Wie eine Kulturnation ihre Kultur verkauft

11. September 2009, 20:44
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Und was dabei herausspringt. Anmerkungen zum Zustand der österreichischen Kulturvermittlung im Ausland im Spiegel der Rhetorik des dafür zuständigen Sektionschefs im Außenministerium - von Robert Menasse

Wenn eine Kulturnation sparen muss - wo spart sie? Bei der Kultur. Wo sonst? Sie hat ja sonst nichts. Darum heißt sie ja Kulturnation.

Wäre Österreich eine Wirtschaftsmacht, es könnte bei der Wirtschaft, wäre es eine Militärmacht, es könnte beim Militär sparen. Aber Österreich ist eine Kulturmacht. Wäre Österreich eine Agrarnation, es könnte beim Saatgut sparen. Wäre Österreich eine Demokratie, es würde an der Demokratie sparen, vielleicht sogar das Parlament verkaufen und die Abgeordneten in einem "Haus der Begegnung" am Stadtrand unterbringen. Nach dieser Logik spart die Kulturnation Österreich naturgemäß an der Kultur.

Und was eine richtige Kulturnation ist, lebt von nationaler Kultur (bei der internationalen hört sie womöglich Signale), und vor allem lebt sie von Ausländern, die diese Kulturnation besuchen und für die Kultur Eintritt bezahlen. Wen in der schönen Kulturnation interessieren daher Ausländer, die nicht einmal herkommen, sondern sich im Ausland für österreichische Kultur interessieren?

Im Grunde ist es ja gut, meinen viele in der Kulturnation, dass die Ausländer nicht alle herkommen - aber bitte was haben die Ausländer erst in unseren Kulturinstituten im Ausland verloren? Wozu braucht eine Kulturnation das: Häuser im Ausland für die Ausländer? Es kommen zwar auch einige Altösterreicher immer wieder in diese Häuser, aber da stellt sich doch erst recht die Frage: Wir haben sie nie zurück nach Österreich eingeladen - wozu sollen wir sie jetzt im Ausland einladen?

Wenn eine Kulturnation kurzfristig Geld braucht, um budgetäre Löcher zu stopfen - wie kann sie dieses Geld beschaffen? Zum Beispiel durch den Verkauf der Gebäude, in denen ihre Kulturinstitutionen untergebracht sind. Was hätte eine Kulturnation sonst für Möglichkeiten? Da gibt es ein österreichisches Kulturinstitut in Paris, in zentraler Lage - schon verkauft! Das Haus wurde vorher noch aufwändig renoviert, damit der Käufer mit dem Schnäppchen gleich eine größere Freude hat. Und Kulturaustausch mit Pariser Intellektuellen und Künstlern, mit französischem Publikum - eine selbstbewusste und zugleich budgetarme Kulturnation kann sich das doch wirklich sparen!

Da gibt es ein Gebäude in Warschau, in zentraler Lage und mit einer Geschichte, die das darin befindliche österreichische Kulturinstitut zu einem Kulturzentrum im besten Sinn des Begriffs macht: zu einem geschichtsgesättigten Zukunftslabor, zu einem Treffpunkt neugieriger kluger Zeitgenossen. Aber was bringt das Gebäude? Wie viel bekommen wir für das Gemäuer? Weg damit! Wird verkauft! Vorher wurde das Haus noch aufwändig renoviert, damit dann der Käufer eine Freude damit hat. Wir wissen, was sich gehört. Wir sind eine Kulturnation.

Was ist mit dem Kulturinstitut in Brasilien passiert? Die Immobilie befindet (befand?) sich in begehrtester Lage in Rio de Janeiro. Aus der Liste der österreichischen Kulturinstitute und -foren, die man im Internet einsehen kann, ist es verschwunden. Schon verkauft?

Nun stimmt es zwar, dass noch nie ein österreichischer Kulturbürokrat im so genannten diplomatischen Dienst in Brasilien für vernünftige und produktive Kulturvermittlung und Austausch auffällig wurde - im Grunde lebte jeder davon, sich für ein Konzert der Sängerknaben in Brasilien "stark zu machen", und wenn er abberufen wurde, dann hinterließ er seinem Nachfolger die Telefonnummer des Sängerknabenprinzipals in Wien, Augarten - aber in Ländern, die nicht Kulturnation spielen, würde das doch eher zu einer Änderung der Personalpolitik als zu einem Verkauf der Immobilie. führen.

Das ist offenbar der Unterschied zwischen einer Kulturnation und Staaten mit Kultur und kulturpolitischen Interessen.

