Der Blödsinn als Mainstream

11. September 2009, 19:20
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"Es steht alles im Internet" - So trumpft ein Poster auf, der nicht glaubt, dass am 11. September 2001 islamische Radikale die beiden Türme zum Einsturz brachten

"Es steht alles im Internet" - So trumpft ein Standard- Poster auf, der nicht glaubt (glauben will), dass am 11. September 2001 islamische Radikale die beiden Türme in New York mit entführten Flugzeugen zum Einsturz gebracht haben. Eben. Es steht alles im Internet: Der ganze Schrott an Verschwörungstheorien, selbstgerechten und besserwisserischen bis verrückten "Wahrheiten": "Wie es wirklich war", "Die Geheimnisse von ...", "Enthüllung über ..."

Ein Drittel der Europäer und fast so viele Amerikaner glauben, dass es irgendwer, wahrscheinlich die Regierung Bush oder der Mossad war, jedenfalls aber nicht Osama Bin Laden, bzw. ein paar Araber mit Messern und ein paar Stunden Flugtraining, die die Flugzeuge in das World Trade Center, das Pentagon und auf ein Feld in Pennsylvania lenkten.

Der ORF, in seiner tiefen geistigen Desorientierung, gibt diesem Affen Zucker, indem er erstens eine italienische "Dokumentation" über 9/11 sendet, die so seriös ist wie Silvio Berlusconis Unschuldsbeteuerungen; und zweitens einen Club 2 veranstaltet, in dem nur noch einer gefehlt hat, der beweisen will, dass die Erde eine Scheibe ist.

Der Blödsinn ist im Begriff, zum Mainstream zu werden. Das kommt dabei heraus, wenn für seriösen, von irgend etwas eine Ahnung habenden Journalismus fast keine Prämie mehr bezahlt wird. Dass die Krawallmedien nur noch dummschlaue Krawalljournalisten auf wichtige Themen loslassen, könnte man noch achselzuckend als systemimmanent akzeptieren. Dass der ORF diesen Quatsch mitmacht, ist ein Alarmzeichen hoher Ordnung. Dass ein großer Verlag, der auch Qualitätszeitungen herausgibt, Journalismus in "content engines", in Produktionsmaschinen beliebiger Inhalte verwandeln will, alarmiert noch mehr.

Die Abgrenzung verläuft nicht so sehr zwischen Print und Internet, sondern zwischen ordentlichem Journalismus und absurdem Quatsch, wobei es in der Natur des Internet liegt, dass der Quatsch dort viel leichter und ohne Kontrollinstanzen Eingang findet.

Gott sei Dank transportiert das Internet auch Qualitätsjournalismus. Zum Thema 9/11-Verschwörungstheorien hat Spiegel online ein Dossier produziert, dass die wichtigsten Zweifelsfragen beantwortet und auf anfänglich plausibel klingende Theorien eine vernünftige Antwort findet (www. spiegel.de/spiegelspecial/ 0,1518,435547,00.html). Die Hitzeentwicklung des brennenden Flugzeugbenzins könne nicht groß genug gewesen sein, um die Stahlträger des WTC zum Schmelzen und die Gebäude zum Einsturz zu bringen, lautet ein beliebter, auf den ersten Blick legitimer Einwand. Ja, aber Stahl verliert schon bei niedrigeren Temperaturen seine Festigkeit, er musste gar nicht schmelzen, um die Konstruktion einstürzen zu lassen, lautet die physikalisch überprüfbare Antwort.

Das Problem ist, dass die Verschwörungstheoretiker bei so vielen bereits legitimen Status erreicht haben. Vor 70 Jahren konnte man einem Volk einreden, es habe nicht genug "Lebensraum" und müsse deshalb einen Angriffskrieg starten, im Übrigen gegen eine "jüdisch-bolschewistisch-kapitalistische Verschwörung". Wenn die Wahnidee Mainstream wird, wird's gefährlich. (Hans Rauscher/DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.9.2009)

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