Der USB-Stick, ein Gegenstand mit tragischem Schicksal

19. September 2009, 10:48
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Er erfasst Fotoalben, Steuerunterlagen, ja ganze Bibliotheken

Der USB-Stick ist nicht nur ein beliebtes Speichermedium der Gegenwart. Die kleinen Metall- und Plastik-Stäbchen, ihr Image, Potenzial, ja, eigentlich die Evolution der Produktkategorie selbst, erzählen viel über die Rasanz und Gewalt des technologischen Wandels unserer Zeit. Im Jahr 2000 also stellte die Firma M-Systems den ersten USB-Stick, oder Flash-Speicher, vor, einen etwa sieben Zentimeter langer Kunststoffquader, auf dem man 8 Megabyte speichern konnte - beinahe die zehnfache Datenmenge der primitiven 3,5-Zoll-Diskette, die man noch in den späten 90er-Jahren verwendet hatte. Neun Jahre später gibt es im Elektromarkt bereits USB-Sticks von der Größe einer 1 Euro-Münze zu kaufen, die 16 oder 32 Gigabyte fassen können. Der reale Speicherstock wird immer kleiner, der digitale Speicherplatz immer größer. Und wer diesen simultanen Schrumpfungs- und Wachstumsprozess irgendwie verwirrend findet, der hat halt nichts verstanden. Die 3,5-Zoll-Diskette war, wie Schallplatte oder Tonband, noch vor allem ein Werkträger gewesen, auf dem ein bestimmtes Programm oder eine Datei gespeichert wurde. Der USB-Stick aber ist ein Universal-Container, das unser ganzes Leben fasst - trotzdem behandeln wir ihn wie Dreck.

Wie bei James Bond

Der Stick bildet zusammen mit Kleingeld, Feuerzeug und Bagel-Brösel den Bodensatz von Umhänge- oder Hosentaschen. Auf den spottbilligen Datenträgern tragen die Menschen unzählige digitale Teilchen mit sich herum, all die .jpgs, .wavs, .docs, .xls und .pdfs, mit denen man täglich in Berührung kommt. Die Menschen scheinen sich aber gar nicht darüber zu wundern, dass sie hunderte Aktenordner und unzählige Langspielplatten, ja, die Bibliothek von Alexandria quasi in der Hosentasche transportieren, dass sie mit dem Elektro-Equipment mit einem Handgriff eine Festplatte kopieren können, wie man es bislang nur bei James Bond sah. Wahrscheinlich verwenden wir das Werkzeug zu oft, als dass wir seine Funktionalität noch zu schätzen wüssten. Mehrere hundert Millionen USB-Sticks wurden im Jahr 2007 weltweit verkauft. Im Alltag geht eben jedes Wunder unter.

USB-Sticks gehören zu der niedrigsten Konsum-Kaste überhaupt, der der Werbegeschenke. Genau wie andere Paria-Produkte wie Kugelschreiber und Schlüsselbänder werden USB-Sticks in großen Mengen und vielen Farben produziert, und dann mit dem Logo einer Firma bedruckt und auf einem Messegelände achtlos in die Menge geworfen. USB-Sticks sind umsonst, sind in den Augen vieler Nutzer deshalb auch nichts wert, und werden auch so behandelt, werden verschenkt, getauscht, vergessen, sodass man manchmal in der Schublade herumkramt, und sich fragt, wo eigentlich der USB-Stick dieser Pharmafirma herkommt - der Datenschatz als Wegwerfprodukt. Das ist insofern verwunderlich, da die Menschen auf einem USB-Stick mit der handelsüblichen Größe von 32 Gigabyte neben offiziellen Dateien auch Familienfotos und Lieblingssongs speichern, ja, eigentlich findet das gesamte Arbeitsleben, die Multimedia-Biografie auf dem Speichermedium Platz. Man könnte auch sagen: Auf dem großen, kleinen USB-Stick sind wichtige Ich-Anteile des Nutzers gespeichert, und es erscheint doch seltsam, dass eine so eitle Gesellschaft wie die unsere ihre digitalen Seelentruhen so lieblos behandelt.

Dem Wissensträger, den der USB-Stick ablöste, dem Buch, hatte der Mensch weit mehr Aufmerksamkeit angedeihen lassen. Er hatte ihm große Paläste gebaut, Bibliotheken, mit Marmor und Edelhölzern, und hatte Rinder in seinem Namen geopfert und zu Ledereinbänden verarbeitet. Dem USB-Stick aber fehlt das Raumerlebnis der Bibliothek, das haptische Feedback von Ledereinband und Pergament; er ist zu klein und zu glatt, als dass sich Fantasie und Emotionen auf ihm einnisten könnten. Ein Problem ist sicher auch, dass der Inhalt unsichtbar blieb. Versuche von diversen Edel-Marken den USB-Stick als neues Luxus-Accessoire neben Feuerzeug, Siegelring und Schlüsselanhänger zu etablieren, können mittlerweile als gescheitert betrachtet werden. Die mit Gold überzogenen USB-Sticks von Cartier fanden ebenso wenig Abnehmer wie die Active-Crystals-Serie von Swarovski - "ich verliere ihn eh", scheinen die Leute zu denken, das Produkt ist genauso flüchtig wie die Daten.

Wurzelholz und Palisander

Trotzdem gibt es interessante Ansätze im Stick-Design: Die französische Hardware-Firma Lacie zum Beispiel hat einen besonders flachen USB-Stick in Schlüsselform entworfen, der nicht nur am Schlüsselbund aufbewahrt werden kann, sondern sich auch brav unter die anderen metallischen Zugangsberechtigungen einreihte. Designmanufakturen experimentieren mit USB-Sticks aus Kupfer, Wurzelholz und Palisander, und versuchen so, den Daten eine taktile Oberfläche zu verleihen. Einen Schritt weiter gehen die holländischen Designer von Oooms, die den USB-Stick in einen kleinen Ast stecken. Eine nette, materielle Pointe: der Stick, ein Ast, das erste Werkzeug des Menschen.

In den letzten Jahren nimmt die Bedeutung des USB-Sticks - trotz weiter steigender Absatzzahlen - jedoch ab. Die Menschen speichern ihre Daten auf virtuellen Festplatten oder schlicht auf dem E-Mail-Server im Internet, was den unbestreitbaren Vorteil hat, das man etwas nicht mehr mitnehmen muss, um es dabei zu haben. Obwohl USB-Sticks immer kleiner, größer und schneller werden, geht das Zeitalter der materiellen Datenträger nun unwiederbringlich zu Ende. Der mobile Breitband-Internetzugang und der kostenloser Web-Speicherplatz sorgen dafür, dass man seine Daten nicht mehr in der Hosentasche herumträgt, sondern dass sich die Daten in der Luft auflösen. Am Ende ist der USB-Stick ein tragisches Objekt, das nur in der Übergangszeit zwischen dem analogen und dem totaldigitalen Zeitalter existieren konnte - eine Sackgasse der Evolution.(Tobias Moorstedt/ DER STANDARD Rondo, 19. September 2009)

 

  • USB-Stick "Dreamy Tina"
    foto: swarovski

    USB-Stick "Dreamy Tina"

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