Vernichtende Züge

15. September 2009, 18:48
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Unerhört ist die freundliche Bezeichnung für den Umgang der ÖBB mit zumindest einem Teil ihrer Beschäftigten

Unerhört ist die freundliche Bezeichnung für den Umgang der ÖBB mit zumindest einem Teil ihrer rund 42.000 Beschäftigten. Es drängten sich auch deutlich deftigere Bezeichnungen für die offenbar systematisch angelegten Datensammlungen der Eisenbahner auf, aber die tragen zur Erhellung des dunklen Kapitels nicht bei.

Das seit der ÖBB-Reform aufgebaute Bespitzelungs- und Überwachungssystem ist ungustiös genug. Aufgezeichnet wurden bei der Staatsbahn nicht Verfehlungen wie Zuspätkommen oder Diebstähle von Büromaterial, es wurden auch keine Taschenkontrollen durchgeführt, wie bei großen Handelsketten üblich. Nein, es wurden Diagnosedaten und Krankenakten angelegt. Wer zwei Wochen lang krank war, musste damit rechnen, vom Vorgesetzten zur Rede gestellt zu werden. Mitarbeiter wurden so lang bedrängt, bis sie zugaben, mit HIV infiziert oder an Krebs erkrankt zu sein. Sogenannte Krankenstandsrückkehrgespräche dienten nur vornehmlich der Verbesserung eines ungesunden Arbeitsplatzes, im Kern ging es um das Aussieben. Wer krank war, wurde nicht befördert und, wenn möglich, frühpensioniert.

Eines Staatsbetriebs in höchstem Maße unwürdig ist auch die Reaktion, als die skandalösen Zustände an die Öffentlichkeit gelangten: Anstatt Beweismaterial zu sichern, die zuständigen Mitarbeiter zu suspendieren und ein Disziplinarverfahren einzuleiten, wird eine Aktenvernichtungsmaschinerie angeworfen. Und der Eigentümer, der sich in der Bahn in alles und jedes einmischt, schweigt und schaut zu. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Printausgabe, 16.9.2009)

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