Ein Reisender zwischen Volksmusik, Klassik und Jazz

18. September 2009, 16:55
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Der Geiger Étienne Abelin ist in etlichen musikalischen Stilen zu Hause. Als Musikkurator des Festspielhauses St. Pölten prägt er das Programm der Saison 2009/10 und tritt in den verschiedensten Rollen in Erscheinung

Er spielt klassische Geige ebenso wie Barockvioline und E-Geige. Und die musikalischen Stile, die er damit erkundet, sind nicht weniger vielfältig als dieses Instrumentarium. Vom klassischen Repertoire über vorzugsweise, aber nicht nur, irische Volksmusik sowie Pop und Jazz bis zu experimenteller Improvisation reicht das Spektrum, das Étienne Abelin abdeckt und dabei immer wieder aufs Neue entdeckt.

Die Experimentierfreudigkeit des "Schweizer Musikers und Kultur-Entrepreneurs", wie er sich selbst nennt, leitet sich aber etwa nicht daraus ab, dass er im klassischen Bereich unter geringem Erfolg leiden würde - im Gegenteil. Nach seinen Studien in Basel und in den Vereinigten Staaten wurde er bald Stimmführer in den zweiten Violinen in Claudio Abbados Orchestra Mozart Bologna sowie seit dessen Gründung Mitglied des Lucerne Festival Orchestras, eines Traumkollektivs für junge Orchester_musiker, das ebenfalls von Claudio Abbado ins Leben gerufen wurde. Neben dieser Heimat im Herzen des klassischen Musiklebens hat es den 1972 in Bern geborenen Abelin schon immer dazu getrieben, „neue Richtungen zu erforschen, und das so Entdeckte mit anderen Menschen zu teilen - ob als Performer auf der Bühne, bei der Förderung von neuen Talenten oder bei der Gestaltung internationaler vernetzender Kulturprojekte".

Eines dieser Projekte war die im Herbst 2007 beim Lucerne Festival uraufgeführte Produktion A Clear View of Heaven - eine popbarocke musiktheatrale Intervention in der Regie von Joachim Schloemer, bei der Abelin die musikalische Gestaltung übernahm und eine Pop- und eine Barocksängerin zusammenspannte. Schloemer war daraufhin von dem jungen Musiker so angetan, dass er ihn für seine erste Saison als Intendant des Festspielhauses St. Pölten als Artist in Residence und Musikkurator verpflichtete. Das 2009/10 gebotene Programm spiegelt denn auch die Vielseitigkeit und den musikalischen Horizont des Geigers wider, der in etlichen Programmen auch selbst in Erscheinung tritt.
Seine verschiedenen Rollen als Gestalter und aktiver Musiker sieht er indessen als eng miteinander verbunden an: "Es ist eine spannende Doppel- oder Dreifachfunktion, einerseits als Performer auf der Bühne zu stehen, andererseits als Kulturentrepreneur Projekte im Festspielhaus mitzugestalten. Und als Kurator mitzuhelfen, Gäste einzuladen. Letztendlich geht es überall um den Austausch zwischen Menschen. Und das ist es, was diese Tätigkeiten auch verbindet."

Programmatische Streuweite

Miteinander verbunden sind für Abelin auch die verschiedenen Musikstile. War es ihm schon in Luzern darum gegangen, Barockmusik "in verschiedene Musiksprachen, unter anderem das neuartige Transbaroque, zu übersetzen", so stehen auch bei der neuerlichen Barockbefragung Barock 21 ähnliche Überlegungen im Mittelpunkt: "Was sagt uns alte Kunst heute, oft viele hundert Jahre nach ihrer Entstehung? Und wie tut sie das? Restaurieren wir sie und verlieren so den Sinn für Vergänglichkeit? Lassen wir sie zerfallen und verlieren so ihre Jugendlichkeit? Oder gibt es einen mehrschichtigen Weg in der Mitte?"

Dass seine musikalischen Zugänge in sich vielschichtig sind, das beweist der Musiker schon mit der Streuweite der übrigen Programmpunkte. So leitet er zu Saisonbeginn ein Chorprojekt mit russischen Roma, dessen erste Ergebnisse in das Eröffnungswochenende einfließen, aber auch Anstoß für eine einjährige Arbeit geben sollen. Ein anderes Projekt, Strings Exchange South Africa, widmet sich dem kulturellen Austausch in den Süden, einer Kooperation mit dem Cape Festival in Kapstadt, bei der junge Musiker aus Niederösterreich und Südafrika zusammenarbeiten werden.

Abelin wird bei diesen Unternehmungen als musikalischer Motor wirken, er ist aber auch als Performer mehrfach zu hören: Beim Film Light is calling von Bill Morrison wird er etwa die Musik von Michael Gordon live spielen; bei der Eröffnungsshow Vivaldi interpretieren, auf den er dann im Dezember nochmals gemeinsam mit DJs zurückgreifen wird. Für Durchlässigkeit zwischen den Stilen und Vielfalt der Klänge ist also gesorgt; die Suche nach dem, was uns Musik insgesamt zu sagen hat, kann beginnen. (Daniel Ender, DER STANDARD, Printausgabe, 18.09.2009)

Termine mit Étienne Abelin:
"Rroma Chorprojekt", bis 25. 9.
Live-Musik zum Film "Light is Calling" von Bill Morrison, 25. 9.
Eröffnungsshow, 26. 9.
"Vivaldi Lounge" im Festival Nox Illuminata, 6. 12.
Strings Exchange South Africa, 21. bis 31. 1.
Filmnacht "NY Presents", 23. 2.
"Barock 21", 15. bis 20. 5.

  • Mit Entdeckungsfreude und Lust am Experiment: Der Geiger Étienne Abelin, Kurator und zentraler Musiker in St. Pölten.
    foto: festspielhaus st. pölten

    Mit Entdeckungsfreude und Lust am Experiment: Der Geiger Étienne Abelin, Kurator und zentraler Musiker in St. Pölten.

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