Genochmarkt wird abgerissen

25. September 2009, 20:00
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Stadlau wird neu gestaltet: Dabei solle das kulturelle Angebot nicht vergessen werden, fordert das Künstlerkollektiv MIK

Donaustadt - Nach Fleisch, Fisch und Sauerkraut riecht es am Genochmarkt im 22. Wiener Gemeindebezirk schon lange nicht mehr. Die Blumen-Hobbyboutique wurde schon vor Jahren aufgelassen. "Ursulas Jäger Imbiss" hat einen Sprung in der Scheibe und aus dem Mauerwerk von "Treffpunkt. Waren aller Art" wachsen kleine Bäume. "Man sieht schon deutlich, dass das Areal von der Stadt aufgegeben wurde", sagt Stefanie Sandhäugl. Gemeinsam mit Helmut Preis hat sie vor drei Jahren Mission Ignition Kagran (MIK) gegründet, eine mobile Einrichtung, die das kulturelle Angebot in Donaustadt erweitert hat. Die Idee dahinter war, den verlassenen Markt als Ort der Kommunikation wiederzubeleben. Doch damit ist nun Schluss: Am Gelände gegenüber der Erzherzog-Karl-Straße wird die STAR Entwicklungs GmbH bis 2014 Wohnungen, Büros, Studentenheime und ein Geriatriezentrum entstehen lassen.

„Wir hätten mehr Zeit und Ressourcen gebraucht. Wenn Stadlau neu gestaltet wird und wächst, wird ein Kulturangebot ein Muss werden und kein Bonus mehr sein", sagt Preis. Fast zwei Jahre haben die AktivistInnen von MIK benötigt, um die Stadt Wien zu überzeugen, die leerstehenden Marktstände für eine künstlerische Zwischennutzung freizugeben, Gelder aufzutreiben und KünstlerInnen zu interessieren. Der Abriss der Stände war zu diesem Zeitpunkt schon beschlossen. „Wir haben in Donaustadt als Kulturverein weniger Konkurrenz, aber dafür ist die Akzeptanz in anderen Bezirken oft höher", sagt Sandhäugl.

Mit der Ziege auf die Mülldeponie

Als die Marktstände wieder geöffnet wurden, mussten teilweise Schlösser aufgebrochen werden, da keine Schlüssel mehr vorhanden waren. In den Räumen wurden offene Werkstätten eingerichtet, Ausstellungen gezeigt und Konzerte veranstaltet. Im Zuge des Projekts wurde zum Beispiel die Blumen-Hobbyboutique zeitweise zu einer Textilwerkstatt umfunktioniert, in der die Kollektion „Blume aus Stadlau" entstand und Workshops wie „Feinripp deluxe - näh dir deinen eigenen Liebestöter" angeboten wurden.

Im vergangenen Jahr kam die Initiative unter anderem durch das Kunstprojekt unORTnung richtig ins Laufen. Die Idee hinter dem Kunstprojekt war, die Infrastruktur auch außerhalb der Stände zu nutzen. So wurde zum Beispiel eine Holzbrücke über den Markt gebaut und Schriftzüge wurden auf die Häuschen geschrieben. MIK veranstaltete außerdem 2008 eine Bergziegen-Safari auf der Mülldeponie Rautenweg. Gemeinsam mit lokalen ExpertInnen sollte dadurch die Umgebung des Marktes unter bestimmten Blickwinkeln neu erkundet werden. Der Platz wurde dadurch sowohl Ort, als auch Thema des Gesprächs.

Marktsterben

In den kommenden Jahren wird er vor allem Ort einer groß angelegten Baustelle sein. Auf den Wänden eines roten Markthäuschens informiert die Wien Holding mit Plakaten über ihre Pläne mit dem Gebiet auf und rund um den Genochmarkt. „Wohnungen, Büros und die dazugehörige Infrastruktur sollen für neues Leben sorgen", so die Wien Holding. Der Wohnkomplex soll auf mehrere Gebäude aufgeteilt werden, die maximal neun Geschoße umfassen. Die Nahversorgung wird ein Supermarkt mit 2500 Quadratmetern Verkaufsfläche übernehmen. Ab 2010 soll eine Verlängerung des U2 realisiert werden. Bis 2014 soll das gesamte Bauprojekt abgeschlossen sein.

