Wahrhaftig österreichisch!

12. August 2009, 16:02
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Ein Dankschreiben - von Robert Menasse

Sehr geehrter Herr Professor Botz! Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Februar-Artikel im STANDARD vom 18. dieses Monats. Was Sie schreiben, ist mehr als wahrhaftig, es ist wahrhaftig österreichisch! Wie Sie Punkt für Punkt die Thesen meines Kommentars bestätigen, dies aber, in Anbetracht der gegenwärtigen Regierung in Österreich und ihrer "Tradition", zugleich mit dem Gestus des radikalen Widerspruchs tun, ist wirklich erhellend.

Im Grunde ist jetzt also alles geklärt - bis auf drei kleine Fragen, die zu beantworten ich Sie höflichst bitte:

Erstens: Sie sind ja bekanntlich einer der Professoren, die sich im Zuge der Universitätsreform auf die Seite der Regierung geschlagen haben, wobei Sie, als Mitinitiator der "österreichischen Lebenslüge-Debatte" vor rund zwanzig Jahren, auch in diesem Zusammenhang unbestritten als Autorität gelten müssen. Zweifellos haben Sie daher auch die so genannte "Tortung" von Rektor Winckler als unentschuldbaren Gewaltakt empfunden.

Nun bitte ich Sie, mir und Ihren Studenten nochmals unmissverständlich zu erklären, mit welchen wissenschaftlichen Methoden die Empathie und das Verständnis hergestellt werden können, die Sie in Hinblick auf die Massenmorde des Dollfuß-Regimes zeigen.

Zweitens: Sie haben mit einiger Logik vorgeführt, dass der Faschismus-Begriff, wenn er für den Austrofaschismus nicht gilt, natürlich auch für andere faschistische Systeme nicht angewandt werden dürfe, zum Beispiel für den Franco-Faschismus, für den Sie den wesentlich kreativeren Begriff "ordnungsstaatliche Herrschaftsform" vorschlagen.

Nun frage ich Sie, ob es nicht einen kleinen Schönheitsfehler in Ihrem Text darstellt, dass Sie aber immer noch von "Mussolini-Faschismus" sprechen. Ich hoffe, dass Sie sich damit nicht bei Ihrer Regierung, die bekanntlich beste Beziehungen zum Mussolini-Verteidiger Berlusconi unterhält, in die Nesseln gesetzt haben, bin aber sicher, dass Sie dieses Missverständnis ausräumen können.

Drittens: Sie haben eindeutig klargestellt, in Ihrem Lager ist Österreich. Nun bitte ich Sie, mir abschließend die Frage zu beantworten: In welches Lager kommen solche wie ich? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.2.2004)

 

 

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