Nomadisch gelebte Ensembles

24. August 2009, 14:57
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Das Projekt "Kulturhauptstadtteil des Monats" verbindet das Bedürfnis nach lokalen Ankerpunkten im urbanen Raum mit einer europäischen Dimension

Kommunikationszentren, Orte der Vernetzung, alltagskulturelle Spielwiesen, Betätigungsfelder für Kunst und Kultur, oder einfach Stadtteile: Paris hat sie, Barcelona und London haben sie, ja selbst Wien als vergleichsweise kleine Metropole im internationalen Vergleich hat seine "Gräzl". Und Linz, europäische Kulturhauptstadt 2009? Dort wird seit Beginn des Jahres mit dem Linz09-Projekt Kulturhauptstadtteil des Monats versucht, die Idee von Stadtteilen sowohl bei der Linzer Bevölkerung als auch bei seiner Kommunalpolitik zu etablieren. "Versteht man die Stadt als lebenden Organismus, brauchen ihre Bewohner Bezugspunkte, um sich verorten zu können", behauptet Tamara Schwarzmayr, die für das Konzept des Langzeitprojekts verantwortlich zeichnet: "Diese Ankerpunkte werden also dort gesetzt, wo das Leben stattfindet und das ist nun einmal die nächste Umgebung - oder eben der Stadtteil."

Kulturlandschaften

Auf der Basis einer Studie der Johannes-Kepler-Universität wurde die Stadt Linz in insgesamt zwölf so genannte "gelebte Kulturensembles" unterteilt. In Gesprächen mit lokalen Initiativen, der Stadtpolitik und den Projektträgern von Linz09 wurden aus knapp 50 Einreichungen elf Projekte ausgewählt, die nun jeden Monat kontinuierlich einen der Stadtteile ins buchstäbliche Zentrum rücken und mehrere Wochen lang mit Programmpunkten bespielen, die sich allesamt durch einen stark partizipatorischen Ansatz auszeichnen. Im März des laufenden Jahres öffneten beispielsweise Bewohner des im Süden von Linz gelegenen Stadtteils Kleinmünchen/Auwiesen bei One Day and One Night in a Suburb ihre Haus- und Wohnungstüren, um Gäste bei sich zu beherbergen und gemeinsam 24 Stunden in einer Vorstadt zu leben. Das Angebot wurde von Linzern ebenso wahrgenommen, wie von Besuchern aus Wien und Deutschland. Zwei Monate später, im Mai, wurde der Volksgarten im zentrumsnahen Stadtteil Neue Innenstadt/Froschberg in den Völkergarten - Garten der Vielfalt umbenannt und mit mehrsprachigen Lesungen und Theaterstücken bespielt und im Juni hieß es Zamsitzn in einem Innenhof in Bindermichl/Spallerhof, um diesen als Kommunikationszentrum wiederzubeleben.

Übergangsrituale

"Erste Motivation für das Projekt war, die Stadt größer zu machen", erklärt Schwarzmayr den Grundgedanken der durchwegs gut ausgelasteten Projektreihe: "Durch die Ausweitung des Stadtgebiets bis hin zu seinen Rändern und durch das Programm, haben die Linzer Anlässe, sich auch in den weniger bekannten Gebieten ihrer eigenen Lebenswelt zu orientieren." Um den einzelnen Stadtteilen im monatlichen Rhythmus eine breite Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und gleichzeitig die Vernetzung untereinander zu fördern, wird jeweils zu Monatsbeginn vom Künstlerduo Juhann und Jod ein Eröffnungsfest im so genannten Kunstpalast ausgerichtet. Ein mit Sternparkett, Wandlustern und rotem Samt zur fahrbaren Bretterbühne umfunktionierter Wohnwagen aus den 1970er Jahren dient dazu, den Titel Kulturhauptstadtteil des Monats feierlich von einem zum anderen Stadtteil weiterzureichen. Zusätzlich zu den Übergabezeremonien finden in dieser mobilen Infrastruktur Lesungen, musikalische Performances, Ausstellungen und kuriose Schlagerabende statt.

