Rundschau: Six Feet Under In Space

    19. September 2009, 13:14
    20 Postings

    "Plasma", "Im Wahn", "Havemercy" und Romane von Robert Charles Wilson, Peter F. Hamilton, Chris Roberson, Michael Marcus Thurner, Tad Williams & Deborah Beale sowie Robert A. Heinlein

    Bild 5 von 9
    coverfoto: heyne

    Robert A. Heinlein: "Fremder in einer fremden Welt"

    Broschiert, 652 Seiten, € 11,30, Heyne 2009.

    In der famosen Heyne-Reihe "Meisterwerke der Science Fiction" ist dies sage und schreibe der erste Roman von Robert A. Heinlein - immerhin einer der erfolgreichsten und (vor allem in den USA) populärsten SF-Autoren aller Zeiten. Zugleich einer der umstrittensten - und im 1961 erschienenen, Hugo-prämierten, "Stranger in a Strange Land" wird Heinlein seinem Ruf in beiden Aspekten gerecht. Da damals Romane nicht nur kurz sein durften, sondern sogar mussten, wurde die Erzählung seinerzeit erheblichen Kürzungen unterworfen. Dies ist die Übersetzung der erst posthum veröffentlichten Uncut-Version.

    "Fremder in einer fremden Welt" ist Valentine Michael Smith, Sohn zweier Angehöriger der ersten Mars-Expedition, der nach dem Tod seiner Eltern von den Ureinwohnern des roten Planeten aufgezogen wurde. Der anfängliche Rückblick auf diese Expedition und auf welch haarsträubende Weise sie zusammengestellt wurde, zeigt in seinem herrlich schnoddrigen Stil, warum Heinlein derart erfolgreich war. Auch in der Folge glänzt der Roman, der stark von Dialogen geprägt ist, mit Witz und hohem Tempo. Und ebendiese Dialoge sprühen nur so vor Esprit und Dreistigkeiten, als wären sie einer Screwball Comedy entnommen. Selbst philosophische Betrachtungen sind so gut in die jeweilige Situation eingebettet, dass der Schwung erhalten bleibt. - Auf den Mars setzt der Roman übrigens keinen Fuß; die Ereignisse beginnen damit, dass Smith von einer zweiten Expedition zur Erde zurückgebracht wurde und sich nun in eine chaotische Welt hineingeworfen sieht, die mit seiner marsianischen Erziehung nicht im geringsten kompatibel ist. Den Clash der Weltanschauungen machte Heinlein dabei anschaulicher, als es sogar vielen heutigen AutorInnen mit ihren Alien-Pappkameraden gelingt. Bekanntestes Beispiel für Smiths fremde Denkungsart ist wohl das Wort grok, das im Englischen eine Zeitlang zum Mode-Verb wurde und ungefähr "etwas so umfassend verstehen, dass man mit ihm eins wird" bedeutet. Über den genauen Inhalt rätseln die Romanfiguren jedenfalls über die gesamte Länge des Buchs.

    Als - für ihn völlig bedeutungslos - Erbe des größten irdischen Privatvermögens und aus formaljuristischen Gründen sogar "Besitzer" des Mars weckt Smith Begehrlichkeiten und wird zunächst zum Spielball eines politisch-ökonomischen Tauziehens. Mithilfe der Krankenschwester Jill Boardman flüchtet Smith aus dem Spital, in dem er gefangen gehalten wird, auf das Anwesen Jubal Harshaws, des schillerndsten Charakters des Romans: Populärer Autor, Jurist und Bonvivant, gleichermaßen gönnerhaft, überdreht und mitfühlend weise, vereinigt er unzählige Widersprüche in sich, lässt den konservativen Bildungsbürger ebenso raushängen wie den revolutionären Freigeist, äußert einige problematische Ansichten zur Demokratie und hält andererseits die Bürgerrechte hoch; in vielen Passagen scheint er die polternde Stimme Heinleins selbst zu verkörpern. Unter Jubals Fittichen erhält Smith seine Einführung in die menschliche Kultur - und im Zuge der wechselseitigen Annäherung kann er allmählich auch in Worte fassen, was ihn daran stört. Und Heinleins Charaktere sind Menschen der Tat - Smith wird sich also nicht geknickt auf den Mars zurückziehen, sondern beschließt die Dinge auf Erden zu ändern. Dazu stehen ihm auch einige Kräfte zur Verfügung, die sich erst nach und nach herausschälen: So kann er Dinge um neunzig Grad zu allem anderen drehen und damit einfach aus der Welt verschwinden lassen - und ganz beiläufig wird erwähnt, dass die unendlich weisen und langsamen Marsianer durchaus Weltenzerstörung auf dem Programm haben; wenn auch voller Liebe durchgeführt.

    Für Smiths weitere Strategie gibt es zwei Initialzündungen: Erst entdeckt er (mit Jill) den Sex, dann die Religion. Letzteres in Form der Fosteriten, die einen sogar für evangelikale Verhältnisse geschmacklosen Jahrmarkt von Kirche betreiben. Nun gründet Smith seine eigene Sekte ... und ein Messias, der seine Jünger nach einem hierarchischen Stufensystem geistig erhöht und sie mit ihren erweiterten Fähigkeiten zur Unterwanderung in Wirtschaft und Politik hinausschickt: Erinnert das nicht an irgendetwas?  Zwar wird Heinlein wegen seines Konzepts von der "freie Liebe" praktizierenden Kirche als Pionier der sexuellen Revolution heraufbeschworen - doch ganz so aufgeschlossen ist der neue Mensch der Romanwelt dann auch nicht. Die Konstellation Mann-Frau wird verklärt, Mann-Mann von vorneherein ausgeschlossen und Frau-Frau als interessant zum Zuschauen betrachtet ... was nicht wirklich revolutionärer ist als die Mitternachtsschiene im Kabelfernsehen. Obendrein legt der Autor den Figuren einige haarsträubende Sätze in den Mund - wie den, dass neun von zehn vergewaltigten Frauen selber schuld an der Tat sind. Aber es wirkt eben kaum etwas so alt wie die Revolution von gestern. Dass "Stranger in a Strange Land" zum Kultbuch der Hippie-Bewegung erklärt wurde, kann man sich nach der Lektüre ganz gut vorstellen. Erst recht mit dem Gedanken, worin diese später versandelte. Im doppelten Rückblick liest sich Smiths Kirche wie ein irgendwann aufs unweigerliche Platzen zusteuernder 60er-Jahre-Traum aus Kommunenleben, transzendental verbrämtem Gruppensex und reichlich selbstgerechter Glückseligkeit. Und ohne marsianische Spezialkräfte müsste er so wohl auch enden. - "Fremder in einer fremden Welt" ist jedenfalls - no na -  ein ausgesprochen lesenswerter Klassiker. Mit ein paar Abstrichen.

    weiter ›
    Share if you care.