Die Forderung nach menschlichem Maß

3. Oktober 2009, 18:02
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Nationalökonom, Jurist und Philosoph Leopold Kohr trat für kleine, selbstständige Einheiten ein - am 5. Oktober wäre Kohr 100 Jahre alt geworden

Salzburg - Mit seiner Forderung nach dem menschlichen Maß ist der aus Oberndorf bei Salzburg stammende Nationalökonom, Jurist und Philosoph Leopold Kohr aktueller denn je. Er sah in der zu großen Größe ein zentrales Problem der menschlichen Existenz und setzte ihr das Ideal von kleinen, selbstständigen Einheiten entgegen. Die Ideen von Kohr wirken heute in vielen regionalen Initiativen nach, sagte Alfred Winter, Gründer der Leopold-Kohr-Akademie. Am 5. Oktober wäre Kohr 100 Jahre alt geworden.

"Es geht darum, das rechte Maß zu finden. Alles was zu viel und zu groß ist, fährt zur Hölle", fasste Winter das zentrale Gedankengebäude von Kohr zusammen. Gerade in der weltweiten Finanzkrise habe sich die Aktualität der Thesen Kohrs gezeigt, zitierte Winter einen Satz des Salzburger Philosophen: "Der Kapitalismus ist aus sich heraus unreformierbar, er braucht den großen Bang." Das vergangene Jahr habe bestätigt, dass niemand wirklich bereit sei, die Spekulationsgeschichten zu beenden, sagte Winter.

Eigenständigkeit

Wenn es um die Bewahrung und die Erlangung von Eigenständigkeit geht, wird Kohr gerne herangezogen. So habe sich beispielsweise der Stadtstaat Bremen, der in den vergangenen Jahren in Gefahr geraten war, von Niedersachsen "geschluckt" zu werden, geistig-philosophische Anleihen bei Leopold Kohr geholt, um die Eigenständigkeit zu bewahren, sagte Winter. Das sei auch gelungen.

Kohr hat im Jahr 1967 mitgeholfen, auf der winzigen Karibikinsel Anguilla einen unabhängigen Staat zu gründen. Auch bei der Entwicklung der Eigenständigkeit von Wales hatte der gebürtige Oberndorfer Kohr eine wichtige Rolle, betonte Winter: Er habe die keltische Nation immer gegen die englische Zentralregierung unterstützt und mit seinen Konzepten mitgewirkt, dass die Walliser ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung haben.

Regionale Initiativen

Neben diesen "großen" politischen Nachwirkungen gebe es viele kleine und regionale Initiativen, die sich an das Gedankengut Kohrs anlehnen. In seiner Heimat Salzburg wurden 1986 die Leopold-Kohr-Akademie sowie der Verein für Kultur- und Regionalentwicklung Tauriska gegründet, die seine Theorie der regionalen Eigenständigkeit in die Praxis umsetzten. "In kleinen Einheiten kann man das meiste selbst machen", betonte Winter den Wert dieser regionalen Initiativen. Wurden die Dinge, wie ein Bauernmarkt in Hollersbach, früher belächelt und als verrückt abgetan, seien sie heute unumstritten und fixe Bestandteile der regionalen Identität, bilanzierte Winter.

Zu den wichtigsten Werken Kohrs gehören "Das Ende der Großen", "Die Lehre vom rechten Maß" oder "Weniger Staat". 1983 erhielt der gebürtige Oberndorfer, der unter anderem in Amerika, Puerto Rico und Wales gelebt und gelehrt hatte, den Alternativen Nobelpreis für sein Lebenswerk. In seinen letzten Lebensjahren war der Philosoph wieder oft in seiner Heimat. 1994 starb Kohr im Alter von 84 Jahren nach einer Herzoperation. (APA/red)

  • Leopold 
Kohr hat 1983 den Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award) für sein Lebenswerk erhalten.
    foto: right livelihood award

    Leopold Kohr hat 1983 den Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award) für sein Lebenswerk erhalten.

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