Mein Vater: Ein Untoter

18. September 2009, 17:58
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Lass es sein, Alter! Peter Truschner über seinen Vater

Es ist so viel Zeit vergangen, seit Du den Direktor des Gymnasiums, das ich besuchte, gebeten hast, er möge mich Dir am Schulhof zeigen.

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Eigentlich hat mein Vater mein Leben nur gestreift. Das mag vielleicht seltsam klingen in Bezug auf einen Menschen, dem ich eben dieses Leben auf eine nicht unbeträchtliche Weise zu verdanken habe. Und doch entspricht es der Wahrheit. Einer von mir gefühlten zumindest. Gemäß dieser Wahrheit tangiert mich das Leben meines Vaters nicht mehr als der Rempler eines Fremden in der U- Bahn. Aber ich wäre kein Mensch, sondern lediglich eine statistische Größe, wenn mit der banalen Tatsache des Zeugungsaktes alles gesagt wäre und sich Phänomene wie Charakter ausschließlich in der Sprache der Spermien und Eizellen abhandeln ließen.

Einer anderen Wahrheit zufolge wirft mein Vater - sein Aussehen, seine Handlungen - einen Schatten auf meine Existenz. Er ist nicht in der Lage, sie zu durchdringen - das war er nie. Dennoch vermochte er sie eine Zeitlang zu verdunkeln, ganz so, als wäre mein Leben mit dem Fluch des seinen belegt. Ich fühlte diesen Fluch als etwas durch und durch Lebendiges in mir: Längst nicht so lebendig wie mein Lebenswille oder auch nur eine heftige Verliebtheit. Und doch ein zweifelsfrei identifizierbarer, dunkler Funke, der schon das eine oder andere Mal erloschen schien, um sich doch immer wieder wie von selbst zu entzünden. Es spielt dabei keine Rolle, dass der Mensch, der imstande ist, eine solche Wirkung zu erzeugen, selbst wahrscheinlich schon längere Zeit tot ist. Ich kann nicht mit genauer Sicherheit sagen, ob es so ist - es ist eher eine Ahnung, die jedoch weniger damit zu tun hat, dass mein Vater zwanzig Jahre älter war (oder ist) als meine Mutter, sondern damit, das mir dieser Tod folgerichtig erscheint. Wohlgemerkt: folgerichtig, nicht wünschenswert. Mir schwebt bei dem Gedanken lediglich ein allmähliches Schließen der Akten vor, nichts sonst. Alles andere - Rache, Befreiung - wäre in diesem Fall zu viel. Und wirklich viel war es im Falle meines Vaters ja nie. Literarisch gesprochen war er kein Buch, kaum ein Kapitel. Ein prägnanter Absatz vielleicht, der - gemessen an seiner Quantität - einen übermäßigen Einfluss auf den Fortgang der Handlung hatte.

Einigen wir uns also zumindest für die Dauer dieses Textes darauf, dass mein Vater tot ist. Es erleichtert das Sprechen über ihn: Ich kann über seinen Schatten als über etwas Gegenwärtiges sprechen, während ich den Mann, zu dem dieser Schatten gehört, unrettbar der Vergangenheit angehören lasse. Sollte mein Vater im Übrigen Kenntnis von diesem Text bekommen und sich bemüßigt fühlen, aus seinem Loch hervorzukriechen, um lautstark (oder auch in nur Form eines Leserbriefs) seiner Lebendigkeit Ausdruck zu verleihen: Lass es sein, Alter! Es ist soviel Zeit vergangen, seit Du den Direktor des Gymnasiums, das ich besuchte, gebeten hast, er möge mich Dir am Schulhof zeigen. Noch mehr Zeit, seit Du versucht hast, mich vorm Bauernhof meiner Großeltern in Dein Auto zu zerren und mit mir nach wer weiß wohin davonzufahren. Nicht einmal habe ich mich seither darum bemüht, Deinen Aufenthaltsort herauszufinden und Dich zu treffen. Ich weiß, dass viele Menschen sich auf eine solche Suche begeben: um das Unerklärliche ihrer Existenz zu deuten, die Lücke zu schließen, die ihr Leben ist, oder um endlich ein fester Bestandteil eines besonders erfüllenden wie auch erschöpfenden Gebildes zu werden: einer Familie. Ich habe in Bezug auf meinen Vater nie derlei verspürt. Ich hatte einfach keine Frage, die ich ihm stellen wollte. Er kam mir weniger wie das fehlende Glied einer Kette als wie ein schwarzes Loch vor, ein Zeit- und Raumvernichter, in dessen Herz die für den Menschen am schwersten verträgliche Substanz wurzelte: das blanke Nichts.

