"Sie wollten Angehörige davon abhalten, die Leichen zu sehen"

20. August 2009, 13:20
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Das Buch "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989" dokumentiert erstmals die Geschichten hinter den Zahlen

In akribischer Kleinarbeit recherchierten Hans-Hermann Hertle und Maria Nooke im Rahmen eines Forschungsprojektes die Geschichten all jener, die von 1961 bis 1989 an der Berliner Mauer Opfer des DDR-Grenzregimes wurden. Rechtzeitig zum Gedenkjahr erschien das Ergebnis ihrer Arbeit in Buchform. Maria Nooke, stellvertretende Leiterin der Mauergedenkstätte in Berlin, sprach im derStandard.at-Interview über das DDR-Grenzregime, warum "Mauertoter" nicht gleich "Mauertoter" ist und beklemmende Biografien.

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derStandard.at: Rechtzeitig zum Jahrestag des Baus der Berliner Mauer im August 1961 erschien das Buch zu Ihrem Forschungsprojekt "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989". Die erste wissenschaftliche Dokumentation zu diesem Thema. Warum erst jetzt?

derStandard.at: Schon als die Mauer noch stand, versuchte man in Westberlin, die Todesfälle aufzunehmen und zu dokumentieren. Es gab allerdings nie die Möglichkeit, diese Fälle auch zu überprüfen. Nach dem Mauerfall folgten in den 90er Jahren die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. In ihren Listen wurden allerdings nur die Gewalttaten berücksichtigt. Alle Todesfälle, die durch Unfälle oder Fluchtsprünge passierten, wurden nicht verzeichnet. Das führte dazu, dass es vollkommen unterschiedliches Zahlenmaterial gab, die Angaben variierten zwischen 86 und 200 Todesopfern. Wir wollten hier Klarheit bringen. Und jedem Opfer eine Geschichte und ein Gesicht geben.

derStandard.at: Wann ist ein Opfer für Sie ein "Mauertoter" und wann zum Beispiel ein "Verunfallter"?

Nooke: Wir haben genaue Kriterien angewandt, unter denen wir die Verdachtsfälle geprüft haben. Für uns musste es einen Zusammenhang mit einem Fluchtgeschehen geben oder der Tod musste einen ursächlichen und örtlichen Zusammenhang mit dem Grenzregime haben. Alle anderen Zwischenfälle, wie zum Beispiel Schusswaffenunfälle oder Suizide bei Grenzsoldaten, haben wir nicht in unserer Aufstellung. Die Hintergründe der einzelnen Fälle wurden genau geprüft.

derStandard.at: Die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Anm.) versuchte die Zwischenfälle zu verschleiern. Wie schwierig war es, die Fälle zu dokumentieren bzw. dokumentierte Fälle auf deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen?

Nooke: Diese Todesfälle sollten natürlich in der DDR veschleiert und vertuscht werden. Das führte dazu, dass es keine gesammelten Unterlagen zu den Todesfällen gab und wir uns auf eine sehr verzweigten Quellengrundlage stützen mussten. Angefangen von den Akten der Grenztruppen, der Stasi, der Polizei bis hin zu den Akten des Politbüros und denen der Staatsanwaltschft haben wir alles ausgewertet und gegengechekt, so dass wir davon ausgehen können, dass die 136 Todesfällen weitgehend die gesicherte Anzahl der Opfer ist.

derStandard.at: Die Toten bekommen in Ihrer Dokumentation alle Gesichter in Form von Biografien. Wollen Sie exemplarisch eine hervorheben?

Nooke: Jede Geschichte für sich ist bedrückend und reflektiert das brutale Grenzregime. Es ist also gar nicht wirklich möglich, auszuwählen. Aber natürlich sind manche Geschichten eindrücklicher, wenn man persönlich einen Bezug dazu hat. Mir fällt hier zum Beispiel eine Geschichte ein: Ein junger Mann, Ottfried Reck, 22 Jahre alt, wuchs in der Nähe der Sektorengrenze auf, eine Gegend in der ich selbst wohne. Er hatte 1961 an einer Protestaktion gegen die Errichtung der Grenzanlagen teilgenommen und war deswegen zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach seiner Entlassung plante er seine Flucht. Als Kind hatte er auf einem Spielplatz einen Zugang zu einem S-Bahnschacht entdeckt, der mittlerweile vergittert war. Er und einige Freunde wollten in den Schacht um dort eine S-Bahn anzuhalten. Sie wurden erwischt und Reck wurde dabei erschossen. Mich persönlich hat das deswegen so erschüttert, weil das der Spielplatz war, an dem meine eigenen Kinder gespielt haben.

derStandard.at: Wie wurden damals die Angehörigen informiert?

