"Den habe ich mir eingetreten"

26. August 2009, 18:15
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Wolf Haas stellte beim Literaturfestival O-Töne im MQ seinen neuen Roman "Der Brenner und der liebe Gott" vor

Mit Christian Schachinger sprach er über ländliche Lebensweisheiten und Jauchegruben.

Standard: Herr Haas, wenn ich mich recht erinnere war der Simon Brenner 2003 am Ende des Romans "Das ewige Leben" ein bisschen tot. Warum kehrt er 2009 wieder?

Wolf Haas: Das ewige Leben habe ich damals schon vor dem Erscheinen als sechsten und letzten Teil der Brenner-Reihe angekündigt. Es wurde aber nicht der Brenner erschossen, wie in sehr vielen Rezensionen zu lesen war, sondern der Erzähler. Der tauchte auf der letzten Seite des letzten Brenner-Buches das erste Mal überhaupt als Person auf - und wurde gleich getötet. Das hat mir sehr gefallen damals: Die Sprache der Brenner-Romane wird erschossen und ich bin frei für Neues.

Standard: Danach kam Ihr Interview-Roman "Das Wetter vor 15 Jahren", Ihr mit Abstand erfolgreichstes Buch.

Haas: Abgesehen davon, dass man sich über Erfolg immer freut, war es auch ein bisschen seltsam, im Großfeuilleton und in den Bestenlisten anzukommen. Vom Taschenbuch zum Hardcover, fein. Aber ich habe dann doch wieder öfters an den Brenner zu denken begonnen. Mir fiel dann irgendwann die Redewendung ein: Wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen. Falls ich also einmal wieder über den Brenner schreiben wollen würde, wäre das ein klassischer Einstieg.

Standard: Und so ist es dann jetzt mit "Der Brenner und der liebe Gott" gekommen.

Haas: Wenn ich erklären soll, warum ich wieder einen Brenner geschrieben habe, fällt mir der alte Witz ein vom Mann, der zum Arzt geht und einen Frosch am Kopf hat. Der Arzt fragt, was ist denn Ihnen passiert. Und der Frosch sagt: Den habe ich mir eingetreten.

Standard: Man will dann statt beim Meinl am Graben zwischendurch auch wieder im Zielpunkt einkaufen gehen.

Haas: Mir ist es in der richtigen Literaturwelt vielleicht ein bisschen zu nobel geworden. Wenn man zu oft gut essen geht, taucht eine gewisse Sentimentalität nach einem Paar Würschtl auf.

Standard: Kann es auch sein, dass man sich im vertrauten Metier kurz einmal wieder locker schreiben will?

Haas: Ich tue mich im Umgang mit Erwartungshaltungen sehr schwer. Wenn Leute zu mir kommen und sagen, der Brenner taugt ihnen und sie hätten da Vorschläge für kommende Bücher. Da wird einem durch den Erfolg auch das eigene Buch ein bisschen weggenommen. Das ist wie in der Schule. Der Lehrer schaut dir beim Aufsatzschreiben über die Schulter und du erstarrst zu Tode. Sobald ich damals gesagt hatte, dass der Brenner Geschichte sei, gehörte er mir plötzlich wieder allein. Das neue Buch war als solches nicht geplant. Ich habe ursprünglich nur zum Spaß ein wenig mit dem Brenner herum zu schreiben begonnen, habe eigentlich nichts damit beabsichtigt.

Standard: Wenn man nichts mehr erreichen will, geht alles leichter von der Hand.

Haas: Ja. Beim allerersten Brenner-Roman ist es mir auch so gegangen. Davor hatte ich 15 Jahre als Möchtegernschriftsteller hinter mir gehabt. Damals hatte ich aufgegeben und war Werbetexter, was eh okay war. Den Brenner konnte ich dann aus einer gewissen Wurschtigkeit heraus schreiben. Das war eine gewisse Trotzleistung, in einer Sprache zu schreiben, die nicht literaturfähig ist. Dann wird das zu deinem Stil. Von Oswald Wiener gibt es den schönen Satz: Was Stil hat, ist nicht kompetent. Erst nachdem ich ein ganz anderes Buch geschrieben hatte und alle sagten, jetzt hast du dich vom Brenner befreit, ist dieser Brennergrind wieder interessant für mich geworden.