Dass Texte wie dieser eine solche Auswirkung haben können, ist keine eitle Spekulation. Ausgerechnet während der Abhandlung dieses Textes leitet mein Verlag eine E-Mail an mich weiter, die in etwa folgenden Wortlaut hat: "I am searching for Peter Truschner. Maybe we have the same father, also Peter Truschner. I was born in Klagenfurt. I am the only daughter of Peter and Erica. I am searching on the internet, and I wanna know if the writer Peter Truschner is maybe my half brother. I only want to know, and nothing else."

Die Tatsache, dass ich vielleicht eine Halbschwester habe, überrascht mich nicht. Ich wusste, dass mein Vater wieder geheiratet hat. Mit großer Wahrscheinlichkeit nebenher - wie man so grausam präzis sagt - Kinder liegen gelassen hat. Ob ich mich für einen Kontakt zu dieser möglichen Halbschwester öffnen kann, weiß ich nicht. Sie trägt eine Hypothek mit sich herum, die sie für einen solchen Kontakt disqualifiziert: Sie ist Fleisch vom Fleisch meines Vaters - etwas also, dessen Gegenwart ich meide. Es gab Zeiten, da hätte ich diesbezüglich am liebsten meine eigene Gegenwart gemieden, wenn sich das hätte einrichten lassen.

Andere Lesart der Geschichte

Mein Vater ist eine Art Privat-mythos. Er entstammt einer Zeit, als Menschen und Götter einander noch kräftig beim gegenseitigen Schädeleinschlagen unterstützten. Meine Mutter (Jahrgang 1946) wurde noch - ohne dass sich jemand groß daran stieß - im Religionsunterricht mit Ohrfeigen dafür bedacht, dass sie tags zuvor zu spät zum Gottesdienst erschienen war. Die Tatsache, dass sie im Stall zu arbeiten hatte, spielte dabei keine Rolle. Der Nachbar, ein besonders gottesfürchtiger Mann, schlug seiner Tochter mit dem Zaumzeug der Pferde den Rücken blutig, als diese sich nachts einmal aus dem Haus geschlichen hatte, um zu einer Tanzveranstaltung zu gelangen. Solche Dinge stellten keinen Widerspruch dar, sondern verliehen einander in der ländlichen Umgebung erst einen höheren Sinn. Wenn man an diese in vielen Büchern beschriebene, vom Katholizismus und vom Nationalsozialismus in gnadenlose Bahnen gelenkte Verrohung denkt - wen kann es da verwundern, dass eine junge Frau nach der ersten Gelegenheit greift, um ihr zu entkommen? Noch dazu, wo ihre Existenz bis dahin großteils daran festgemacht wurde, kein Sohn geworden zu sein, nur eine Tochter. Da kommt dann dieser fesche, schnittige, kräftig gebaute und doch in Gestik und Ausdrucksweise durch die Stadt verfeinerte Hochstapler und Kleinkriminelle ins Spiel, der mein Vater war. Als er erkennen muss, dass es an Mitgift nichts Nennenswertes zu holen gibt (mein Großvater hat den Hof zu dem Zeitpunkt schon so gut wie versoffen und verspielt), sind meine Mutter und er bereits verheiratet und ich unterwegs. Seine Enttäuschung darüber ist groß. Er überwindet sie, indem er sich jener Methoden bedient, die meine Mutter dank seiner Hilfe hinter sich gelassen zu haben glaubte. Weit gefehlt. Er erweist sich als wahrer Großmeister der Gewalt, sodass ihr das, was sie bis dahin zu erleiden hatte, wie eine Trockenübung erscheint. Er bricht ihr die Nase. Er schert ihr die langen Haare zur Glatze. Er sperrt sie tagelang in eine finstere Dachkammer ein. Er drückt eine Zigarette auf ihrer Brust aus. Als andere Kriminelle ihn unsanft an die Schulden erinnern, die er bei ihnen hat, will er sie dazu zwingen, für ihn anschaffen zu gehen. Sie geht augenscheinlich darauf ein, nutzt jedoch den ersten Moment zur Flucht. Sie besitzt nicht mehr als das, was sie am Leibe trägt - und das, was gerade in ihr heranwächst und schließlich am 3. August 1967 zur Welt kommt: ich.

Was nun folgt - die Geschichte meiner Kindheit und Jugend - ist Thema meines ersten Romans, Schlangenkind. Auch wenn viele Ereignisse in diesem Buch erfunden sind, so sind sie es doch in einer Weise, dass sie die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit entstellen. Betrachte ich das Buch heute, stelle ich fest, dass es vor allem meine Geschichte widerspiegelt. Meine Sicht der Dinge. Das Handeln meiner Mutter erscheint in diesem Zusammenhang vor allem als Ursache meiner Kränkung, kaum als Wirkung der wahrscheinlich noch größeren Kränkung, die ihr Leben lange Zeit war, und die in meinem Vater ihren peinvollen Höhepunkt fand - ein Höhepunkt, der lange wie der abgebrochene Giftstachel eines Insekts in ihr wütete, ohne an fiebriger Intensität zu verlieren oder gar verarbeitet zu werden.

