Schlumberger schenkt sich Hochriegl ein

17. September 2009, 17:33
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Der Traditionsbetrieb Kattus verkauft seine Sektmarke nach über 100 Jahren an die Konkurrenz

Wien - Es falle ihm schwer, sich von Hochriegl zu trennen, seufzt Ernst Polsterer-Kattus, das alles sei auch für seine Frau, eine geborene Kattus, emotional schwierig. Andererseits werde sein Betrieb damit erstmals seit rund 40 Jahren schuldenfrei. "Das lässt einen schon ruhiger schlafen." Seine Familie stellt die vierte Generation der größten in ös-terreichischem Eigentum befindlichen Sektkellerei. Unter dem Namen Hochriegl wird in Wien-Döbling seit 1890 Sekt erzeugt. Das ist künftig vorbei. Die Marke wird mitsamt der Produktion an den quasi gleich ums Eck residierenden Konkurrenten Schlumberger verkauft.

Die Preise seien dramatisch verfallen, die Kosten gestiegen und die Erträge eingebrochen, sagt Polsterer-Kattus. Für einen Betrieb dieser Größe sei es einfach nicht möglich, zwei Marken erfolgreich zu führen. Es habe etliche Zäsuren in der Firmengeschichte gegeben. Jetzt gehe es darum, Kattus wieder gesund zu schrumpfen und alle Kräfte auf das verbleibende Geschäft mit Frizzante zu konzentrieren. Die Kellerei hat mit gut 2,3 Millionen Flaschen Hochriegl zuletzt sieben Mio. Euro umgesetzt. 16 Mio. bleiben mit Kattus und Vertriebsmarken im Haus.

"Hochriegl passt zu Schlumberger wie die Faust aufs Aug" , kommentiert Eduard Kranebitter, Chef des börsennotierten Schaumwein-Produzenten die Übernahme. Vorbehaltlich des grünen Lichts durch das Kartellgericht halte man im Lebensmittelhandel gemeinsam nun über ein Fünftel des Marktes. Platzhirsch im Regal bleibt freilich noch der deutsche Sektriese Henkell.

Österreichs Schaumwein-Markt konzentriert sich: Jahr für Jahr stellen kleine Kellereien die Fertigung ein. Die Zeiten, in denen die Mautner-Markhofs und Meinls eigenen Sekt abfüllten, sind Geschichte. In Graz sperrte Kleinoschek zu, Henkel legte vor zwei Jahren seine Produktion in Österreich still. Der Absatz an sich ist stabil, auch wenn die Gastronomie heuer wegen der Krise auslässt. Der Preisdruck der Supermärkte verwässert jedoch die Gewinne, vor allem billigere Marken geraten in die Bredouille.

Schlumberger schluckt den kleineren Rivalen mit fremdem und eigenem Kapital; frisches Geld in die Kassen gespült hat der Verkauf der Vertriebstochter Appelt an Maresi diesen Juli. Produziert wird Hochriegl vorerst weiter im Hause Kattus. Die Zahl der Beschäftigten soll weitgehend unverändert bleiben.

Schlumberger steht seit 36 Jahren im Besitz des deutschen Likörherstellers Underberg. 15 Prozent der Aktien sind in Streubesitz. Hergestellt und gerüttelt wird der Sekt ausschließlich in Österreich.

Vor Jahren habe es zwischen den beiden Unternehmen massive Berührungsängste gegeben, sagt Polsterer-Kattus. Ins neue Management habe er jedoch Vertrauen. (vk, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.9.2009)

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