapperen Angebot und hält das Werkel des internationalen Kunstmarktes weiterhin am Laufen.

Kein Leben ist so reich, dass es durch die Kunst nicht reicher werden könnte, keines so arm, dass für die Kunst darin kein Platz wäre. Mit diesem positiven Markt-Mantra hatte schon die Klimt-Gruppe (anlässlich des Austritts aus der Secession) argumentiert.

Vorschuss für alle

In London und New York werden Auktionskataloge immer schlanker, nur die Alpenrepublik scheint davon kaum betroffen. Mehr als sechs Kilogramm bringen die Sparteninventare des Dorotheums auf die Waage, die kommende Woche (6. bis 8. Oktober) in fünf Sitzungen versteigert werden sollen. Angesichts der eingelieferten Menge stellte man beispielsweise knapp 100 Alte Meister zurück, knapp 290 sollen um die sieben Millionen Euro einspielen.

Das Mysterium trägt den Titel "Vorschuss" , gewährt wird er (auf Wunsch) jedem Einbringer, konkret in der Höhe von 30 Prozent des Limits bzw. 50 Prozent des Rufpreises. Gemessen am erhofften Mindestumsatz der dritten Auktionswoche von 13 Millionen Euro (Umsatz 2008: 10,13 Mio) ließe sich die präventive Belehnungssumme mit knapp vier Millionen Euro beziffern.

Indes nur in der Theorie, nicht alle Verkäufer machen davon Gebrauch. Als eines der wenigen Auktionshäusern der Welt kann sich das Dorotheum diesen Kundendienst auch tatsächlich leisten, bestätigt Geschäftsführer Martin Böhm. Nicht ohne Stolz schlenzt er dieser Tage durch die Schaustellung, ja, sein Expertenteam hat mit Unterstützung der Repräsentanzen in Italien und Deutschland hervorragende Arbeit geleistet. Eine mehr als passable Ernte, dank der Aufbauarbeit der letzten Jahre. Inhaltlich umfasst sie neben Alten Meistern auch Gemälde des 19. Jahrhunderts, Antiquitäten mit Skulpturen, Möbel, Silber, Juwelen sowie Glas und Porzellan. Eyecatcher lauern derer einige, auch für den musealen Gout: Für die je zwei Meter hohen Kandelaber von Josef Danhauser (30/40.000 Euro) könnte sich die Albertina interessieren.

Am prunkvollen, von Giovanni Giuliani ehemals für das Stift Heiligenkreuz geschnitzten Barometer (100/150.000 Euro) könnte Johann Kräftner namens der Sammlung Liechtenstein Gefallen finden, vielleicht erliegt er aber auch dem kessen Blick, den Antonia Seemann mit ihren kornblumenblauen Augen auf das Publikum feuert.

Das Porträt der biedermeierlichen It-Göre schuf Ferdinand Georg Waldmüller 1833 und damit am qualitativen Zenit seiner Porträtmalerei. Akquiriert wurde das auf 30.000 bis 40.000 Euro taxierte Gemälde zusammen mit Waldmüllers sozialkritischem Stück Kinder schmücken den Hut eines Konskribierten und drei Arbeiten von Friedrich Gauermann über die Niederlassung in Deutschland.

Dort, wo sonst Peter Wolfs Konterfei von Erwin Wurm die Wand schmückt, fesselt aktuell ein Großformat mit der Darstellung des Urenkels Karl des Kühnen, dem das Kunsthistorische Museum Wien derzeit eine Ausstellung widmet. Ein denkbar würdiger Nachfolger sei Karl V. allemal, kommentiert der Experte für Gemälde Alter Meister dieses in der Sektion 19. Jahrhundert angebotene Werk.

2005 hatte es der Einbringer bei Sotheby's aus der Sammlung des Königshauses Hannover erworben: Für 9.075 Euro, als Werk eines anonymen deutschen Künstlers, drei Risse in der Leinwand inklusive. Im Zuge der Restaurierung entdeckte man nicht nur eine Datierung (1845), sondern auch die Signatur von Georg Bergmann. Im Dorotheum soll es nun 50.000 bis 60.000 Euro bringen und dem Verkäufer damit einen Gewinn von zumindest 400 Prozent. (Olga Kronsteiner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 03./04.10.2009)

  • Pietro Muttoni detto Pietro della Vecchias (Venedig 1603-1678) karikiertes Alchimisten-Trio soll bis zu 60.000 Euro bringen.
    foto: dorotheum

    Pietro Muttoni detto Pietro della Vecchias (Venedig 1603-1678) karikiertes Alchimisten-Trio soll bis zu 60.000 Euro bringen.

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