Von Schweigen kann keine Rede sein

11. September 2009, 19:09
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Warum der Vorwurf, das offizielle Österreich verweigere sich im "Jahr der Jahrestage" der Debatte über seine eigene Geschichte und die seiner osteuropäischen Nachbarstaaten, ins Leere geht - Eine Erwiderung von Stefan Karner

Der Beitrag "Schweigen statt gedenken" von Adam Krzeminski und Martin Pollack im Album des Standard vom 29./30. August 2009 spricht zu Recht Gegebenheiten an, die lange (zu lange) in Österreich, weniger von der Geschichtsforschung denn von der offiziellen Politik, ausgeblendet wurden, wie die Beteiligung von Österreichern in der "Mordmaschinerie" des "Dritten Reiches" oder die "Opferthese", hergeleitet von der Moskauer Deklaration 1943. (Alles freilich bekannt, in der Geschichtsschreibung längst etabliert.)

Dennoch fordert der Artikel in zentralen Aussagen Widerspruch heraus, und ich nehme an, die beiden Autoren erwarten diesen auch.

Es stimmt einfach nicht, dass der "2. Weltkrieg und seine Folgen im österreichischen Geschichtsbewusstsein nach wie vor nicht wirklich präsent" sind. Haben die beiden Gastautoren da nicht doch Vieles verschlafen? Ich erwähne nur summarisch die Arbeiten von Norbert Schausberger zur Rüstung in Österreich, von Erika Weinzierl, Karl R. Stadler, Wolfgang Neugebauer, Brigitte Baier-Galanda und Emmerich Talos zu Widerstand, Verfolgung, Vergangenheitsbewältigung und Sozialpolitik, von Manfried Rauchensteiner und Erwin Schmidl zur militärischen Komponente des 2. Weltkrieges, von Gerhard Botz, Ernst Hanisch, Stefan Karner oder Harry Slapnicka zum NS-System in den einzelnen "Reichsgauen", von Gerhard Jagschitz u. a. zum NS-System und zu den KZ-Lagern, oder die zahlreichen Publikationen zu wesentlichen Fragen der österreichischen Nachkriegsentwicklung von Oliver Rathkolb, Otto Klambauer u. a.

All dies mag vielleicht noch nicht ausreichend sein, es rechtfertigt jedoch nicht den obigen Null-Befund. Dazu kommen die vielteiligen, großen TV-Dokus von Hugo Portisch und zuletzt die eben laufende, fünfteiligen Dokumentation von Andreas Novak, die ein Millionenpublikum erreich(t)en.

Auch das offizielle Österreich hat diese Arbeiten unterstützt, zur Kenntnis genommen und entsprechende Folgerungen daraus gezogen. Erinnert sei etwa an Vranitzkys Erklärung in Israel, an die Installierung einer Österreichischen Historikerkommission mit dutzenden großen Projekten zu Wiedergutmachung und Entschädigung unter Schüssel, die Abhaltung einer großen Widerstands-Enquete im Parlament 2005 mit Bundespräsident Fischer, Nationalratspräsidentin Prammer und Bundeskanzler Schüssel oder die große Republikausstellung 2008/09 im Parlament.

Simplifizierendes Zerrbild
Österreich schweigt zu den schwierigen Themen nicht wie ein Grab, wie die Autoren schreiben. Auch und gerade nicht zum 9er-Gedenkjahr.

Es ist auch zu billig, den österreichischen Beitrag zu 1989 lediglich auf eine Gedenkveranstaltung in den österreichisch/ungarischen Grenzorten zu reduzieren. Erst vor einem Jahr wurde ein zweibändiges, von vielen als Standardwerk bezeichnetes Buch zum Thema "Prager Frühling und das internationale Krisenjahr 1968" vorgelegt. Es entstand aus der Zusammenarbeit von über 80 Forschern aus Russland, den USA, Deutschland, zahlreichen europäischen Staaten, darunter auch Polen, und Österreich. Gefördert wurde das Mehrjahresprojekt vom Österreichischen Wissenschaftsministerium. Prag 1968 war zweifelsfrei eine entscheidende Wegmarke hin zum Umbruch in Mittel-Osteuropa, wie er dann letztlich wesentlich von Polen 1980 ausging.

Die erste grenzüberschreitende Landesausstellung "Österreich - Tschechien" in Horn, Raabs und Telè hat nach knapp fünf Monaten bereits 250.000 Besucher, ein Rekordwert. Landeshauptmann Pröll und Kreis-Hetman Behounek haben die Grundlagen dazu geschaffen. Der ausführliche Begleitband, in deutscher und tschechischer Sprache, erfuhr bereits eine zweite Auflage - auch das ein Novum und ein Beweis dafür, dass Österreich zu den Nachbarn - trotz aller Schwierigkeiten - Brücken baut und ihm der "Gründungsmythos der Versöhnung", wie ihn die Sechser-Gemeinschaft auszeichnete, noch nicht abhanden gekommen ist.

Die österreichische Außenpolitik wendet sich unter Spindelegger, in Fortsetzung der Nachbarschaftspolitik unter Ferrero-Waldner und Plassnik, verstärkt gerade jenen Nachbarn innerhalb und außerhalb der EU zu, die in der südöstlichen Randzone der Union, der Region des nördlichen Schwarzen Meeres, siedeln: Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Ukraine, Südrussland. Gerade in diesem Raum hat Österreich viel einzubringen: historisch, kulturell, wirtschaftlich und politisch.

Vielleicht fehlt es Österreich derzeit an den großen Visionen, wie dies die beiden Autoren etwas flapsig insinuieren, an konkreten Taten und Aktionen aber fehlt es dem Lande nicht.

Es wäre gut, wenn man das Bild Österreichs nicht auf "Haider, den ersten Totengräber der Europaidee" reduzierte. Von schrecklichen Fehlern im Artikel einmal abgesehen, wie der Verortung von "Versailles als Geburtsurkunde der heutigen österreichischen Nation". So etwas darf einfach nicht durchgehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2009)

 

Stefan Karner, Historiker, ist Vorstand des Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, Graz-Wien-Klagenfurt, und Leiter der NÖ-Landesausstellung "Österreich-Tschechien". (noch bis 1. 11. 09)

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