Kopf des Tages: Weiterfragen, wo sich der Spaß aufhört

28. Jänner 2004, 12:22
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Attackiert mit Vorliebe "stupid white men": Oscar- Preisträger Michael Moore

Was witzig, was lachhaft und was lächerlich ist, entscheidet sich meist dort, wo sich in einer Gesellschaft der Spaß aufhört. Ähnlich verhält es sich mit der "Provokation", der - so das Wörterbuch - "Herausforderung", "Aufreizung".

Wer reizt da etwa wen? Ist ein Boss provokant, der 30.000 Arbeiter in seinen an und für sich höchst profitablen Automobilwerken gefeuert hat? Ist ein Freund und Nachbar dieser Arbeiter provokant, der sich mit einer Kamera auf den Weg macht, um den Boss zu befragen, warum er das getan hat? Oder ist es doch wieder der Manager, der sich solchen Interviews beharrlich entzieht, sich hinter Heerscharen von Assistenten und Abteilungsleitern versteckt?

Der 1954 geborene amerikanische Aktivist und Autor Michael Moore, der solche Manöver mit seinem ersten Film Roger and Me provozierte und dokumentierte - er hat seither den Verfallsprozess in seinem Heimatort Flint, Michigan, definitiv nicht als spaßig empfunden, auch wenn sie wie ein schlechter Witz wirken mögen. Moore reagierte darauf seinerseits aber mit immer grimmigeren Beobachtungen von Wirtschaft und Gesellschaft, die man als Satire lesen könnte, wenn man davon ausgeht, dass dieser Mann gewissermaßen wie ein grober Keil auf einem groben Klotz agiert.

"Eigentlich bin ich nichts anderes als purer weißer Mittelklasse-Trash", sagt er manchmal über sich selbst. "Genau einer von den Typen, die dieser Tage Politiker zuerst wählen, um dann von ebendiesen Politikern an der Nase herumgeführt zu werden." Moore seinerseits stößt nun immer wieder die Leute mit der Nase auf Fakten, die doch mit ein wenig Nachfragen schnell auf der Hand liegen. Etwa, dass der Nike-Boss zwar Kinderarbeit für seine Sportartikel toleriert, aber ungern darüber spricht (siehe Moores Film The Big One).

Oder: dass man den Verkauf scharfer Munition in US-Supermarktketten sehr wohl stoppen kann. Man muss nur für den nötigen Medienauflauf vor den Markttüren sorgen. Diese und andere harte Einsichten am Rande zur Farce präsentierte Michael Moore in Bowling for Columbine - und war damit ebenso erfolgreich wie mit seinem Bestseller Stupid White Men oder der TV-Serie The Awful Truth.

Mit über 18 Millionen Dollar Einspielergebnis allein in den USA erreichte Bowling Bürger aller Gesellschafts-und Altersschichten. Für viele gilt Moore mittlerweile als - Spaß beiseite! - einer der wenigen ernst zu nehmenden Kritiker des reaktionären Amerika. "Ich bin die Mehrheit, ich bin der Mainstream!", brüllt er. "Denkt immer dran: Die Mehrheit der Amerikaner hat Bush nicht gewählt." Ist es provokativ, wenn jemand mit dieser Haltung Redezeit nützt, so wie es Moore jetzt anlässlich der Oscar-Verleihung für Bowling tat? Nein, es ist eher eine Frage der Perspektive. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2003)

Von Claus Philipp
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