"Ein Fenster in vergangene Zeiten"

19. August 2009, 19:45
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Der deutsche Countertenor Andreas Scholl widmet sich beim Musikfestival Grafenegg dem mittelalterlichen Sänger und Komponisten Oswald von Wolkenstein

Grafenegg - Man kennt ihn vor allem aus den großen Opernpartien Georg Friedrich Händels oder durch Werke von John Dowland, Claudio Monteverdi und Johann Sebastian Bach. Dass Andreas Scholl, der schon im Alter von sieben Jahren bei den Kiedricher Chorbuben ausgebildet wurde, aber auch zu manchen anderen musikalischen Ufern strebt, machte der hessische Countertenor schon vor zwei Jahren deutlich, als er mit dem Album Andreas Scholl goes Pop überraschte.

Nun hat sich der Sänger, der an der Schola Cantorum Basiliensis bei Richard Levitt und René Jacobs studierte und inzwischen selbst dort unterrichtet, sozusagen in die historische Gegenrichtung bewegt und ist für sein neuestes Projekt um einige Jahrhunderte in der Musikgeschichte zurückgesprungen.

Sein Programm rund um den mittelalterlichen Musiker Oswald von Wolkenstein (um 1377-1445), das auch eine CD dokumentiert und beim Musikfestival Grafenegg in der Art eines moderierten Konzerts präsentiert wird, hat eine lange Vorgeschichte.

Scholl: "Als Chorknabe habe ich jeden Tag Gregorianischen Choral gesungen. Daraus ergab sich ein selbstverständlicher Kontakt mit mittelalterlicher Musik. Bevor ich in Basel an der Schola Cantorum zu studieren anfing, kam ich über eine Bekannte zu einer LP, auf der mein späterer Lehrer Richard Levitt Werke von Wolkenstein sang. Ich habe dann ein, zwei Sachen a cappella gesungen; erst später kam die Idee zu einem eigenen Projekt."

Dass dieses den Sänger nachhaltig begeistert, ist aus jedem Satz herauszuhören. Dabei geht er vom historischen Hintergrund aus, der sich in Wolkensteins Biografie ablesen lässt: "Oswald steht an der Grenze zwischen zwei wichtigen Epochen: dem Spätmittelalter, als sich das Feudalsystem auflöste, und der Renaissance. Musik kann über ihren Stil erforscht werden, aber auch über die Lebensgeschichte - und sein Leben ist sehr interessant." Das Reizvolle an Wolkensteins Schaffen liege darin, dass der mittelalterliche Künstler sein aufregendes Leben zwischen Dichtung, Musik und Macht selbst erzähle.

"Es fügte sich, ich war noch kaum zehn Jahre alt, da wollte ich besehen dieser Welt Gestalt ...": So klingt der Anfang seiner Lebensgeschichte mit Oswalds Worten in moderner Transkription, die den Rahmen für den Konzertabend mit Andreas Scholl und dem Ensemble Shield of Harmony unter der Leitung von Marc Lewon bildet.

"Mit seinen Liedern, die für seine Zeit fast schon experimentell sind, hat man die Möglichkeit, in eine Epoche einzutauchen. Sie sind wie ein Fenster in vergangene Zeiten, wie ein Blitzlicht in dieses mittelalterliche Dunkel."

Über den Zugang zur Person des frühen Meisters mehrstimmiger Gesänge, der in seinem Werk Einflüsse aus Gregorianik und Minnesang verbindet, erschließt sich für Scholl auch die politische Geschichte: "Oswald erzählt auf sehr autobiografische Weise, schreibt etwa über seinen Gemütszustand, aber auch über seine Enttäuschungen über die politische Situation. Er hat Sigismund zunächst sehr verehrt, war dann aber ebenso sehr von ihm enttäuscht."

Ein Mensch mit Konturen

Was muss er nun bei einem Ausflug in dieses Repertoire beachten? Scholl: "Wenn man da mit klassisch ausgebildeter Stimme drangeht, wenn man die Stimme opernhaft einsetzt, funktioniert es überhaupt nicht, das auszudrücken, was diese Musik möchte."

Zurücknahme sei hier also angesagt, meint der 41-jährige Countertenor, der auch von einer äußerst angenehmen Wirkung dieses entspannten Zugangs auf die Stimme zu berichten weiß: "Man findet wieder in den Körper zurück mit der Stimme. Manierismen verträgt diese Musik nicht, sie lebt von einer unglaublichen Ehrlichkeit. Oswald erzählt auch peinliche Anekdoten, ohne sich dafür zu schämen. Dadurch bekommt seine Person Konturen, und er wird greifbar als Mensch." (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2009)

 

28. 8. Grafenegg, Auditorium, 19.00

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    Andreas Scholl benutzt den historischen Hintergrund als Einstieg in das Werk des mittelalterlichen Sängers Oswald von Wolkenstein, dem er sich in Grafenegg widmet.

     

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