Bittere Abrechnung mit den Eltern

10. September 2009, 19:10
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Der "Struwwelpeter" als fetzige Show mit Birgit Minichmayr als hinreißender Rockgöre

Wien - Stefan Pucher wollte den Struwwelpeter nicht bloß als Nummernrevue auf die Bühne bringen: Er befrachtete und überfrachtete die zehn Reimgedichte von Heinrich Hoffmann mit Assoziationen zur Erziehung. Sein Plädoyer ist dabei schon von Anfang an absehbar: Auch wenn zwischendurch die Hilflosigkeit der Eltern im Umgang mit den kleinen "Monstern" angeschnitten wird, nimmt der Regisseur, der am Mittwoch sein Burgtheater-Debüt gab, die Kinder in Schutz.

Als Illustration dienen dafür natürlich nicht der Struwwelpeter und all die anderen Figuren: Pucher lässt eifrig Videoclips projizieren. Er greift dabei auch auf Material mit Robert Mitchum und James Stewart zurück, das zumindest ein halbes Jahrhundert alt ist - und aus dem vorigen Jahrtausend stammt. Doch das muss man Stefan Pucher lassen: Die Argumentation greift. Vor allem bei all jenen, die eine (zu) strenge Erziehung ohne Zärtlichkeiten hatten.

Vom Original, der "Junk Opera" Shockheaded Peter aus dem Jahr 1998, ist nicht viel übriggeblieben. Die britische Band The Tiger Lillies hatte die zehn Songs als eine Art "Freak-Show" gesehen: Martyn Jacques, der Sänger mit der krächzenden Falsettstimme, ergötzte sich am letalen Ende, das fast jede Geschichte hat. Und auf einer winzigen Bühne im viktorianischen Stil dominierten altbackene, dennoch äußerst effektvolle Theatertricks: Paulinchen fing grandios Feuer, Konrads Daumen wurde wirklich abgeschnitten.

Im Burgtheater hingegen werden die Geschichten zumeist nicht dramatisiert: Das Desillusionstheater lässt maximal einen Schneider mit riesiger Schere als Schattenriss zu. Und Birgit Minichmayr geht auch nicht in Flammen auf: Sie zieht bloß ihre roten Ballettschuhe aus - und legt sie auf ein Häufchen, das Asche sein soll.

Vielleicht deshalb: Weil sie ohnedies brennt. Im Zentrum der gefinkelt verkleinerten Bühne von Stéphane Laimé, der die Reihe der Logen samt Kristalllustern einfach weiterzieht, steht die vierköpfige Band unter der Leitung von Lieven Brunckhorst (an den Keyboards). Und immer wieder tritt Birgit Minichmayr auf, in hautengen Kostümen (Ausstattung: Marysol del Castillo), mit Zausekopf, Lockenpracht oder Langhaarperücke.

Sie brilliert von der ersten Nummer an - als Chansonette wie als Peitsche schwingende Rocklady. Den Zappelphilipp-Song rappt sie beinahe, und zum Schluss fliegt man mit ihr ganz sentimental zum Mond: Aus dem "fliegenden Robert" war im Englischen der "Flying Robert" geworden - und in der Rückübersetzung wurde nun leider ein "Flieger Robert" daraus.

Ist Fugitismus aber wirklich die Lösung? Durch den beinharten Abrechnungsabend mit den Eltern hatte ein Conférencier geführt: Jacques Palminger fasst mit deutscher Gründlichkeit zusammen, er führt aus und vor. Petra Morzé und Michael Masula haben eher aufpeppende Funktion. Und eine Kinderschar in Schuluniformen darf zeigen, dass Zucht und Ordnung ganz sicher für eines verantwortlich sind: seelische Krüppel. Zu viel hat Pucher trotzdem gewollt. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.9.2009)

 

  • Gewaltige Stimme, großartige Stimmung: Birgit Minichmayr brilliert im Burgtheater als Rocklady und Chansonette.
 
 
    foto: toppress/ schöndorfer


    Gewaltige Stimme, großartige Stimmung: Birgit Minichmayr brilliert im Burgtheater als Rocklady und Chansonette.

     

     

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