Arbeit in sternenklarer Nacht

22. September 2009, 20:20
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Das Leopold-Figl-Observatorium ist Österreichs größte Sternwarte - Sie wird heuer 40 und spielt - trotz Lichtverschmutzung - noch immer eine wichtige Rolle für die heimische Astronomie.

Der VW-Bus der Astronomie-Uni kämpft sich über die steile, geschotterte Forststraße hinauf auf den Schöpfl zum Leopold-Figl-Observatorium für Astrophysik. Hier auf dem bewaldeten Bergrücken, der höchsten Erhebung des Wienerwaldes, steht auf 880 Metern Seehöhe die größte Sternwarte Österreichs. Sie feiert am 25. September 40-jähriges Jubiläum. Grund genug, um dem größten Spiegelteleskop im Lande einen Besuch abzustatten.

Werner Zeilinger, der wissenschaftliche Leiter, führt durch die turmartige Anlage und erklärt die Funktionen der einzelnen Räume. Der Observatoriumskomplex besteht grundsätzlich aus zwei Gebäuden. Im größeren der beiden befindet sich das anderthalb Meter große Spiegelteleskop, daneben gibt es noch einige Arbeits- und Schlafräume, eine Werkstätte und eine Aluminisieranlage zur Bedampfung des Spiegels.

Das zweite, kleinere, ein paar Meter entfernte Gebäude beherbergt ein 0,6-Meter-Spiegelteleskop und wird vor allem zur Lichtmessung und für Lehrveranstaltungen eingesetzt.

In die Tiefe des Alls schauen

Über steile Stufen steigt Werner Zeilinger hinauf in die riesige Kuppel, das Herzstück des Observatoriums, und erklärt den Aufbau des Teleskops selbst: "Die ganze Anlage steht auf einem eigenen, vom Gebäude unabhängigen Fundament in zehn Metern Höhe, um jegliche Erschütterung und auch zu viel aufsteigende warme oder feuchte Luft zu vermeiden. Alles Faktoren, die unsere Beobachtungen empfindlich stören würden, denn wir benötigen extrem lange Belichtungszeiten."

Langsam öffnet der Wissenschafter die Kuppel, um den Blick in den Himmel freizugeben. Das Spiegelteleskop wird parallel dazu in die richtige Stellung gebracht. Früher musste die Anlage manuell gesteuert und eingerichtet werden, heute erledigt diese Arbeit der Computer.

Die Außenstelle des Astronomie-Instituts ist ein Nacht-Observatorium, das Teleskop würde bei Beobachtungen der Sonne Schaden nehmen, genauso wie durch Feuchtigkeit in Form von feuchter Luft oder Regen. Bis in die Neunzigerjahre wurde die astronomischen Bilder mithilfe von bis zu 20 mal 20 Zentimeter großen Fotoplatten belichtet. Heute hat natürlich längst die moderne Digitalfotografie Einzug in die Weltraumbeobachtung gehalten. Die 1,5 Meter große Öffnung des Teleskops, 12,5 Meter Brennweite und bis zu drei Stunden Belichtungszeit ermöglichten und ermöglichen Blicke in sehr große Tiefen des Weltalls. Logischerweise nur bei optimalen Wetterbedingungen, also in sternklarer Nacht.

Geforscht wird hier im Wienerwald in der klassischen Astronomie, also der Analyse der Positionen und Bewegungen der Lichtpunkte am Himmel, und in der Astrophysik, die mithilfe der spektroskopischen Beobachtung die Beschaffenheit der Himmelskörper analysiert. In der heutigen Zeit sind beide Wissenschaften praktisch zu einer Tätigkeit verschmolzen. 1993 wurde beispielsweise am Observatorium eine Supernova fotografiert, in ihrer Helligkeit gemessen und anschließend das Sternenlicht spektral zerlegt, um die für eine Sternenexplosion typischen Elemente, die schwerer sind als Eisen, nachweisen zu können.

Außenstelle gegen Lichtflut

Drei Stunden Belichtung wären heute übrigens an diesem Ort nicht mehr möglich, denn die Lichtkuppel der Stadt Wien ist mittlerweile viel zu groß geworden. Die zunehmende Lichtverschmutzung stellt ein immer größeres Problem dar, und das war, wie die Geschichte zeigt, auch schon in der Vergangenheit so. Seit dem 15. Jahrhundert lehrten und forschten bedeutende Astronomen in Wien, die erste Universitätssternwarte wurde in der heutigen inneren Stadt im 18. Jahrhundert errichtet und Ende des 19. Jahrhunderts auf die Türkenschanze im 18. Bezirk verlegt.

Das damals weltgrößte Linsenteleskop war zu diesem Zeitpunkt aber bereits wieder am falschen Ort platziert, die beginnende Elektrifizierung verlangte bald nach einer echten Außenstelle, um der Lichtflut der Stadt zu entgehen. 1965 stellte das Land Niederösterreich das Grundstück auf dem Schöpfl zur Verfügung, und 1969 wurde die heutige Sternwarte dort ihrer Bestimmung übergeben.

"Lichtverschmutzung ist zu einem weltweiten Phänomen geworden", schildert Thomas Posch vom Institut für Astronomie die Probleme mit der zunehmenden Beleuchtungsintensität der Großstadt. "Die Lichtkegel von Wien und St. Pölten beeinträchtigen unsere Forschungsarbeit mittlerweile auch an der Leopold-Figl-Warte." Das ist mit ein Grund, weshalb Österreich seit kurzem Mitglied der ESO, des European Southern Observatory, ist und dadurch die Möglichkeit von Forschungsbeobachtungen am größten Teleskop der Welt in der chilenischen Atacamawüste hat.

"Wir brauchen unser mittelgroßes Observatorium weiterhin für die Lehre und für Untersuchungen, die in Chile keinen Platz bekommen, denn die Station dort ist fünffach überbucht, und nur die spektakulärsten Projekte haben eine Chance auf Realisierung. Kleinere, aber ebenso notwendige Arbeiten erledigen wir hier", erklärt Posch die Notwendigkeit der Sternwarte für die Zukunft, wobei der Betrieb bald großteils ferngesteuert ablaufen wird. Denn mittlerweile braucht man nicht mehr in der Kuppel zu sitzen, um Beobachtungen vorzunehmen. Über den Computer lässt sich die Anlage aus einem der Arbeitsräume im Observatorium und nun auch von Wien aus der Ferne steuern.

"Der Mensch ist in der Kuppel während der Beobachtung ein Störfaktor, da er Licht zum Arbeiten benötigt und Wärme ausstrahlt, also wird das Teleskop besser von außen betätigt", erzählt Zeilinger, während er den VW-Bus wieder die Forststraße hinuntersteuert. (Martin Grabner/DER STANDARD, Printausgabe, 23.09.2009)

  • 2500 Lichtjahre ist der Nordamerikanebel, ein Gasnebel im Sternbild Schwan, von uns entfernt. Das Bild stammt von der Sternwarte auf dem Schöpfl.
    foto: posch/wraba

    2500 Lichtjahre ist der Nordamerikanebel, ein Gasnebel im Sternbild Schwan, von uns entfernt. Das Bild stammt von der Sternwarte auf dem Schöpfl.

  • Früher musste die Kuppel manuell geöffnet und das 1,5 Meter große Teleskop händisch positioniert werden. Heute erledigt diese Arbeit der Computer.
    foto: grabner

    Früher musste die Kuppel manuell geöffnet und das 1,5 Meter große Teleskop händisch positioniert werden. Heute erledigt diese Arbeit der Computer.

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