Im Berufsleben zu bleiben ist eine Holschuld

8. August 2009, 10:03

"Mit einem Zeh (Fuß wäre übertrieben) im Berufsleben zu bleiben, ist eine Holschuld", berichtet Userin Hermine H.

Ich habe im Mai 2008 mein drittes Kind bekommen, und das mit 43 Jahren. Meine zwei älteren Kinder sind schon in der Pubertät. Jedenfalls habe ich mir sehnlichst diesen dritten Junior gewünscht und bin nun unendlich froh, welche Lebensveränderung sich durch ihn (ja, ein Bub) für mich ergeben hat.

Meine Berufstätigkeit sehe ich derzeit als unterbrochen an, obwohl ich nach dem Mutterschutz das "neue" Elternteilzeit-Modell in Anspruch genommen habe und seither ca. acht Stunden in der Woche von zu Hause arbeite. Meine Haupttätigkeiten im Personalwesen, die sehr interessant und abwechslungsreich waren, habe ich komplett an eine Nachfolgerin übergeben, und ich mache derzeit das, was in acht Stunden pro Woche möglich ist: ansspruchvoll ist es nicht, zugegeben. Und am Ball bleiben, Informationen holen, mit einem Zeh (Fuß wäre übertrieben) im Berufsleben zu bleiben, ist eine Holschuld - auch wenn die Karenzierten und Teilzeitangestellten von der Firma informiert werden. Aktive Beteiligung und Eigeninitiative sind nötig und für mich selbstverständlich.

Die 15 Monate sind um

Ich habe mich für das Modell 15+3 entschieden, weil ich mir so früh wie möglich offen lassen wollte, wieder mehr zu arbeiten und nicht auf die jährliche Verdienstgrenze schauen zu müssen. Und was soll ich sagen: die 15 Monate sind um, und ich habe noch keine Ambitionen, mehr zu arbeiten. Die Auszeit mit meinem Kleinen, mein letztes Kind, meine Pause vom fulltime job, die Möglichkeit der Evaluierung meines status quo, das Innehalten und langsamer Treten, all das ist ein Geschenk für mich - welches ich voll genieße. Wie hätte ich sonst jemals mit Mitte vierzig eine geschützte Berufsunterbrechung mit Wiedereinstiegs-Garantie haben können? Abgesehen von einer Bildungskarenz, welche jetzt forciert wird und auch eine gute Sache ist.
Ich schätze, dass ich bis weit über 60 Jahre arbeiten gehe, sofern ich nicht arbeitslos werde, da könnte ich mich noch x-mal beruflich verwirklichen und interessante Projekte übernehmen. Mir läuft die Zeit nicht davon, im Gegenteil, sie ist mit mir!

Guten Einstellung zur Mutterschaft

Als Mutter bin ich bei meinem dritten Kind sehr entspannt und routiniert, dass wirkt sich voll positiv auf den kleinen Mann aus. Er ist bisher das angenehmste und ausgeglichenste meiner drei Kinder, er kommt in den Genuß meiner Erfahrungen und meiner guten Einstellung zur Mutterschaft. Zu meinem Mann habe ich ein sehr partnerschaftliches und faires Verhältnis, er beteiligt sich wie eh und je an Haushalt und Kindererziehung. Außerdem hat er seine Arbeitszeit auf vier Wochentage eingeschränkt, sodass er die Balance Beruf/Familie ein bißchen mehr ausgleichen kann. Aufgrund unserer langen Berufstätigkeit (um die 20 Jahre, bei mir mit jeweils einer Phase der Teilzeitarbeit nach den Kindern) sind wir finanziell ganz gut situiert und die Aufbauphase vom Nest ist längst abgeschlossen. Die Gehaltseinbußen haben wir gut durchgerechnet und können die laufenden Kosten unserer 5-köpfigen Familie vom derzeitigen Einkommen sowie mit Erspartem abdecken. Ich habe nicht das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen und empfinde Kinderbetreuungsgeld, Familienbeihilfen und Gehalt (beider Eltern) als ausreichende Einnahmequelle. Vermutlich sind wir jedoch keine Durchschnittskonsumenten, wir machen es uns gern zu Haus gemütlich, kochen selbst, auch second Hand Utensilien für den Kleinen bzw. Geborgtes nehmen wir gern an.

Die Aufteilung der Kosten ist bei uns kein Thema, mein Mann übernimmt alle fixen Abbuchungen und ich die laufenden Einkäufe, sollte einem von uns etwas am Monatsende übrig bleiben, steht es der Familie jederzeit zur Verfügung.

Als Kinderbetreuung für meine acht Arbeitsstunden (sofern ich sie nicht während der Schlafzeiten vom Kleinen erledigen kann) haben wir eine Oma, die wöchentlich zwei Mal zu uns kommt und mit dem Nachwuchs spazieren geht oder spielt. Fremdbetreuung habe ich noch nicht gebraucht, hätte aber Tagesmütter im Umkreis - bin allerdings sicher, dass eine Wartezeit zur Aufnahme eingeplant werden müsste. Ich habe wieder ein neues Netzwerk zu Jung-Mamis aufgebaut, die tatsächlich gegen mich recht jung sind, ich halte das für sehr notwendig für eine gelungene Baby-Pause.

À propos gelungene Baby-Pause: mit meinem fulltime job hätte ich vermutlich nicht die Zeit gehabt, den online Standard so ausführlich zu lesen und noch dazu einen Leserbrief zu verfassen ... und jetzt geh ich Gitarre spielen. (Hermine H., dieStandard.at, 8.8.2009)

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