Nachbarschaften

Insgesamt werden bis Ende das Jahres noch drei weitere Stadtteile bespielt. Bis Ende August versuchen die Bewohner des am nördlichen Donauufer gelegene Stadtteils Urfahr Zentrum/Pöstlingberg noch die Frage Wie kommt ein Seepferdchen an die Donau? in Form von Gesprächen auf einer Hochwasserschutzmauer, Sommerkino in den Hinterhöfen und so genannten öffentlichen Wohnzimmern zu beantworten. Der Austausch mit dem Gegenüber zieht sich also wie ein roter Faden durch alle elf Stadtteilprojekte, deren englische Übersetzung im Programmheft passenderweise Neighbourhood of the Month lautet. Im September wird sich der Stadtteil Franckviertel/Hafenviertel mit 1000 und eine Geschichte aus dem Franckviertel auf die Spur der Alltagswelten seiner Bewohner begeben und die Sammlung von Geschichten auf öffentlichen Plätzen, Straßen und in Höfen präsentieren. Der abschließende Kulturhauptstadtteil Ebelsberg wird im Oktober von der Wanderbank besiedelt, ein nomadisches Projekt, das sich die Mikrostrukturen des Stadtteils aneignet, um Kommunikation auf einer Parkbank einfach passieren zu lassen.

Kommunikation

"Durch die gemeinsame Arbeit haben die Projektautoren Erfahrungen gemacht", sagt Schwarzmayr, die die Kulturhauptstadtteile des Monats als Initialzündung für weitere Stadtteilprojekte versteht: "Erfahrungen, die es ihnen ermöglichen auch nach 2009 ihre Bedürfnisse im städtischen Leben zu artikulieren. Die Kulturhauptstadtteile sind so zusagen eine Visitenkarten für die einzelnen Stadtteile, wenn es darum geht auf kommunaler Ebene weiterzuarbeiten." Ob diese Ideen letztenendes auch in die Strukturen einfließen, sei dies in Form von offizieller Stadtteilarbeit oder sei es durch vermehrte Unterstützung lokaler Kulturträger, hängt schließlich vom politischen Willen ab. In seiner Gesamtheit exerziert das Projekt Kulturhauptstadtteil des Monats auf alle Fälle vor, was auf europäischer Ebene bereits seit längerem vermehrt diskutiert wird. Das Zusammenleben im urbanen Raum gestaltet sich erst dann als lebendiges und funktionierendes System, wenn sich die einzelnen Bestandteile untereinander vernetzen, verquicken und zusammenspielen. Mit dem Motto "Jede/r hat ein Recht auf Stadt!" ist das Stadtteilprojekt mit Sicherheit eine der am besten verankerten und nachhaltigsten Initiativen im Verbund der Linzer Kulturhauptstadt. Recht so! (fair)

 

Kulturhaupstadtteil des Monats

  • Konzept: Tamara Schwarzmayr nach einer Idee von Ingo Mörth
  • Projektleitung: Claudia Dworschak, Tamara Schwarzmayr, Marie-Therese Strasser
  • Mitwirkende: Zusammenschlüsse von Vereinen, Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen aus den Stadtteilen

Links:
www.linz09.at/kulturhauptstadtteil
www.linz09.at/kunstpalast
http://juhannundjod.at

  • Versuch einer Einteilung der Stadt Linz in "gelebte Kulturensembles": Die zwölf Kulturhauptstadtteile des Monats im Überblick von Alte Innenstadt bis Dornach-Auhof, Katzbach.
 
 
    grafik: martin ulrich kehrer

    Versuch einer Einteilung der Stadt Linz in "gelebte Kulturensembles": Die zwölf Kulturhauptstadtteile des Monats im Überblick von Alte Innenstadt bis Dornach-Auhof, Katzbach.

     

     

  • Artikelbild
    foto: linz09/martin ulrich kehrer
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    foto: linz09/anne jannsen
  • Eindrücke aus den Kulturhauptstadtteilen des Monats: Völkergarten - Garten der Vielfalt im zentrumsnahen Stadtteil Neue Innenstadt/Froschberg (oben) und 1000 und eine Geschichte aus dem Franckviertel im Franckviertel/Hafenviertel (Mitte, unten).
 
 
    foto: linz09/ewald kutzenberger

    Eindrücke aus den Kulturhauptstadtteilen des Monats: Völkergarten - Garten der Vielfalt im zentrumsnahen Stadtteil Neue Innenstadt/Froschberg (oben) und 1000 und eine Geschichte aus dem Franckviertel im Franckviertel/Hafenviertel (Mitte, unten).

     

     

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    foto: linz09/ewald kutzenberger
  • Der Kunstpalast von Juhann und Jod reicht jeden Monat den Titel Kulturhauptstadtteil des Monats
weiter und bietet mit Ausstellungen,
Lesungen (im Bild unten: Franzobel) und musikalischen Performances ein breites
Programm.
    foto: linz09

    Der Kunstpalast von Juhann und Jod reicht jeden Monat den Titel Kulturhauptstadtteil des Monats weiter und bietet mit Ausstellungen, Lesungen (im Bild unten: Franzobel) und musikalischen Performances ein breites Programm.

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