Wertvolles NS-Raubgut bei "Kunst & Krempel"

2. September 2009, 17:03
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Deutscher Kunsthandel mit Schwachstellen: Ein Einzelfall und eine Studie

München / Düsseldorf - Ein Raubkunstgemälde im Schätzwert von 100.000 Euro ist zufällig im Bayerischen Rubdfunk (BR) aufgetaucht - nun sucht das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) den gegenwärtigen Besitzer. Wie die Beamten am Mittwoch in München berichteten, wurde das Gemälde des Künstlers Frans Francken d.J. mit dem Titel "Die Bergpredigt (Paulus in Lystria)" am 15. November 2008 in der BR-Sendung "Kunst & Krempel" Experten zur Beurteilung vorgelegt. Diese bestätigten die Echtheit und den großen Wert des Objekts, denn der flämische Maler Frans Francken d.J. gehörte einer der wichtigsten Malerdynastien des 17. Jahrhunderts an. Im April meldete sich ein Münchner Zuschauer und teilte dem LKA mit, dass es sich seiner Meinung nach um Raubkunst handeln dürfte.

Wie die daraufhin eingeleiteten Ermittlungen ergaben, wurde das 33 mal 79,5 Zentimeter große Werk vermutlich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem sogenannten Führerbau am Münchner Königsplatz entwendet. Das Gemälde sei damals vermutlich zur Ausstattung eines neuen Linzer Museums vorgesehen gewesen und konnte vor dem Einmarsch der US-Truppen nicht rechtzeitig in ein Sicherheitsdepot gebracht werden, fand die LKA-Fachdienststelle für Kunstdiebstahl heraus. Seit April 1945 galt das Bild als verschollen. Die Polizei sucht nun den gegenwärtigen Besitzer und hat dafür die Öffentlichkeit um Hinweise gebeten. Der Bayerische Rundfunk habe die Person nicht nennen wollen, die das Bild damals den Schätzern vorgelegt hatte.

Viel NS-Raubkunst noch im Handel

Zahlreiche Kunstwerke, die von den Nazis aus jüdischen Sammlungen entwendet worden sind, werden nach Meinung eines Experten bis heute im internationalen Kunsthandel angeboten. "Genaue Zahlen existieren nicht, aber nach wie vor suchen weltweit Hunderte Erben nach ihrem Familieneigentum", sagte Stefan Koldehoff, Autor des gerade erschienenen Buches "Die Bilder sind unter uns - Das Geschäft mit der NS-Raubkunst" (Eichborn-Verlag), am Mittwoch in Düsseldorf. Dies betreffe teils hochkarätige Gemälde, aber auch Grafiken und wertvolle Möbel.

Auffällig häufig seien Bilder von Max Liebermann und Lovis Corinth betroffen. "Beide waren bei jüdischen Sammlern sehr beliebt und die Werkverzeichnisse sind unzuverlässig, geben kaum Vorbesitzer an." Zentren des Handels mit diesen "Werken ungeklärter Herkunft" seien Auktionshäuser und Galerien in den traditionellen Kunsthandelsstädten Berlin, Köln und München. "Geschäfte mit jüdischer Raubkunst hat es nach 1945 aber in jeder deutschen Stadt gegeben. (...) "Eine Stunde Null im deutschen Kunsthandel existiert nicht", betonte Koldehoff.

Anders als etwa die Bahn, Anwälte oder Ärzte "hat der deutsche Kunsthandel seine Geschichte nie durchleuchtet". Im Unterschied auch zu den großen internationalen Auktionshäusern fehle "in aller Regel" bei deutschen Versteigerern eine systematische Erforschung der Herkunft ihrer angebotenen Objekte. "Die Kunsthandelsverbände sollten sich verpflichten, dieser historischen Aufgabe endlich nachzukommen", forderte der Experte. Öffentliche Museen hätten sich dazu schon vor einem Jahrzehnt verpflichtet. (APA)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vom LKA gesucht: "Die Bergpredigt (Paulus in Lystria)" von Frans Francken d.J.

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