Vor zwei Tagen fand in Wien eine sogenannte "Auslandskulturtagung" statt, also ein Treffen all jener, die für den Ausverkauf und das Kaputtsparen der österreichischen Kulturvermittlung im Ausland verantwortlich sind, mit jenen, die ihre Arbeitsplätze und Dienstposten in den verschwindenden Kultureinrichtungen Österreichs im Ausland retten wollen und bereit sind, zur Rettung ihrer Dienstposten auch Verantwortung für die Vernichtung des Sinns ihrer Dienstposten zu übernehmen. Bei dieser Tagung (soweit man das dem Programm entnehmen kann) reden sie aber nicht über den Verkauf ihrer Immobilien, sondern über die kulturpolitischen "Herausforderungen der Zukunft".

Im Grunde sind sie Immobilienmakler, die über die Probleme von Obdachlosen "als Chance und Herausforderung" reden.

Bei solch weihevollen Veranstaltungen und auch in ihrem Umfeld, zum Beispiel in Interviews, wie das, das der Kultursektionsleiter des Außenministeriums dem Standard gab, wird natürlich gelogen, dass sich die Balken biegen. Aber vielleicht besteht die Kultur der österreichischen Kulturnation im Wesentlichen darin: auf Bugholzmöbeln sitzend durch Worte Balken zu biegen.

So sagt zum Beispiel der Kultursektionsleiter Emil Brix im Standard: "Es wird ein Kulturforum in Kiew geben". Eine verblüffende Frohbotschaft! Wie kann man dem Vorwurf, Österreich verschleudere seine Kultureinrichtungen, besser entgegentreten als durch das Versprechen: Im Gegenteil! Wir wachsen! Wir bauen aus! Wir gründen neue!

Nun kann man aber dem Internetauftritt des österreichischen Außenministeriums und auch dem Wikipedia-Eintrag "österreichische Kulturforen" entnehmen, dass es ein "österreichisches Kulturforum Kiew" nicht geben wird, sondern bereits gibt: seit 1994.

Meint Herr Brix mit "Kulturforen, die es geben wird" solche, die es schon gibt, die aber ausnahmsweise nicht umgebracht werden? Aber auch das kann nicht stimmen. Denn "Kulturforen" wurden überhaupt erst nach dem Jahr 2000 eingerichtet. Das war ja der kulturpolitische Sündenfall der blau-schwarzen Regierung: die Kulturinstitute abzuschaffen und stattdessen "Kulturforen" einzurichten, die im Grunde nichts anderes sind als ein Zimmer im Gebäude der Botschaft, in dem entweder ein engagierter Kulturattache verzweifelt herumsitzt, weil er kein Portefeuille hat, oder ein desinteressierter Kulturattache verzweifelt an seinen Fingernägeln kaute, weil er nur darauf wartete, dass er endlich einen interessanten Botschafterposten bekommt.

Nun gibt das österreichische Außenministerium also bekannt: Seit 1994 gibt es ein "Kulturforum in Kiew". Weiters: Es gab keine Kulturforen bis zum Jahr 2000. Erst nach 2000, dank der glorreichen und international so hoch geschätzten blau-schwarzen Regierung wurden Kulturforen gegründet. Und: Es wird in Zukunft ein "Kulturforum in Kiew" geben.

In den Zeiten, als Kiew noch hinter dem Eisernen Vorhang lag, hätte man diese systematisch widersprüchlichen Informationen als "gezielte Desinformation des Gegners" bezeichnen können - aber heute? Ist das der Informationsstand der österreichischen Diplomatie? Dass man Techniken des Kalten Kriegs anwenden müsse, um den Ruhm der Kulturnation Österreich in den Osten zu tragen? Ist es nicht lächerlich in seiner Durchsichtigkeit, peinlich in seiner verschwurbelten Dummheit?

Ebenso Warschau: Auf Anfrage bei Emil Brix oder seinen Unter- bzw. Übergebenen erfährt man, dass nicht daran gedacht sei, das Kulturinstitut zu verkaufen, das Gebäude zu verschleudern, die privilegierte Lage aufzugeben. Schon blöd, dass EU-Gesetze die dementierende Kulturnation zwingen, irgendwo doch die Wahrheit bekanntzugeben: Und so kann man im Netz lesen, dass die Republik Österreich eine europaweite Ausschreibung für den "Neubau der österreichischen Botschaft und des Kulturforums in Warschau" am Stadtrand von Warschau gemacht hat. Warum will die Kulturnation in einem Außenbezirk ohne Anbindung an den öffentlichen Verkehr neu bauen, was sie im Zentrum schon hat?

