Berlusconi verscherzt es sich mit dem Vatikan

31. August 2009, 17:23
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Die Hauspostille des italienischen Premiers beschimpft Chefredakteur der katholischen Zeitung „L'Avvenire"

Um dem Auflagenschwund entgegenzuwirken, hat Silvio Berlusconis Hausblatt Il Giornale vor zwei Wochen einen neuen Chefredakteur eingestellt. Schon wenige Tage später schlug Vittorio Feltri zu. Am Wochenende feuerte der bekannte Journalist eine Breitseite gegen seinen Kollegen von der katholischen Tageszeitung L'Avvenire: Dino Boffo, erfuhren die Leser aus dem Giornale, sei ein „polizeibekannter Schwuler, der wegen Belästigung gerichtskundig" sei.
Chefredakteur Boffo hatte den Cavaliere mehrmals wegen seines „Lebensstils" und seiner „untragbaren Eskapaden" kritisiert.

Der Vatikan sagte umgehend ein Treffen Berlusconis mit Staatssekretär Tarcisio Bertone ab. Die Bischofskonferenz bezeichnete den Angriff auf den Chefredakteur ihres Blattes als „empörend und widerwärtig". Berlusconi, der sich seit Wochen vergeblich um eine Audienz beim Papst bemüht, musste sich daraufhin von der Zeitung seines eigenen Verlagsimperiums distanzieren.

Boffo warf Feltri vor, einem „offenbar gefälschten Polizeivermerk aufgesessen" zu sein. In dem von der Zeitung zitierten Gerichtsverfahren sei er „nicht Täter, sondern Opfer" gewesen. Am Montag reichte er Verleumdungsklage ein - nur zwei Tage, nachdem Berlusconi die Tageszeitung La Repubblica auf eine Million Euro geklagt hatte. Die von der Zeitung seit drei Monaten publizierten „zehn Fragen an den Premier" - auf seine privaten Affären bezogen - stellten eine „fortgesetzte Diffamierung" dar, so Berlusconi.

Geklagt wurden von Berlusconi auch mehrere europäische Zeitungen, darunter der Nouvel Observateur und das spanische Blatt El País.

Lega-Chef Umberto Bossi will jetzt zwischen Regierung und Vatikan vermitteln. „Wir sind die einzige Partei mit christlichen Wurzeln", erklärte Bossi. Der Premier sorgte allerdings am Sonntagabend mit der Forderung nach „Härte gegenüber Immigranten" für neue Verärgerung im Vatikan. Die Abschiebung von siebzig somalischen Flüchtlingen nach Libyen sei „unvermeidbar", sagte Berlusconi bei einem Besuch in Tripolis. Das Uno-Flüchtlingshilfswerk bezeichnete „die Rückführung von Kriegsflüchtlingen als eklatanten Verstoß gegen die Genfer Konvention". Die EU forderte von Rom „nähere Details über die Aktion".

Berlusconi legte mit Staatschef Muammar al-Gaddafi den Grundstein für den Bau einer 1500-Kilometer-Autobahn quer durch Libyen - und ließ, von Kritik unbeirrt, die Kunstflugstaffel „Frecce tricolori" fliegen. Die Christdemokraten protestierten mit einem Sit-in vor der libyschen Botschaft in Rom gegen das „dritte Treffen mit Gaddafi in drei Monaten". (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, Printausgabe, 1.9.2009)

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    Italiens Staatschef Silvio Berlusconi bemüht sich seit Wochen  um eine Audienz beim Papst bemüht. Die Chancen stehen jetzt nicht besser.

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    Berlusconi und Gaddafi posieren mit einem Plan der zu bauenden Autobahn in Libyen.

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