Standard: Das Setting des neuen Romans, Abtreibungsklinikproteste und Prater-Neugestaltung in Wien, korrupter Bauunternehmer in München und Nobelalmhütte in Kitzbühel klingt so, als würde man zwischen halb Acht und viertel Neun am Abend zwischen ORF1 und ORF2 wild hin und her zappen. Wie kommt der Brenner zu seinen Stoffen?

Haas: Der Ausgang von bestimmten Stoffen ist mir eher fremd. Ich kenne das von den Filmleuten, die ganz professionell "einen Stoff entwickeln". Da erschrecke ich zu Tode! Ich fange irgendwie zu schreiben an. Ich habe mir halt gedacht: Der Brenner ist Chauffeur geworden und fährt mit einem Kind zwischen Wien, Kitzbühel und München spazieren. Als zweites kam dann dazu, dass es mich interessiert hat, wie das ist, wenn jemand unter Tabletten- und Drogeneinfluss steht. Wie funktionieren also Antidepressiva beim Brenner? Wie reagiert so ein Mensch, wenn er Zeuge einer Gräueltat wird? Denkt er sich: Na, das ist doch eh alles nicht so schlimm? Am Ende spielen diese Ausgangspunkte aber meist keine große Rolle.

Standard: Die Brenner-Bücher sind keine Bildungsromane, die Figur entwickelt sich nicht, sondern kreist unselig um sich selbst.

Haas: Vielleicht ein gewisser Fatalismus als Grundstimmung.

Standard: Jedem Schicksalsschlag wird mit so genannten Lebensweisheiten begegnet, die man so auch von der eigenen ländlichen Herkunft kennt.

Haas: Ja, total! Ich muss immer lachen, wenn vor allem deutsche Leser glauben, ich würde "beobachten" - oder dass ich mich in Wien in die Straßenbahn setze und zuhöre wie die Leute reden. Dabei sind das alles nur Erinnerungen an meine Verwandschaft. Selbstverständlich ist das aber auch meine eigene gedankliche Basis. Auch wenn man später lernt, sich etwas gewählter auszudrücken. Je später aber der Abend und je mehr man trinkt, desto mehr fällt man in die alte Sprache zurück.

Standard: Man kann Leute mit solchen Sinnsprüchen auch relativ leicht quälen.

Haas: Vielleicht, weil man sich kurzfristig dem rationalen Diskurs entzieht, wenn man nur sagt: "jojo, so is".

Standard: Entwickelt Wolf Haas im Brenner die Idee einer allumfassenden Provinz, in der Geografie keine Rolle spielt?

Haas: Ein wichtiges Element in den Romanen ist jenes, dass der Brenner keine Wohnung hat. Das gibt den beiden Gestalten, also dem Brenner und dem Erzähler etwas Geisterhaftes. Der Brenner wohnt immer nur dort, wo der Fall ist. Dazwischen gibt es ihn nicht.

Standard: In "Der Brenner und der liebe Gott" ist ein zweijähriges Mädchen Brenners liebster Gesprächspartner. Mit Zweijährigen kann man sich aber nicht unterhalten, oder?

Haas: Man unterhält sich immer am besten mit Leuten, die nicht zurückreden können. Reine Projektionsflächen. Ich habe bewusst so ein kleines Kind genommen, weil mit einem älteren wäre das in eine komische Richtung gedriftet.

Standard: Mit Leuten, die anderer Meinung sind, kann man nicht diskutieren.

Haas: Genau! Das ist eigentlich die klassische Haltung eines Romanautors. Wer ein Buch schreibt, will kommunizieren, aber der Leser kann nicht zurückreden.

Standard: Im neuen Roman erlebt der Leser ein bemerkenswertes Erweckungserlebnis. Tief unten in einer Jauchegrube trifft Brenner den lieben Gott. Sagt hier der Autor, jetzt machen wir es ganz tief?

