Graburnendiebstahl im Dienste des Tierschutzes

10. August 2009, 17:50
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Nach Brandanschlag auf Villa von Novartis-Chef Vasella führt Spur zu militanten Gegnern der Pharmafirma

Als vergangene Woche die Jagdhütte von Daniel Vasella, Chef der Pharmafirma Novartis, im Tiroler Ort Bach in Flammen aufging, könnte dies der bisher letzte Anschlag auf den Manager aus einer ganzen Reihe vorangegangener Attacken gewesen sein. Laut Polizei, die derzeit das Bekennerschreiben einer Gruppe namens "Militant Forces Against Huntingdon Life Science" (MFAH) prüft, stehen militante britische Tierschützer im Verdacht, systematisch Druck auf Vasella auszuüben.

Denn nur eine Woche vor dem Feuer in der Villa war die Graburne von Vasellas Mutter auf dem Churer Friedhof gestohlen und der Grabstein mit den Worte "Drop HLS now" - etwa: Lass sofort die Finger von HLS - beschmiert worden. HLS, das ist die Firma Huntington Life Sciences, eines der größten Tierversuchsunternehmen Europas. Es steht seit Jahren im Fadenkreuz britischer Tierschutzorganisationen wie "Animal Liberation Front" (ALF), "Animal Rights Militia" oder "Stop Huntington Animal Cruelty" (SHAC) - die Übergänge zwischen diesen Gruppen sind oft fließend.

"Direkte Aktionen"

Die Taktiken, deren sich die Aktivisten bedienen, sind mittlerweile zum Vorbild für ähnlich gesinnte Organisationen auf dem Kontinent geworden. Demonstrationen und öffentlicher Protest sind hier nur ein erster Schritt. Mit sogenannten "direkten Aktionen" versuchen die Tierschützer den Druck zu erhöhen, wobei auch sekundäre und tertiäre Zielgruppen ins Visier geraten wie Zulieferer und deren Geschäftskunden. Auch die Tierschützerermittlungen in Österreich gehen vom Existieren einer solchen Taktik aus - freilich bisher ohne konkrete Ergebnisse.

Die Aktionen der militanten Briten reichen von regelmäßigen Bombenalarmen, Einschüchterung der Mitarbeiter durch die Veröffentlichung von Namen und Adressen im Internet über Sprengsätze unterm Auto oder Brandanschläge auf die Häuser von Führungskräften. Novartis' Beteuerung, keine Geschäftsverbindungen mehr mit HLS zu haben, wird seitens der militanten Tierschützer offensichtlich nicht geglaubt.

Zielscheibe

Schon vor zwei Jahren wurde die Firma zur Zielscheibe von "Animal Rights Militia" -Aktivisten. Sie behaupteten, hunderte Tuben von Novartis' antiseptischer Salbe "Savlon" vergiftet zu haben. Zwar fand sich in keiner einzigen Gift, aber der wirtschaftliche Schaden war angerichtet. Der Diebstahl der Urne von Vasellas Mutter spiegelt den Fall von Gladys Hammond, deren sterbliche Überreste von SHAC 2004 aus dem Grab gestohlen wurden, um ihren Schwiegersohn dazu zu bewegen, keine Meerschweinchen mehr für Versuchszwecke an HLS zu verkaufen.

Im Mai 2007 wurde mit der sogenannten "Operation Achilles" weitflächig gegen militante Tierschützer in England, Belgien und den Niederlanden vorgegangen. Die Briten Greg Avery, Heather Jones oder Dan Amos erhielten für ihre Kampagnen Gefängnisstrafen zwischen vier und elf Jahren. Die Polizei schätzt, dass mittlerweile rund drei Viertel der militantesten Tierschützer hinter Schloss und Riegel stecken. Das restliche Viertel aber dürfte noch aktiv sein. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD-Printausgabe, 11.8.2009)

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