Eva Lachkovics, Nahversorgungssprecherin der Grünen Wien, bedauert, dass der Genochmarkt weichen muss: „Jeder Markt, der in Wien geschlossen wird, ist ein großer Verlust. Es ist schade, dass in all den Jahren, wo klar war, dass der Genochmarkt Unterstützung braucht, von Seiten der SPÖ nichts dazu unternommen wurde." Sie kritisiert, dass statt der Märkte immer mehr große Einkaufszentren entstehen, die mehr Autoverkehr produzieren und die Nahversorgung zerstören. Marktsterben ist in Wien kein neues Phänomen. Erst kürzlich wurde der Simmeringer Markt endgültig geschlossen, auch die Landstraßer Markthalle schloss im vergangenen Jahr ihre Tore. Im Zuge der Neugestaltung von Wien-Mitte soll sie abgerissen werden. Die Wiener Grünen wollen diese Problematik durch ein Pilotprojekt im 21. und 22. Bezirk ab Ende September thematisieren.

Abschlussfest am Samstag

Die AktivistInnen von MIK überlegen unterdessen noch, wie es für sie im 22. Bezirk weiter gehen soll. „Es wurde uns angeboten, temporär in Containern unterzukommen. Aber wen interessiert es schon, seine Freizeit in Containern zu verbringen", sagt Sandhäugl. Sie haben auch ein Angebot bekommen, das ehemalige Portiershaus auf dem Waagner-Biro-Gelände zu nutzen. Am Samstag, den 26. September, wird noch einmal mit den KünstlerInnen, DJ und Live-Band bis Mitternacht am Genochmarkt gefeiert. (Julia Schilly, derStandard.at, 24. September 2009)

Termin

"Zum Abschied wird's nochmal wild wild wild"

Samstag, 26. September, 15 bis 0 Uhr

Genochmarkt, 22. Bezirk, Stadlau

MIK

Nachlese

"Darf's noch etwas mehr sein?"

Ansichtssache: Wegen Geschäftsauflösung eröffnet

  • Der Genochmarkt steht seit Jahren leer, ein Kollektiv aus KünstlerInnen hat ihn zwischengenutzt
    jus/derstandard.at

    Der Genochmarkt steht seit Jahren leer, ein Kollektiv aus KünstlerInnen hat ihn zwischengenutzt

  • Im verlassenen "Treffpunkt. Waren aller Art" fanden regelmäßig Siebdruckworkshops statt
    jus/derstandard.at

    Im verlassenen "Treffpunkt. Waren aller Art" fanden regelmäßig Siebdruckworkshops statt

  • Stefanie Sandhäugl zeigt die Arbeiten, die Kinder im Rahmen eines Workshops genäht haben
    jus/derstandard.at

    Stefanie Sandhäugl zeigt die Arbeiten, die Kinder im Rahmen eines Workshops genäht haben

  • Auf Plakaten wird informiert, was in den kommenden fünf Jahren in Donaustadt geplant ist
    jus/derstandard.at

    Auf Plakaten wird informiert, was in den kommenden fünf Jahren in Donaustadt geplant ist

  • "Darf's noch etwas mehr sein?", wurde im Rahmen des Kunstprojekts "unORTung" gefragt
    jus/derstandard.at

    "Darf's noch etwas mehr sein?", wurde im Rahmen des Kunstprojekts "unORTung" gefragt

  • Anfang 2010 werden die Marktstände endgültig verschwinden
    jus/derstandard.at

    Anfang 2010 werden die Marktstände endgültig verschwinden

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