Rundschau: Durch Wellen und Dünen

    17. Oktober 2009, 14:10
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    "Genesis", "Symbiose", "Limit", "Glutsand" und Romane von Frank & Brian Herbert, Jennifer Fallon, Jonathan L. Howard, Peter Watts, Mike Resnick und Gordon Dahlquist

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    coverfoto: heyne

    Peter Watts: "Wellen"

    Broschiert, 688 Seiten, € 10,30, Heyne 2009.

    Mit Teil 3 kehrt die "Rifters"-Trilogie dahin zurück, wo sie begonnen hat: ins Meer, wenn auch nicht ins selbe. Da der Vernichtungsfeldzug von βehemoth nicht gestoppt werden konnte, N'AmPaz und schließlich die ganze westliche Hemisphäre unter Quarantäne steht, haben sich die, die sich's leisten konnten, ins abgeschottete Habitat Atlantis am Mittelatlantischen Rücken zurückgezogen. Dort leben die inklusive ihrer Familien etwa 1.000 Menschen umfassenden Firmenbosse gleichsam umzingelt von den verbliebenen 60 Rifters: Lenie Clarke, Ken Lubin und ihren LeidensgenossInnen aus anderen ehemaligen Unterwasserprojekten. Seit fünf Jahren hält ein prekärer Waffenstillstand zwischen den beiden verfeindeten Gruppen - in der realen Welt sind zwischen dem Erscheinen von "Mahlstrom" und "Wellen" ("βehemoth: β-Max and Seppuku"; 2005) fast genauso viele Jahre verstrichen. Genug offenbar, dass aus Lenies ominöser Andeutung am Ende von "Mahlstrom", die Internetfauna könne die Welt retten, nicht mehr wurde als ein blindes Motiv. Jedenfalls wird am Beginn von "Wellen" darauf nicht mehr eingegangen: Ein weiteres Indiz dafür, dass "Mahlstrom" seinerzeit etwas aus dem Ruder gelaufen ist.

    Und wir erleben die Teilrehabilitierung von Lenie Clarke: Sie hat nicht einfach eine Lebensform, die Milliarden Jahre lang sicher am Grunde des Ozeans schlummerte, in die Welt getragen - offenbar wurde bei einer früheren Unterwasserexpedition am Erbgut von βehemoth herumgepfuscht, was ihm erst seine verheerende Virulenz verlieh. Anscheinend wollte Peter Watts die Hauptfigur seiner Trilogie nachträglich in einem positiveren Licht erscheinen lassen. Doch reicht dies aus, um die de facto größte Massenmörderin der Geschichte sympathisch erscheinen zu lassen? Schwerlich, immerhin setzt sich die für jedes Maß und Ziel blinde Egozentrizität, mit der Lenie einst ihren Rachefeldzug gegen die böse Welt startete, nun in ebenso großer Wehleidigkeit darüber, was sie angerichtet hat, fort. Aber wer Menschen zum Mögen sucht, ist in den "Rifters"-Romanen ohnehin an der völlig falschen Stelle.

    Niemand illustriert dies deutlicher als Achilles Desjardins, der Kämpfer wider die fortschreitende Entropie aus Band 2. Eine Arbeitskollegin hat ihn aus politischen Gründen von seinem biochemisch induzierten Schuldgefühl befreit und damit ein Monster freigelassen. Bittere Ironie: Während Lenie und die meisten anderen Rifter durch gefälschte Erinnerungen zu "Psychopathen" gemacht wurden, ist Achilles als solcher geboren - und nun, von der chemischen Fessel gelassen, lebt er dies aus. Achilles' Sadismus ist für Watts Anlass, noch einmal sein biologistisches Menschenbild darzulegen (was er im Nachwort noch einmal ausdrücklich rechtfertigt). Überhaupt fällt auf, dass Sex in der Trilogie stets im Kontext von Gewalt und Selbsthass steht: Selbst Geschlechtsverkehr in beiderseitigem Einverständnis war nichts als die Vergewaltigung eines Opfers, das aufgegeben hatte (wozu es im Nachwort keinen Kommentar gibt). Und eine elaborierte, wirklich ekelerregende Folterszene, die sich gegen Ende des Romans über einige Seiten erstreckt, hätte Watts sich und den LeserInnen durchaus ersparen können.

    Doch zurück zur äußeren Handlung: Lenie und Ken steigen zurück an die Oberfläche in ein Nordamerika, das schon zur Hälfte den sterilisierenden Flammen überlassen wurde, und begegnen Taka Ouelette: Einer Ärztin, die mit ihrer mobilen Krankenstation durch die verelendeten Seuchenzonen klappert und wie ein Sinnbild des Niedergangs wirkt. Noch einmal werden Biosphäre und Datenwelt parallel geschaltet, denn auch in letzterer ist die Ödnis eingekehrt. Von der einst mannigfaltigen Internetfauna ist fast nichts mehr geblieben - nur noch als Lenies bezeichnete rabiate Programme fegen in zerstörerischem Wahnsinn durch die Leere. Und doch scheint es im verrottenden Unterholz der realen Welt auch neues Leben zu geben: Seltsame Unkräuter und Insekten, die irgendwie zuviele Beine haben, tauchen an immer mehr Orten auf. Vor diesem Hintergrund streben Lenie und Ken - plötzlich und ohne dass wir's so recht gemerkt haben in Sachen Weltenrettung unterwegs - einem Showdown entgegen, der in seiner hollywoodesken Konstellation Person-versus-Person für eine so komplexe Geschichte irgendwie simplifizierend wirkt. Andererseits nach 1.600 fordernden Seiten auch irgendwie befreiend.

    Was bleibt nun von einem so monumentalen Werk wie der "Rifters"-Trilogie? Zunächst das lobenswerte Einbringen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Im Anhang jedes der drei Romane führte Watts seine Quellen an, darunter zahlreiche damals topaktuelle Artikel aus Fachzeitschriften. Das bewegt sich auf einem etwas anspruchsvolleren Level als Frank Schätzing und spricht für echte Kenntnis der Materie. Aus der Verknüpfung unterschiedlicher Gebiete von der Biochemie bis zur Kybernetik erwächst ein überaus komplexes Gebilde - und Watts größte Leistung ist es, all dies in einem umfassenden Leitmotiv zusammenzuführen: dem Verlust von Kontrolle (seien es Gefühle und Triebe, sei es die Ökologie, die Entwicklung der Internet-Evolution oder im sozialen Kontext der zum Selbstläufer  werdende Mythos von der Meltdown Madonna). Ein erstaunlich klar erkennbarer Roter Faden angesichts solcher Komplexität, dafür ein Bravo! Aber wir finden hier auch ein in seiner Kälte unsäglich deprimierendes Menschenbild vor. Was die Trilogie einiger erzählerischer Schwächen zum Trotz insgesamt zu einem sehr guten Werk macht. Und einem ziemlich unsympathischen.

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