Hatte Paul Kammerer doch recht?

3. September 2009, 00:00
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Umstrittener Wiener Biologe könnte mit seinen Kröten-Experimenten der Vater der Epigenetik gewesen sein

London/Wien - Es war eine der größten wissenschaftlichen Skandalgeschichten des 20. Jahrhunderts, der Paul Kammerer selbst ein dramatisches Ende setzte, indem er sich am 23. September 1926 das Leben nahm. Vorangegangen war dem Selbstmord eine der heftigsten Kontroversen in der Geschichte der Biologie, bei der Kammerer - zum damaligen Zeitpunkt der Superstar der Biologie - am Ende als Fälscher dastand, mit dem Freitod als Schuldeingeständnis.

Nun könnte der Biologe dank neuer Erkenntnisse im "heißen" Forschungsbereich der Epigenetik rehabilitiert werden - und das ausgerechnet im Darwin-Jahr: Der Lamarckist Kammerer hat wohl doch nicht gefälscht, behauptet nun der Evolutionsbiologe Alexander O. Vargas nach einer kritischen Durchsicht von Kammerers Experimenten im Lichte des heutigen (epi-)genetischen Wissens.

Doch alles schön der Reihe nach: Der 1880 in Wien geborene Kammerer machte sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen Experimenten an Amphibien schnell einen internationalen Namen. Der exzentrische Forscher, der nebenbei auch komponierte, war von der lamarckistischen Idee der Vererbung erworbener Eigenschaften besessen und wollte diese "durch planmäßige Züchtung" zunächst bei Salamandern beweisen.

Weltberühmt wurde der außergewöhnlich geschickte Experimentator mit seinen Versuchen an Geburtshelferkröten. Kammerer setzte die Tiere, die sich normalerweise an Land paaren, hohen Temperaturen aus, um sie ins Wasser zu locken. Um im kühlen Nass die Krötenfreuden voll zu genießen und nicht von der Partnerin abzurutschen, sollten die Männchen Brunft- und Haftschwielen entwickeln - und der nächsten Generation vererben (siehe Foto links).

Das Experiment "gelang" und wurde als "größte biologische Entdeckung der Gegenwart" gefeiert. Die New York Times bezeichnete Kammerer als "nächsten Darwin" . Doch Kammerers Ruhm hielt nur kurz an: Einer seiner Widersacher reiste nach Wien und zeigte, dass die schwarzen Hornhautpunkte seiner berühmten Kröte mit Tusche unter die Haut gespritzt waren. Der Skandal war perfekt.

Mehr als achtzig Jahre und zahllose Publikationen über Kammerer später (unter anderem "Der Krötenküsser" von Arthur Koestler) muss die Geschichte nun womöglich noch einmal ganz neu geschrieben werden. Und Kammerer könnte am Ende doch noch als Held in die Biologiegeschichte eingehen - nämlich als Begründer der Epigenetik avant la lettre.

Wie der chilenische Biologe Alexander Vargas heute im "Journal of Experimental Zoology" berichtet, zeigte eine Sichtung von Kammerers Unterlagen, dass bei seinen Kröten-Kreuzungen doch kein Betrug, sondern so etwas wie "genomische Prägung" stattgefunden haben dürfte. Dabei werden die betroffenen Gene entgegen der Mendel'schen Vererbungslehre abhängig von ihrer elterlichen Herkunft aktiv oder inaktiv vererbt. In ganz einfachen Worten: Es kam zu einer durch die Umwelt bedingten Stilllegung bestimmter mütterlich vererbter Gene - was man damals ohne Molekularbiologie natürlich nicht verstehen konnte.

Vargas jedenfalls plädiert dringend für neue molekularbiologische Experimente an Geburtshelferkröte, um Klarheit zu schaffen. Und der renommierte Evolutionsbiologe Günther Wagner von der Universität Yale hält Vargas' Artikel auf Anfrage des STANDARD für "sehr überzeugend". (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 3. 9. 2009)

  • Paul Kammerers Geburtshelferkröte- die heutige Molekularbiologie kann plausible Erklärungen liefern.
    foto: paul kammerer, photostudio wien

    Paul Kammerers Geburtshelferkröte- die heutige Molekularbiologie kann plausible Erklärungen liefern.

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