Kann Herr Brix das erklären?

Herr Brix kann das nicht erklären. Herr Brix ist ein Diplomat der alten Schule. Er kann sehr gut desinformieren. Er hält das für eine Qualifikation. In dieser Kulturnation ist das tatsächlich eine Qualifikation. Sie kann einen Desinformanten weit tragen.

Herr Brix sagt, dass das Budget für Auslandskulturarbeit nicht gekürzt wurde. Das ist eine Lüge. Es wurde um ein Drittel gekürzt. Das kann man im Haushaltsbericht nachlesen. Dass dies in der Regel keiner tut, entschuldigt nicht, dass Herr Brix glaubt, leichthin das Gegenteil behaupten zu können. Dabei widerspricht sich Herr Brix sogar: Die Kürzungen, die nicht stattgefunden haben, seien, sagt er, über Sponsoringeinnahmen aufgefangen worden. Also was jetzt? Und: Ist ein Kulturdiplomat der Kulturnation ernsthaft der Meinung, dass Kulturpolitik durch private Sponsoren finanziert werden soll? Und: Kann er bitte ein Beispiel geben? Meint er das in alle Welt übertragene Neujahrskonzert "powered by Rolex"? Gäbe es ohne Rolex kein Neujahrskonzert? Würde es sich ohne Rolex niemand in der Welt ansehen? Welche Interessen haben private Sponsoren und welche Interessen haben öffentliche Insitutionen? Gehört die Demonstration, den Unterschied nicht zu kennen, heute auch schon zur Qualifikation für höchste öffentliche Ämter?

Herr Brix sagt nichts über die Schließung und den Verkauf des österreichischen Kulturinstituts in Warschau. Er sagt "Potential in Osteuropa". Er sagt nichts über die Zerstörung der Infrastruktur österreichischer Auslandskulturpolitik. Er sagt "Konsolidierungsphase.". Er sagt nichts über die Lächerlichkeit und Sinnlosigkeit eines Kulturpolitik, die ihre Ressourcen verschleudert hat. Er sagt "Neuorientierungsphase". Er sagt nicht "Scheiß auf die Kultur, ich will endlich Botschafter werden!", er findet in diesem Standard -Interview die elegante Formulierung "Wie antworten wir auf das Instrumentalisieren von Kultur?" Er sagt nicht: "Ich will im diplomatischen Dienst da draußen zwischen Atommächten und Wirtschaftsmächten nicht als Kulturnationsdodel dastehen!", er sagt: "Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen: Wie halten wir es mit nationalen Geschichtsbildern?" Er sagt nicht: "Die Kolonialherren haben eigentlich ein super Leben gehabt, das tät ich mir auch wünschen!", er sagt, er wünsche sich eine Kulturpolitik "in Übereinstimmung mit dem, was wir außenpolitisch und wirtschaftspolitisch in diesen Ländern wollen" - was zugleich auch schon eine Antwort auf seine Frage nach dem "Instrumentalisieren von Kultur" ist. (Alle Zitate aus dem Standard vom 10. 9. 09)

Man erkennt den Grad des kulturellen Interesses von Menschen in der Kulturpolitik unserer Kulturnation daran, dass sie "Kultur" als Durchgangsstadium sehen, das sie irgendwie überbrücken müssen, um zu den attraktiven Karrieremöglichkeiten vorzustoßen. Bei Herrn Brix ist es demnächst so weit: er wird Botschafter in London. Man hört, dass auch das Haus in London, im Eigentum der Republik, in dem sich das österreichische Kulturforum befindet, verkauft werden soll. Aber da wird dann nicht der Herr Botschafter Brix, da werden andere in der Kultur-Sektion weiterlügen, um den Ausverkauf der Kultureinrichtungen und die Kürzungen des Budgets schön zu reden. Und wer es dann auch so gut schafft wie heute der Sektionleiter Brix, wird später ebenfalls mit einem Botschafterposten belohnt. Das ist österreichische Auslandskulturpolitik. (DER STANDARD, PRint-Ausgabe, 12./13.9.2009)

*Der in Wien lebende Schriftsteller und Essayist publizierte zuletzt bei Suhrkamp den Erzählband "Ich kann jeder sagen"; seine Faust-Interpretation "Dr. Hoechst" wurde heuer im April uraufgeführt.

 

 

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