Nooke: Die Angehörigen haben oft nicht erfahren, was wirklich passiert ist. Ein erschreckendes Beispiel ist das von zwei Kindern, elf und dreizehn, die über die Grenzanlagen kletterten, um den Vater des einen in Westberlin zu besuchen. Die beiden sind dabei erschossen worden. Den Angehörigen hat man gesagt, sie wären in der Nähe von Leipzig an einem Stromschlag ums Leben gekommen. So wollte man sie davon abhalten, die Leichen nochmal sehen zu wollen. Oft wurden sie auch eingeäschert, bevor die Angehörigen überhaupt informiert wurden.

Viele Tote hätten verhindert werden können, wenn früher ärztliche Hilfe verfügbar gewesen wäre. Das Wichtigste war aber immer, dass vom Westen aus nichts beobachtet werden konnte. Da wurden Verletzte schon mal stundenlang liegen gelassen.

derStandard.at: Könnte Ihre Dokumentation Basis für Wiedergutmachungszahlungen an die Familien der Opfer sein?

Nooke: Es existiert die gesetzliche Grundlage, dass Angehöriger derer, die zu DDR-Zeiten gewaltsam ums Leben gekommen sind, Anspruch auf finanzielle Unterstützung haben. Darauf weisen wir auch in unserem Buch hin.

derStandard.at: Unter den 136 Opfern an der Berliner Mauer sind in Ihrer Dokumentation auch acht Grenzsoldaten aufgelistet. Der Beirat der Gedenkstätte Berliner Mauer hat entschieden, dass die im Dienst getöteten Grenzsoldaten nicht in das geplante "Fenster des Erinnerung" aufgenommen werden sollen, mit dem der Maueropfer gedacht werden soll. Darüber wurde im Vorfeld viel diskutiert.

Nooke: Das ist ein schwieriges Thema. Grenzsoldaten werden ja als Todesschützen verstanden und sie sind auch diejenigen, deren Auftrag es war, Grenzverletzungen um jeden Preis zu verhindern. Unter unsere Kriterien fallen aber auch die Grenzsoldaten, die in Zusammenhang mit einem Fluchtversuch erschossen wurden. Eine andere Diskussion ist es, ob man in einem Denkmal, bei dem es um die Würdigung um Menschen geht, Soldaten und andere Opfer gleichsetzen soll. Es gab dann die Entscheidung, die Soldaten nicht in das Fenster der Erinnerung aufzunehmen, aber in der belgeitenden Ausstellung ihre Namen zu nennen.

derStandard.at: Die schlechten Erinnerungen an die DDR scheinen zu verschwinden. Ostalgie statt kritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Nooke: Die Diskussion über die "Ostalgie" haben wir ja schon seit Jahren. Dieses Buch wird aber ganz sicher ein Gegengewicht dazu setzen. (mhe, derStandard.at, 20.8.2009)

Maria Nooke ist seit 1999 wissenschaftliche Mitarbeiterin und stellvertretende Leiterin in der Gedenkstätte Berliner Mauer.

Hans-Hermann Hertle, Maria Nooke: "Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989. Ein biographisches Handbuch". Ch. Links-Verlag. ISBN: 978-3-86153-517.

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    Weiße Kreuze zum Gedenken an die beim Fluchtversuch an der Mauer getoeteten DDR-Fluechtlinge am Spreeufer am Reichstag in Berlin. Genau 20 Jahre nach dem Mauerfall wird erstmals eine wissenschaftlich dokumentierte Bilanz der Todesopfer an den Berliner DDR-Grenzanlagen vorgestellt.

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