"Unser Gehirn ist wie Plastik"

1. September 2009, 21:10
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Gary Small, Buchautor und Neurowissenschafter, sagt, dass die Ikonen des Technikalltags, ob Google, Facebook oder iPod, das Gehirn von Heavy Usern verändern

Wie das funktioniert, erklärte er Peter Illetschko im STANDARD-Interview.

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STANDARD: In Ihrem Buch "I-Brain" teilen Sie User moderner Technologien in zwei Kategorien ein: "Digital natives" und "digital immigrants", also Menschen, die in der digitalen Welt geboren wurden, und Menschen, die sich daran erst gewöhnen mussten. Warum diese strenge Unterscheidung?

Small: Wir haben in Experimenten erkannt: Junge User sind unglaublich talentiert im Umgang mit Google, Facebook, iPod oder Handy. Sie verbringen damit wirklich viel Zeit, täglich gut und gerne neun Stunden. Gehen sie aber raus aus dieser Welt, dann haben die "digital natives" Probleme. Sie können sich in einem Gespräch kaum konzentrieren und sehen ihrem Gegenüber nicht in die Augen. Sie verlieren also ihre sozialen Fähigkeiten. Die "digital immigrants" zeigen hingegen keine Veränderungen im Alltag, haben aber Probleme im Umgang mit den Technologien.

STANDARD: Wie waren diese Experimente aufgebaut?

Small: Wir haben verschiedene Testpersonen sowohl mit der Google-Suchmaschine als auch mit einem Buch konfrontiert und dabei ihre Gehirnströme dokumentiert. Das Gehirn junger User war beim Internet-Surfen außerordentlich aktiv, beim Lesen eines Buches nicht so sehr. Bei älteren Usern war es genau umgekehrt. Wenn wir diese Gruppe aber nach mehreren Wochen, in denen sie sich mit Google beschäftigt haben, wieder getestet haben, zeigte sich ein verändertes Bild: Ihr Gehirn war ähnlich aktiv wie bei den Jungen. Wenn wir sehr lange mit einer Tätigkeit beschäftigt sind, werden dadurch die dafür zuständigen Neuronen im Gehirn stärker, die Zahl der Synapsen wächst; die Neuronen werden schwächer, wenn wir damit weniger Zeit verbringen.

STANDARD: Wie zeigt sich das im alltäglichen Umgang mit digitalen Medien?

Small: Natürlich sind auch "digital immigrants" gefährdet, in die Welt der Technologien zu kippen. Ich schließe mich da gar nicht aus. Wenn ich einem Kollegen, der zehn Schritte weiter in einem Nebenraum sitzt, etwas sagen will, schreib ich ihm eine E-Mail. Ist das wirklich der beste Weg, um miteinander zu kommunizieren? Es ist im Moment zweifelsohne die effizienteste, zeitsparendste Variante. Wenn zu Hause der PC läuft, dann kann ich über ein Browser-Fenster die Aktienkurse verfolgen, und meine Frau und ich wissen dann, ob wir uns freuen dürfen oder ärgern müssen. Man kann nur schwer widerstehen und müsste sich eigentlich die ganze Zeit über sagen: Ich brauche das alles nicht. Geh rüber zu ihm, rede mit ihm. Aber wer macht das schon?

STANDARD: Das klingt nach einer kulturpessimistischen Sichtweise?

Small: Ich sehe die Fakten, und die zeigen mir: Unser Gehirn ist wie weiches Plastik, das jeden Anstoß von außen aufnimmt. Die Technologien in unseren Jackentaschen eröffnen uns eine Vielfalt von Möglichkeiten. Wir lernen, kommunizieren viel schneller, wir unterstützen unser Gedächtnis, wir verbessern unsere Arbeitsbedingungen. Aber wir laufen auch Gefahr, viele soziale Fähigkeiten zu verlieren.

STANDARD: Von mangelnder Konzentrationsfähigkeit haben Sie bereits gesprochen. Welche Probleme können außerdem auftreten?

Small: Viele "digital immigrants" haben ein Problem mit Multitasking. Mehrere Aktivitäten gleichzeitig fallen ihnen recht schwer. Wir müssen ganz einfach verstehen lernen, dass es diese negativen Auswirkungen geben kann und uns danach richten. Wir sollten zum Beispiel die älteren Menschen in ihrer Technologiefähigkeit unterstützen, weil die technische Entwicklung sehr rasch abläuft und die Systeme immer komplexer werden - wie unser Gehirn. Vielleicht werden wir beide uns schon mit einem Hologramm unseres Arztes unterhalten, wenn wir einen Rat beim Umgang mit unseren Wehwehchen brauchen. Natürlich wird es den Arzt nach wie vor geben, aber für den Alltag könnte er einen von ihm natürlich mit Informationen versorgten Stellvertreter haben. Aber das ist ein Blick in die Zukunft, wenn auch kein unrealistischer.

STANDARD: Zurück zur Gegenwart: Sie sprechen aufgrund des Unterschieds zwischen "digital natives" und "digital immigrants" von einer neuen gesellschaftlichen Kluft. In welcher Form beeinflusst das die Kluft zwischen jenen Menschen, die sich digitale Medien leisten können, und jenen, die sie sich nicht leisten können?

Small: Die Kluft zwischen Reich und Arm wird es natürlich immer geben. Einerseits wird sie durch das digitale Zeitalter größer, andererseits auch wieder kleiner, weil wir die Technologie immer perfekter gestalten und erschwinglicher machen. Eine relativ große Anzahl von Menschen in ärmeren Regionen hat deswegen ein Handy oder einen Computer. Sie sind natürlich von all diesen Einflüssen genauso betroffen wie wir. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.09.2009)


Zur Person

Gary Small ist Neurowissenschafter an der University of California. Er leitet das Memory and Aging Research Center. "Scientific American" bezeichnete ihn als einen der führenden Innovatoren. Small ist Autor vieler Fachartikel, Bestseller und eines Blogs auf der Website von "Psychology Today". Bei den Technologiegesprächen in Alpbach war er in einem Arbeitskreis über Kreativität vertreten.

  • Tests haben gezeigt, wann die Gehirnaktivitäten bei jungen Usern besonders stark sind: wenn sie im Netz surfen (oben), nicht beim Lesen eines Buches (unten).
    foto: ucla

    Tests haben gezeigt, wann die Gehirnaktivitäten bei jungen Usern besonders stark sind: wenn sie im Netz surfen (oben), nicht beim Lesen eines Buches (unten).

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  • Gary Small, Neurowissenschafter.
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    Gary Small, Neurowissenschafter.

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