Haas: Gott hilft einem dann, wenn es einem am schlechtesten geht. Das ist ganz genau nach den Buchstaben der Theologie. Außerdem habe ich ein Faible für Gottesbeweise.

Standard: Die ganze Brenner-Reihe durchzieht das Motto "Ein Mann will nach unten". Die Jauchegrube als Tiefpunkt der Karriere.

Haas: Josef Perndl, der für den Buchumschlag die Jauchegrube auf dem Hof seiner Eltern fotografierte, konnte diese Passage kaum lesen, weil es eine Kindheitsangst war. Ich persönlich kenne Jauchegruben nur vom Wort her. Ich habe mich jetzt also in diesen Begriff literarisch vertiefen können. Ich habe offensichtlich einen Hang, mich in gewissen Themen zu suhlen, ha ha!

Standard: Ist Ihnen der Brenner eigentlich sympathisch?

Haas: Mit keinen der Romanfiguren möchte ich unbedingt persönlichen Umgang pflegen. Es sind nicht einzelne Romanfiguren sympathisch, sondern eher, wie sie sich zueinander erhalten, kann einen berühren, die Geschichte, die sich zwischen ihnen entwickelt.

Standard: Der Erzähler scheint vom Brenner ziemlich begeistert zu sein.

Haas: Die Geschichte entwickelt sich nur durch diese Begeisterung. Wenn der Erzähler den Brenner so inniglich lobt und tadelt, dann muss es den Brenner doch geben! Der Brenner wird vom Erzähler spazierengewatscht. Er selbst würde in seiner Wortkargheit nicht viel Roman ergeben.

Standard: Wen man aktuellen Freunden alte Schulkollegen als wilde Hunde vorstellt, und die aber meinen, pass auf, das ist doch ein ausgemachter Trottel: Haben wir es dann mit dem Brenner-Effekt zu tun?

Haas: Während meiner Zeit in der Werbung gab es diesen Lehrsatz vom Unterschied zwischen Reklame, Werbung und PR. Reklame sagt, ich bin toll. Werbung sagt, du bist toll, wenn du mich konsumierst. Und PR ist, wenn du jemanden Dritten dazu bringst, dass er über dich sagt, du bist toll. Insofern hat der Brenner gute PR gemacht, indem er den Erzähler engagiert hat. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.8.2009/red)

  • "Man unterhält sich immer am besten mit Leuten, die nicht zurückreden können. Das ist die klassische Haltung eines Romanautors": Wolf Haas. Zur Person: Wolf Haas wurde 1960 in Maria Alm in Salzburg geboren. Mit seiner teilweise auch verfilmten Romanreihe über den Privatdetektiv Simon Brenner und dem Interviewroman "Das Wetter vor 15 Jahren"  zählt er zu den erfolgreichsten österreichischen Gegenwartsautoren. Der ehemalige Werbetexter lebt in Wien. Am Donnerstag, 27. 8., stellte er im Wiener Museumsquartier seinen Roman "Der Brenner und der liebe Gott"  vor.  Am 22. September gastiert Wolf Haas mit den Sofa Surfers im Wiener Burgtheater. 
 
    foto: standard/ andy urban

    "Man unterhält sich immer am besten mit Leuten, die nicht zurückreden können. Das ist die klassische Haltung eines Romanautors": Wolf Haas.

    Zur Person:
    Wolf Haas wurde 1960 in Maria Alm in Salzburg geboren. Mit seiner teilweise auch verfilmten Romanreihe über den Privatdetektiv Simon Brenner und dem Interviewroman "Das Wetter vor 15 Jahren" zählt er zu den erfolgreichsten österreichischen Gegenwartsautoren. Der ehemalige Werbetexter lebt in Wien.

    Am Donnerstag, 27. 8., stellte er im Wiener Museumsquartier seinen Roman "Der Brenner und der liebe Gott" vor.

    Am 22. September gastiert Wolf Haas mit den Sofa Surfers im Wiener Burgtheater.

     

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