Japans Wirtschaft hat Talsohle überwunden

17. August 2009, 17:53
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Nach Deutschland und Frankreich hat sich Japan als dritte große Industrienation aus der Rezession befreit

Nach Deutschland und Frankreich hat sich Japan als dritte große Industrienation aus der Rezession befreit. Das Bruttoinlandsprodukt legte von April bis Juni um 0,9 Prozent zu. Die Erholung geht von Asien aus.

Tokio – Japans Wirtschaft ist im zweiten Quartal so stark wie in keinem anderen Industrieland gewachsen. Nach vier Quartalen Sturzflug stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) angetrieben von den Exporten und Konjunkturprogrammen verglichen mit dem Vorquartal wieder um 0,9 Prozent. Gleichzeitig revidierte die Regierung das BIP für das erste Quartal von minus 3,8 auf minus 3,1 Prozent nach oben.

Die Zahlen stärken die Überzeugung, dass Japan das Gröbste überstanden hat. "Die Aussichten bleiben ernst, aber wir erwarten, dass die Wirtschaft sich in Richtung Erholung bewegen wird" , sagte am Montag Yoshimasa Hayashi, Minister für Wirtschafts- und Haushaltspolitik. Richard Jerram, Volkswirt der australischen Bank Macquarie, geht sogar davon aus, dass die Regierung nun ihre Konjunkturprognose für das bis Ende März 2010 laufende Bilanzjahr von minus 3,3 Prozent nach oben revidieren muss. Die UBS verbesserte ihre Voraussage für das Fiskaljahr gestern sogar auf minus 2,4 Prozent. Die Aussichten für das Kalenderjahr hätten sich von minus sechs auf minus 5,5 Prozent verbessert, urteilen die Volkswirte der deutschen DekaBank.

Japans schnelle Wende ist für viele Ökonomen eine Überraschung. "Das erste positive Quartal des japanischen Bruttoinlandsproduktes kam schneller als wir das zu Jahresbeginn noch erwartet haben" , erklärte die DekaBank in ihrer Analyse. Bis jetzt ging die Fachwelt davon aus, dass sich zuerst die asiatischen Schwellenländer und die USA erholen würden, und Japan nachziehen würde. Doch die aktuelle Erholung geht von Asien aus, während die US-Wirtschaft immer noch schrumpft. "Dies bestätigt den immer stärkeren Einfluss der asiatischen Wirtschaft" , urteilt UBS-Ökonom Takuji Aida.

Exporte gestiegen

Aufs Jahr hochgerechnet stiegen die Exporte nach Asien und vor allem China um 30 Prozent. Die Exporte werden wahrscheinlich nach ihrem beispiellosen Fall weiterhin anziehen, ist der Tenor. Denn die Konjunkturbarometer für China und die USA, die beiden größten Absatzmärkte Japans, verbessern sich. Der Klimaindex der Einkaufsmanager in China hat sich bereits im April auf über 50 erholt. Dies deutet auf Expansion hin.

Gleichzeitig entfalten die drei großen Konjunkturpakete, die Japans Regierung seit Herbst geschnürt hat, ihre Wirkung. Dank eilig beschlossenem Kurzarbeitsgeld, Verlängerung des Arbeitslosengeldes, einem Geldgeschenk von 12.000 Yen pro Bürger und Abwrackprämien für Autos und Haushaltsgeräte konsumierten die Japaner 0,8 Prozent mehr als im vorigen Quartal, obwohl die Arbeitslosigkeit im Juni mit 5,4 Prozent fast den Nachkriegsrekord egalisierte.

Der Absatz von großen Haushaltsgeräten sprang sogar um 6,6 Prozent empor, weil die Regierung den Kauf von Energie sparenden Kühlschränken, Klimaanlagen und Flachbildfernsehern durch so genannte "Öko-Punkte" mit fünf bis zehn Prozent des Kaufpreises bezuschusst. Der Staat investierte nach Jahren der Einsparungen sogar 8,1 Prozent mehr als noch im Quartal zuvor.

Wermutstropfen dämpfen allerdings die Hoffnung auf hohes Wachstum. "Die zwei Schlüssel für einen selbsttragenden Aufschwung – Unternehmensinvestitionen und die Gehälter – haben sich im zweiten Quartal weiter verschlechtert" , urteilt Kyohei Morita von Barclays Capital in Tokio. Die Unternehmen kappten ihre Investitionen nochmal um 4,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Und ihren Angestellten senkten sie die Gehälter um 4,7 Prozent. So stark sanken die Gehälter seit Beginn der statistischen Aufzeichnung 1955 noch nie. Der Import ging daher um 5,1 Prozent in die Knie und bescherte rechnerisch durch einen hohen Exportüberschuss den starken Wachstumsschub.

Im ersten Quartal des Jahres fiel das BIP um über sieben Prozent niedriger als im Vorjahr aus. Im zweiten Quartal waren es immer noch minus 6,4 Prozent. (Martin Kölling, Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.8.2009)

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    Nicht nur in Elektronikläden ist die Kauflust wieder gestiegen. Japans Regierung bezuschusst den Kauf stromsparender Geräte durch Öko-Punkte mit fünf bis zehn Prozent des Kaufpreises.

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