Meinem Vater habe ich nur ein Kapitel gewidmet, das noch dazu ein bisschen zu poetisch geraten ist - beinah ein Witz, wenn man bedenkt, wie profan, stumpfsinnig und grausam er war. Seine (Nach-)Wirkung auf das Leben meiner Mutter - und somit auch auf meines - habe ich angedeutet, keineswegs jedoch ihrer tatsächlichen Schwere und Bedeutung entsprechend ausgearbeitet.

Ich habe nicht das Bedürfnis zu korrigieren, was ich in meinem ersten Roman über das Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter geschrieben habe. Ich habe als Erwachsener imaginiert, was das Kind empfand und warum. Insofern ist und bleibt der Text wahr und authentisch. Dennoch hat seine Niederschrift auch bewirkt, dass ich meine Sicht der Dinge dargestellt hatte und mich dadurch vermehrt der Sicht meiner Mutter öffnen konnte, und somit einer anderen Lesart der Geschichte, die nicht zuletzt von meinem Vater geprägt, genauer: gezeichnet ist.

Den Ausschlag dafür, dass meine Mutter mich zuerst bei meinen Großeltern (wo ich es schön hatte), dann bei Tagesmüttern und im Internat unterbrachte, gab schlicht die Tatsache, dass ich der Sohn meines Vaters war, schon vor der Geburt unerwünschter Abkömmling eines Mannes, mit dem sie viele Träume verband, der sich jedoch als Bestie in Menschengestalt entpuppte. Wenn sie wütend war, packte sie mich, schleifte mich vor den Spiegel und zischte: "Ganz der Vater. Dieselbe Visage."

Ich hatte jedoch nicht allein darunter zu leiden. Die Angst, mein Vater könnte eines Tages vor der Tür stehen, verfolgte meine Mutter bis in den Schlaf, aus dem sie oft schweißgebadet erwachte. Sie hat nie mehr mit einem Mann zusammen gewohnt, geschweige denn noch einmal geheiratet. Über Jahre suchte sie sich die Männer danach aus, wie beziehungsunfähig sie waren, ob sie Nähe wollten oder nur ihren Spaß. Es gehört zu ihrer speziellen Tragik, dass sie sich blendend verstellen konnte, sodass man nur allzu leicht glauben konnte, sie wäre auch nur auf Amüsement aus. Ernsthaft an ihr Interessierte biss sie regelrecht weg wie ein in die Enge getriebenes Tier.

Verrückt, wenn man bedenkt, wie lange mein Vater sie in seiner Gewalt hatte und wie wenig Zeit sie in Wirklichkeit miteinander verbracht hatten. Ich konnte meinen Vater inzwischen in mir begraben. Im Leben meiner Mutter wird er wohl für immer als Untoter herumgeistern.

Ich habe mich früher manchmal - etwa, nachdem ich wieder einmal betrunken in eine Schlägerei verwickelt war - gefragt, wie schwer wohl sein Anteil an meiner Persönlichkeit wiegt. Dies wäre nun der Moment gewesen, wo eine Neugier auf ihn und damit gewissermaßen auf mich selbst sich hätte einstellen müssen. Allein, sie stellte sich nicht ein, sie tut es bis heute nicht, und wenn ich nun an meine potenzielle Halbschwester denke, legt sich über sie und ihre Geschichte dieselbe mehlige Gleichgültigkeit, die ich inzwischen allem entgegenbringe, das mit meinem Vater zu tun hat, mit meiner Familie überhaupt, und mir schwant, dass ich als Konsequenz dieser Einstellung weiterhin keine Halbschwester haben werde, selbst wenn es eine solche gibt. (Peter Truschner, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 19./20.09.2009)

Zur Person:
Peter Truschner, geboren 1967 in Klagenfurt, lebt als Schriftsteller und Dramatiker in Berlin. 2001 erschien sein Debütroman Schlangenkind (Zsolnay Verlag ) über sein Aufwachsen. Zuletzt erschien 2007 sein zweiter Roman Die Träumer.

  • "Nicht einmal habe ich mich seither darum bemüht, Deinen Aufenthaltsort
herauszufinden und Dich zu treffen. Ich weiß, dass viele Menschen sich
auf eine solche Suche begeben: um das Unerklärliche ihrer Existenz zu
deuten, die Lücke zu schließen, die ihr Leben ist."
    foto: robert newald

    "Nicht einmal habe ich mich seither darum bemüht, Deinen Aufenthaltsort herauszufinden und Dich zu treffen. Ich weiß, dass viele Menschen sich auf eine solche Suche begeben: um das Unerklärliche ihrer Existenz zu deuten, die Lücke zu schließen, die ihr Leben ist."

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