Rundschau: Durch Wellen und Dünen

    17. Oktober 2009, 14:10
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    "Genesis", "Symbiose", "Limit", "Glutsand" und Romane von Frank & Brian Herbert, Jennifer Fallon, Jonathan L. Howard, Peter Watts, Mike Resnick und Gordon Dahlquist

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    coverfoto: blanvalet

    Gordon Dahlquist: "Die Glasbücher der Traumfresser"

    Broschiert, 924 Seiten, € 10,30, Blanvalet 2009.

    Sollte jemand aus der Erwähnung Gordon Dahlquists im Aufmacher geschlossen haben, dass an dieser Stelle sein kürzlich auf Deutsch erschienenes "Dunkelbuch" rezensiert wird: Sorry. Das wird zwar kommen, erst ist aber noch das im Vorfeld in der Taschenbuchausgabe wiederveröffentlichte Werk dran, mit dem der US-Autor in seine faszinierende Welt der Traumfresser einführte (im Original erschien "The Glass Books of the Dream Eaters" 2006). Wobei die "Tasche" zum Buch einen tragfähigen Gurt braucht, denn mit über 900 in engem Satz bedruckten und kaum von Kapiteln unterteilten Seiten liegt hier ein ordentliches Textkorpus vor.

    Von Beginn an fällt der wohlerzogene Tonfall auf, in dem Dahlquist seine Erzählung entspinnt - maßgeschneidert für ein quasi-viktorianisches Setting (zu den Schwierigkeiten zeitlicher und geografischer Einordnung später mehr). So wird die erste der drei Hauptfiguren des Romans, Celeste Temple, stets als Miss Temple angeführt - noch sind wir LeserInnen nicht so weit, dass wir sie plump duzen dürften. Von ihrer Plantagen-Insel ist sie auf Bräutigamschau angereist, erhält von ihrem Verlobten aber in schnöder Briefform den Laufpass.  Doch als das patente Mädel, das sie ist, lässt sie diese Demütigung nicht auf sich sitzen und folgt ihm mit Opernglas und Kapuzenmantel bewehrt bis in einen Bummelzug in die Provinz. Dort schließt sie sich einer maskierten Festgesellschaft an, die sich - ihr Ex-Verlobter inklusive - auf einem labyrinthischen Anwesen versammelt, wo gar seltsame Ereignisse ihren Lauf nehmen. Halbnackte Frauen werden - offenbar hypnotisiert oder unter Drogen gesetzt - einem handverlesenen Publikum präsentiert; die Stimmung erinnert stark an die Orgienszene in Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut". Eine raubtierhafte Frau in Rot scheint das Geschehen zu steuern - Celeste ... pardon: Miss Temple wird enttarnt, entgeht mit knapper Not Vergewaltigung und Ermordung und rettet sich in den Zug zurück in die Hauptstadt. Ein kurzer Blickwechsel mit einem ebenfalls in Rot gekleideten Mann im Zug beendet das erste Kapitel. 80 Seiten sind vorbei, wir begreifen nichts und sind völlig gebannt.

    Besagter Mann in Rot wird Kardinal Chang genannt und ist ein Auftragskiller mit der Seele eines Poeten. Er hätte auf dem Maskenball einen seiner blutigen Jobs erledigen sollen, doch ist ihm jemand zuvorgekommen. Als er später engagiert wird, Miss Temple ausfindig zu machen, stößt er auf immer mehr Indizien des Geheimnisses hinter dem aktuellen Geschehen: Er sieht Menschen mit seltsamen Brandmalen um die Augen und eine Steampunk-artige Maschine, an deren Gewirr von Schläuchen und Rohren eine Prostituierte angeschlossen wurde. Und auch am Ende seines Kapitels erfolgt ein kurzer Blickkontakt: Zu Doktor Abelard Svenson, wie sich gleich darauf herausstellt; dem dritten im Hauptfiguren-Trio. Svenson ist verantwortlich für den mecklenburgischen Prinzen Karl-Horst von Maasmärck, das schwarze Schaf der Familie. Der büxt wieder einmal aus und es dauert nicht lange, bis auch Svenson der Ermordung nahekommt. Seine Beobachtungen enthüllen weitere Details des bereits zuvor Erspähten: Er findet bläuliche Glasscheiben, in denen Erinnerungen gespeichert und in total-immersiver Weise abrufbar sind (vom Steam- geht es gleichsam über in den Cyberpunk), und einen Mann, dessen Arme teilweise zu Glas geworden sind. Erst nach 240 Seiten kehren wir zu Miss Temple zurück respektive kommt es zum Zusammentreffen der drei Hauptfiguren. Wider alle Erwartungen werden sie sich verbünden und sich an die Enträtselung der Verschwörung machen, die hinter dem Verfahren steckt, mit dem die Glasbücher geschaffen werden und das - noch bedeutsamer - für deren BenutzerInnen in eine Transformation münden soll. Alle drei haben zu diesem Zeitpunkt bereits Blut an den Händen - wie es im Klappentext heißt: Sie riskieren ihr Leben, ihre Ehre und ihre Tugend.

    Erotik und Gewalt hinter verschlossenen Türen, detektivische Ermittlungen und dunkle Machenschaften, verheimlichte Skandale und geschickt aufgestellte Spanische Wände: "Die Glasbücher der Traumfresser" ist durchgehend aus einer Schlüssellochperspektive geschrieben. Kein Setting könnte dafür geeigneter sein als ein "viktorianisches": die Ära, in der die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit am stärksten war. "Viktorianisch" deshalb unter Anführungszeichen, weil Zeit und Raum gar nicht so leicht festzumachen sind. Auf den Plantagen von Miss Temples Familie schuften Sklaven - obwohl die beschriebene Welt sich nach einem Zeitraum liest, in dem die Sklaverei in den USA, zumindest aber in Europa längst abgeschafft war. Länder wie Frankreich und Italien werden wie selbstverständlich erwähnt - wo sich das eigentliche Geschehen abspielt, wird aber geschickt offen gelassen. Viele Charaktere tragen englische Namen, doch kommen auch schwer einordenbare wie Xonck, Aspiche oder Vandaariff - Landsleute nichtsdestotrotz - dazu. Und dann wäre da noch die Statue einer von Schlangen umgarnten Heiligen Isobel zu erwähnen, die es in dieser Form in unserer Welt nicht gibt ...

    Wie in einer dreifachen Spirale bewegen wir uns aus den Perspektiven der drei ProtagonistInnen auf des Rätsels Lösung zu. Und wie es Spiralen so an sich haben, werden die Wege zum Mittelpunkt hin immer kleiner. Heißt ganz prosaisch: Auch die "Glasbücher" sind sehr gut, aber viel zu lang - gemessen nicht einfach an der Seitenzahl, sondern am Fortschritt der Handlung. Nicht dass nichts geschähe: Es wird geflüchtet und in Häuser eingebrochen, es werden alte Leichen gefunden und neue produziert (beides in Massen), es wird immer weiter eingetaucht in eine dekadente Welt von Sex und Gewalt. Trotzdem kehrt, wenn schon nicht rasender Stillstand, so doch hektisches Schleichen ein - zusammengehalten freilich von Dahlquists stilistischer Gabe. Um dies uneingeschränkt genießen zu können, sind Atmosphäre- gegenüber HandlungsleserInnen allerdings im Vorteil. Der Autor hat dem auf jeden Fall Rechnung getragen: Der Folgeroman "Das Dunkelbuch" ("The Dark Volume") ist um ein Drittel kürzer ausgefallen; demnächst an dieser Stelle.

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