Zeit in Gegenwart umformen

4. September 2009, 16:51
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Peter K. Wehrli hat mit "Katalog von Allem" ein Buch über die Erinnerung und den Wiedergewinn einer Zeitspanne geschrieben

"Ein Mathematiker, der nicht irgendwie ein Dichter ist, wird nie ein vollkommener Mathematiker sein." Meinte Karl Weierstraß, von Beruf Mathematiker. Was, wenn man ein mathematisches Raster buchstäblich zum Fundament von Literatur macht? So wie dies der Zürcher Peter K. Wehrli tut in seinem Katalog von Allem. Denn Mathematik ist hier allgegenwärtig. Und doch nur Gerüst. Auch wenn man 1697 durchnummerierte Einträge aus 40 Jahren auf 504 Seiten plus Register zählt. Denn worauf der studierte Kunsthistoriker Wehrli abzielt, der sich von jeher mehr als Schriftsteller sieht denn als Fernsehredakteur, als der er lange tätig war, ist das visuelle Einfangen der Welt in Sprache, ist die totale, aber untotalitäre Verschriftlichung des Gesehenen, Erlebten, Gesprochenen. "Schärfenverlagerung" nennt er sein Prinzip, die "Veränderung der Fokussierung, in der ich - geradezu erregt - ein verwandtes Vorgehen entdecke, wie ich es im Katalog von Allem praktiziere im Verhältnis von Eintragung zu ihrem Titel."

Eintrag und Titel: Damit ist bereits das Schreibprinzip beschrieben, mit dem Wehrli vor 40 Jahren begann, als er während der Fahrt mit dem Orientexpress keine Kamera dabeihatte. Stattdessen fertigte er visuelle Schnappschüsse an, bestehend aus einem Schlagwort und einem Kurztext. Mittels dieser "Fotografien aus Sprache" ordnete er in den Katalog Impressionen von Reisen ein, Gespräche mit Freunden, Medienkritisches, Observationen von Übersehenem am Sehfeldrand. Daraus entstehen dann, so Wehrli, "Vergrößerungen, Kopien, vielleicht seitenverkehrte, Ausschnitte, Farbkorrekturen, Schärfenverlagerungen und Retuschen" . Eine Welt, die kenntlich wird, weil sie, so ja auch die biologische Perzeption des Menschen, auf dem Kopf steht. Manche Einträge dieses großen Kreuz-und-quer-Lesebuches haben eine große imaginistische Suggestionskraft, sind poetisch und zugleich präzis beobachtet und beschrieben.

Was ist aber dieses Buch genau, dessen Editionsgeschichte kurios ist - die erste Ausgabe erschien auf Englisch in einem bolivianischen Verlag? Ein (Reise-)Tagebuch? Nur in beschränktem Maß, auch wenn den Hauptkorpus Aufzeichnungen aus Pernambuco, Bukarest, von den Azoren und der Algarve bilden. Denn über die Person Wehrli, Peter K., 1939 geboren, erfährt man verhältnismäßig wenig. Ist es Sudel- und Gedankenbuch, ein Werk in der Nachfolge eines Elias Canetti oder Georg Christoph Lichtenberg? Dafür ist es wiederum zu wenig aphoristisch und philosophisch. Ein Skizzenbuch ist es definitiv nicht, denn die Notate sind - im Gegensatz zur Katalog von Allem-Ausgabe von 1999, deren 1111 Einträge noch der Chronologie folgten - literarisch redigiert und ihre Reihung ist durchkomponiert.

Worauf Wehrlis Notatensammlung abzielt, ist "das eigentliche Alles, das sich ergibt aus der Vorstellung, es sei jedes dieser Millionen von Dinge nur ein einziges Mal vorhanden auf der Welt, und dass erstaunlicherweise doch dieses Eine bleibt: nämlich alles". Die Welt als Buch, das Zeit in Gegenwart umformen will, Beobachtetes in Geschriebenes. Wehrli schreibt von der "Gewissheit, der Gewinn des Erinnerns liege nicht in der Erinnerung selber an ein Ereignis, sondern im möglicherweise lebensverlängernden Wiedergewinn der Zeitspanne, in der es geschehen war". (Alexander Kluy, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 05./06.09.2009)

Peter K. Wehrli "Katalog von Allem". € 25,60/540 Seiten. Ammann, Zürich 2009

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