Rundschau: Durch Wellen und Dünen

    17. Oktober 2009, 14:10
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    "Genesis", "Symbiose", "Limit", "Glutsand" und Romane von Frank & Brian Herbert, Jennifer Fallon, Jonathan L. Howard, Peter Watts, Mike Resnick und Gordon Dahlquist

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    coverfotos: quercus

    Bernard Beckett: "Genesis"

    Gebundene Ausgabe, 208 Seiten, Quercus 2009.

    Ein spannendes Referatsthema hat sich die junge Anaximander ausgesucht, um die Aufnahmeprüfung an der ehrwürdigen Academy zu bestehen: Leben und Tod des legendären Adam Forde (2058 - 2077), der die Struktur von Platos' Republic einst durcheinander wirbelte. Die Geschichte dieser Republik, die sich Mitte des 21. Jahrhunderts auf der Insel Aotearoa (=der Maori-Name für die neuseeländische Heimat des Autors Bernard Beckett) etablierte, erfahren wir aus Anaximanders historischem Abriss: Geboren aus den ökologischen und kriegerischen Wirren seiner Zeit, versuchte das Inselreich auf seine Art zu Stabilität zu finden. Change Equals Decay lautet der zentrale Lehrsatz. Und um Veränderungen zu verhindern, wurde eine Staatsform geschaffen, die sich tatsächlich am platonischen Staat, wie in der "Politeia" beschrieben, orientiert. Die Menschen werden - abhängig von ihrem Genom - in die vier Klassen der Philosophen, Techniker, Soldaten und Arbeiter eingeteilt, Männer und Frauen leben voneinander getrennt, Kinder werden nicht von ihren Eltern, sondern vom Staat aufgezogen. Und es ist ein verschärfter platonischer Staat: Der Great Sea Fence schottet das Land gegenüber der Außenwelt ab, sich nähernde Flugzeuge und Schiffe werden gesprengt, Flüchtlinge ausnahmslos erschossen. Zu Paaren eingeteilte Wachsoldaten müssen diese Politik durchsetzen: Einer schießt auf die Asylsuchenden, sein Partner zielt derweil auf seinen Hinterkopf.

    Ein solcher Soldat war Adam - doch er lehnte sich auf: Erschoss statt dessen seinen Partner, als ein kleines Mädchen - später Eve genannt - an den Wall gespült wurde. Das klingt nach einem erwartbaren Story-Verlauf, aber nichts da: Eve beispielsweise wird daraufhin keinerlei Rolle mehr spielen, und was zunächst nach einem zeitlosen Szenario Individuum-versus-totalitäre-Gesellschaft à la Huxley oder Orwell aussah, nimmt einen völlig anderen Verlauf. Die regierenden Philosophen wissen nicht recht, was sie mit dem durch seinen Schauprozess populär gewordenen Adam anfangen sollen. So stellen sie ihn für ein Experiment, das einer von ihnen betreibt, ab: Adam wird zum "Companion" eines neuartigen künstlichen Wesens, das äußerlich einem Orang-Utan nachgebildet wurde und über Intelligenz verfügt: Art. - Ging es zuvor also um die Frage der Menschlichkeit unter moralischen Gesichtspunkten, so geht es nun eine Ebene tiefer. In ihren Gesprächen über Evolution, Persönlichkeit und Seele zerpflückt Art ein Argument Adams, wodurch sich ein Mensch grundlegend von einer künstlichen Intelligenz unterscheide, nach dem anderen. Was sich abwechselnd erhellend, erschreckend oder vergnüglich liest: "You're still just silicon." - "And you're just carbon. Since when has the periodic table been grounds for discrimination?"

    Anders als bei Peter Watts, der auf die Frage des Menschseins einfache biochemische Antworten gibt, werden hier Fragen gestellt. Der Interpretationsrahmen ist dabei frei wählbar. Manche Komponenten des Romans erlauben religiöse Deutungen (die Paarung Adam & Eve etwa, der Buchtitel natürlich, und auch von einer Original Sin ist die Rede) - andere hingegen weltliche: Alle Figuren der Romangegenwart tragen die Namen griechischer Philosophen, zugleich ist das Frage-und-Antwortspiel (ob zwischen Adam und Art oder zwischen Anax und ihren Prüfern) gelebte Sokratische Methode. Überhaupt ist der gesamte Roman fast ausschließlich in Dialogen angelegt - Handlungssequenzen werden nur indirekt in Anaximanders Referat bzw. in Form einer holografischen Präsentation wiedergegeben. De facto verlassen wir nie die hermetische Situation der Kammer, in der Anax ihren drei Prüfern gegenüber steht. Das führt trotz der etwas abstrakten Atmosphäre zu eminenter Spannung: Vordergründig wegen der Frage, ob Anax ihre Prüfung bestehen wird - noch viel mehr aber deshalb, weil man sich zu fragen beginnt, was eigentlich aus dieser Republik der Vergangenheit geworden ist bzw. auf welchem Stand sich die Gesellschaft der Romangegenwart befindet. So langsam dämmert einem dabei, dass "Genesis" auf eine Pointe - und möglicherweise eine böse - hinauslaufen könnte. Doch wird es mehr als nur eine geben. Und siehe da: Obwohl "Genesis" beim Lesen wesentlich weniger Zeit in Anspruch nimmt als so manches detailversessene hypertrophe Romanungeheuer, wie auch in dieser Rundschau einige vertreten sind, wirkt es im Anschluss dafür umso länger nach. Große Empfehlung!

    P.S.: Man sollte englischsprachige Bücher nicht zu lange herumliegen lassen, sonst kommt einem womöglich eine Übersetzung zuvor. "Genesis" ist in Großbritannien zwar erst 2009 erschienen, wurde in Neuseeland aber schon 2006 veröffentlicht - und liegt seit September auch in einer deutschsprachigen Version vor. Trotz des philosophischen Themas ist beim Lesen des Originals übrigens kein Wörterbuch notwendig - wer es dennoch lieber auf Deutsch hätte: Der Roman ist unter dem Titel "Das neue Buch Genesis" beim Verlag Script5 erschienen.

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